Der alte Herr merkte kaum, daß es sich um einen Angriff auf seinen Liebling handelte, als seine Lippen sich ärgerlich zusammenkniffen. Er selbst litt unter dessen bevorstehender Abwesenheit, hatte seiner Bitte aber dennoch willfahrt und ein Beispiel der Selbstverleugnung gegeben; mußte er dem geistvollen Zauberer nicht einmal ein Abenteuer, in dem er sich austobte, gestatten? War er doch selbst jung gewesen! Und wieviel mehr als ein anderer bedurfte der Feurige, der Zündende, der Verschwender Zufuhr neuer Kräfte, die ihm, dem Papst, und allen, die ihn hörten, wieder zuteil werden würden! Wenn er sich vorstellte, wie der löwenhafte Mann das erstemal, die Arme über der Brust gekreuzt, vor ihm niedergekniet war, so pflegten ihm Tränen in die Augen zu treten. Niemals war er seitdem von dieser kindlichen und ritterlichen Hingebung abgewichen. Obwohl hitzigen Temperaments und hochfahrenden Sinnes, wie er denn im Umgang mit anderen Menschen oft durch zügellose Laune und Grobheit überraschte, nahte er sich ihm, dem Heiligen Vater, dem zierlichen kleinen Manne, nie ohne Unterwürfigkeit, nahm er von ihm jeden Tadel mit Bescheidenheit und Geduld entgegen und rief in jeder Angelegenheit sein Urteil als das höchste, gleichsam von Gott selbst ausgefertigte an, dem sich zu beugen ihm augenscheinlich sowohl Lust wie Pflichtgebot war.
Indem er sich in seinem Sessel zurücksetzte, betrachtete Innozenz den Kardinal erstaunt und bat um eine Erklärung des Anteils, den er an dem Urlaub und der Reise des Sängers nähme. Ein wenig errötend sagte der Kardinal, es sei dem Heiligen Vater vielleicht nicht bekannt, daß Ronco den Ausflug in Begleitung einer Dame zu machen gedenke, einer Dame, mit der er weder in verwandtschaftlicher noch in ehelicher Beziehung stehe, soviel ihm bekannt sei.
»Und was weiter?« fragte der Papst kühl. »Sollten Sie, mein Freund, niemals, eine Reise mit Damen ohne verwandtschaftliche Beziehung unternommen haben? Oder wenn Sie, ein Geistlicher, ein Diener Gottes, es nicht getan haben, warum sollten Sie einem Sänger diese Freiheit mißgönnen?«
Der Kardinal zitterte vor Verlegenheit, Angst und Enttäuschung. »Verzeihen mir Eure Herrlichkeit,« sagte er, »wenn die Sorge um eine Frau, die mir teuer ist, und über deren Heil zu wachen ich mich verpflichtet halte, mich zu weit hingerissen hat.«
Bevor er noch mehreres hinzufügen konnte, unterbrach ihn der Papst, indem er sagte: »Gut, gut! Überlassen Sie es mündigen Frauen, sich selbst zu schützen, wenn sie überhaupt des Schutzes bedürfen oder ihn wünschen. Ich habe es stets so gehalten, daß ich meinen Untergebenen in Familiensachen freie Hand ließ, denn dies ist der Punkt, wo aus Herrschaft Tyrannei würde.«
Nach dieser Zurechtweisung wurde der Kardinal nicht ungnädig entlassen; ja, der Heilige Vater zeichnete ihn beim nächsten Empfang mit liebenswürdigen Worten aus; aber als er nach einigen Tagen an die Spitze einer Mission zur Bekehrung der Heiden in Japan gestellt wurde, konnte er nicht umhin, darin mehr den Wunsch des Papstes, ihn zu entfernen, als einen Beweis seiner Hochachtung zu sehen.
Das Bewußtsein seiner Untauglichkeit zu einer solchen Aufgabe war so stark in ihm, daß er es wagte, dem Papst seine Befürchtungen dieserhalb zu unterbreiten; doch beruhigte ihn dieser mit dem Hinweis auf seine mannigfachen Talente, denen, wenn sie der Glaubenseifer unterstütze, nichts unmöglich sein werde, und auf die Märtyrerkrone, die er sich im besten Fall erwerben könne.
Don Orazio hielt sich etwas länger, schließlich jedoch wußte der unentwegte Ronco auch ihn zu stürzen, indem er ihn durch fortwährende Widersetzlichkeiten und Kränkungen dahin brachte, sich beim Heiligen Vater über ihn zu beklagen. Als dieser ihn damit abwies und ihm vielmehr empfahl, sich einem so herrlichen Künstler, der Zierde seines Hofs, gegenüber nicht zu überheben, brauste Orazio auf und rief aus: »Wie? Von diesem Vieh, das ich aus dem Morast gezogen habe, soll ich mich ungerecht verhöhnen lassen?«, mit welcher unbesonnenen Äußerung er die Gunst seines Herrn vollends verscherzte. Denn wie er sich wegen des beleidigenden Ausdrucks rechtfertigen wollte, bedachte er, daß er den wahren Hergang seiner Bekanntschaft mit Ronco nicht wohl enthüllen konnte, ohne sich in verhängnisvolle Mißhelligkeiten zu verwickeln, und mußte, da er sich über sein Benehmen nicht ausreden konnte, als verleumderischer Schwätzer oder ungezähmter Tollkopf dastehen. Die es gut mit ihm meinten, waren der Ansicht, daß er es noch für Gnade und Glücksfall ansehen müsse, als der Papst ihn nach dem kleinen Hofe von Lucca empfahl, wo er zwar in schmalen Verhältnissen, aber doch ohne Not und Gefährdung sein Dasein fristen konnte.
Schlimmer und besser zugleich erging es seinem Freunde Mazzamori, der zwar mancherlei Entbehrungen und Todesgefahr zu bestehen hatte, aber, wenn solche vorübergegangen war, auch Augenblicke bisher unbekannter Seligkeit feierte, und über dessen liebe und traurige Vergangenheit die vielen absonderlichen Eindrücke, die er empfing, einen bunten Schleier webten, der sie undeutlich machte. Zuweilen, wenn er in fremder Einsamkeit am Gestade des Ozeans zwischen namenlosen Riesenbäumen und vorüberhuschendem Getier in der Dämmerung sich erging, erinnerte ihn, er wußte nicht wie, ein lieblicher Himmelsglanz zu seinen Häupten an die schmalen länglichen Cherubsaugen jenes jungen Lancelotto, mit denen er frei in paradiesischen Sphären auf die verlassene Erde hinabsehen wollte. Vielleicht, dachte er, lächelt er über die Verworrenheit, in die wir armen Toren verstrickt sind, wenn er sich nicht lange schon ermüdet weggewendet hat zu den gelösten Geheimnissen der Weltregierung. Auf Augenblicke schwieg dann das Heimweh nach der goldenen Küste Italiens, das ihn in Stunden, wo er allein war, zu beschleichen pflegte, und er dachte mit bänglicher Sehnsucht an die Märtyrerkrone, die seine Arbeit unter den bösen Heiden ihm eintragen konnte, und die vielleicht, von unsichtbaren Händen bereit gehalten, schon über ihm schwebte.