Ein wenig betreten begab er sich in das nach dem neuesten italienischen Kunstgeschmack erst kürzlich fertiggestellte Wohnzimmer seiner Gemahlin, bei der er zu seinem Troste Pater Filiberto anwesend fand; denn obgleich dieser der Kurfürstin selbst einflüsterte, was sie in bezug auf die Religion und die Geistlichen ihrer Heimat verlangen solle, suchte er doch immer zu begütigen, wenn der Kurfürst in seiner Gegenwart darüber verdrießlich wurde, im Vertrauen darauf, daß der Streit sich hernach weiterspänne und zu dem erforderten Zwecke führe. Henriette Adelaide nahm die Botschaft ihres Mannes, die er unter mancherlei Scherzen vorbrachte, unwillig entgegen und sagte: »Das kann ich am wenigsten leiden, daß du deine eigene Einsicht geringer anschlägst als die des Pater Gumppenberg, des ungeschlachten Dickschädels. Glichen alle Menschen dir, so würde die Stadt München in Ewigkeit nichts anderes werden als ein Häuflein bäurischer Hütten um die barbarische Ausgeburt der Frauenkirche herum. Soll etwa jeder Christ zwischen Spanien und Rußland zu jenem Benno beten, dessen Knochen man in nordischen Urwäldern zwischen den Knochen von Bären und Auerochsen zusammengelesen haben wird?«
»Er hat doch«, sagte Ferdinand Maria, »vor deinem Cajetan das voraus, daß er ein regelrechter Heiliger ist, während jener, wie ich höre, nur der Seligsprechung wert befunden wurde, ihm also doch wohl etliche schätzenswerte Qualitäten abgehen müssen.«
»Das haben dir die Schelme weisgemacht!« rief Henriette Adelaide heftig. »Die Heiligsprechung wird seinerzeit schon erfolgen, und wenn Cajetan nur eine gute Tat getan hätte, die beglaubigt ist, so gälte das mehr als hundert Wundertaten eines Benno, die niemand mit angesehen hat, und von dem niemand beweisen kann, ob er überhaupt gelebt habe.«
Hier legte sich Filiberto ins Mittel, indem er mit liebenswürdigem Lächeln einschaltete, daß daran wohl kein Zweifel obwalten dürfe, da Papst Hadrian im Jahre 1523 den würdigen Bischof und Heidenbekehrer unter die Heiligen gestellt habe; indessen müsse er auch bestätigen, was die Kurfürstin mit ihrem hohen Geiste bereits festgestellt habe, daß die Heiligsprechung des Cajetan der Seligsprechung sicher nachfolgen werde, so daß man sie schon für geschehen annehmen könne. Er für seine Person müsse jedoch sagen, wenn ihm eine Meinung gestattet sei, daß der Kurfürst tiefdurchdachte Regierungsweisheit an den Tag lege, wenn er es vermeiden wolle, durch stürmisches Vorgehen Ärgernis in seinem treuen Volke zu erregen; die Kraft, die dem heiligen Cajetan innewohne, sei so groß, daß sie sich selbst durchwirken und ihn bei jedermann beliebt machen würde.
Es werde nie zu befürchten sein, sagte Henriette Adelaide, indem sie den stolzen Mund ein wenig spöttisch verzog, daß ihr Gemahl stürmisch vorgehen werde. Sie würde also darauf verzichten, die vandalische Halle der Frauenkirche durch ein geläutertes Kunstwerk verschönt zu sehen. Ihr könne es im Grunde gleich sein, da sie diese Kirche, deren grobe nordische Bauart ihr nun einmal zuwider sei, sowieso nicht besuche, und für die Theatiner und den heiligen Cajetan könne anderweitig gesorgt werden, indem man ihnen eine besondere Kirche baue, was denn besser und gründlicher sei als ein bloßer, unwillig im fremden Raume geduldeter Altar. Sie warf diesen überraschenden Plan nicht ohne Schelmerei hin, ließ aber nur ein wenig davon aus den beredten Augen und von dem ernsten Munde lächeln und trat voll Unbefangenheit an das Fenster, indem sie sagte: »Es ist hier gegenüber Platz genug, um einen großen Entwurf ins Werk zu richten. Eine weite Kuppel und ein paar schmuckreiche Türme nach römischer Art wären mehr geeignet, unser Auge zu erfreuen, als die Wüstenei, aus der wie die Buckel erschöpfter Kamele hie und da ein paar steile Dächer steigen.« Ferdinand Maria blickte zunächst nicht aus dem Fenster, sondern auf die aufrechte Gestalt seiner Frau und sagte zwischen Erstaunen und Bewunderung schwankend: »Meine Teure, du bist eine neue Semiramis, und ich fürchte nur, daß mein armes München und vielleicht auch dein armer Gatte dir zu klein seien. Wie soll ich eine Kirche ausrichten, da ich schon mit dem Altar angestoßen habe?«
»Für den, der will,« entgegnete sie, »gibt es keine Hindernisse; aber nicht ein jeder kann wollen.«
Der Beichtvater, dem es an der Zeit schien, die Gatten sich selbst zu überlassen, pries sowohl die fürstliche Gesinnung seiner Herrin wie die landesväterliche Bedächtigkeit des Kurfürsten, worauf er um die Erlaubnis bat, sich zurückziehen zu dürfen.
»Möchtest du nicht auch lieber Beherrscher einer prächtigen Stadt als eines veralteten Dorfes sein?« fragte Henriette Adelaide ihren Gatten, als sie allein waren. »Wir genießen des Friedens, wir können das Geld nach unserem Herzen ausgeben. Richten wir uns denn eine schöne Wohnstätte her, wie sie uns behagt, nicht jenen Mönchen, die keine Nasenlänge über ihren Rosenkranz hinausblicken können.«
»Ach,« sagte der Kurfürst, indem er einen komischen Seufzer ausstieß, »wenn ich bedenke, wie kurze Zeit wir in dieser Wohnstätte bleiben werden, so scheint es mir, daß wir ein wenig zu viel Lärm darüber vollführen, ob sie so oder so gestaltet ist.«
Die Kurfürstin maß sein feines junges Gesicht mit dem äußersten Erstaunen und erst nach einer Minute mit aufgehendem Verständnis seiner Rede. »Wenn du so willst,« sagte sie, »sollte man freilich in Blockhäusern leben und nichts als Pyramiden zu dauerhafter Versorgung seiner Leiche bauen.« Sie setzte sich bei diesen Worten neben ihn auf die steife Lehne eines Damastsessels und küßte ihn mit zärtlicher Behutsamkeit auf die wohlgebildeten roten Lippen. »Du hast eine seltsame Art, das Leben anzusehen,« sagte sie, »mit welcher man nicht viel ausrichten kann. Wer möchte denn Kinder erzeugen, wenn man beständig vor Augen hätte, daß er sie vielleicht morgen verlassen muß?«