Als im Scheine der kräftigen Maisonne auf dem der Residenz gegenüberliegenden freien Platze ein frohgemächliches Hantieren von Arbeitern sich zu entfalten begann und das Volk von der jesuitischen Kirche munkelte, die dort errichtet werden sollte, schürzte sich Pater Gumppenberg noch einmal und erschien mit ernstem Vorwurf vor dem Kurfürsten. Dieser hörte die Klage ohne Verlegenheit, vielmehr fragte er erstaunt, ob der ehrwürdige Vater sich nicht erinnere, daß er selbst ihm, dem Kurfürsten, geraten habe, es mit dem heiligen Cajetan zu versuchen, wenn die Wallfahrt nicht fruchten werde? Er habe den ganzen Sommer und Winter hindurch gehofft und geharrt, nun habe er betrübt auf den erflehten Segen verzichtet und beschlossen, das Anliegen seines Hauses dem heiligen Cajetan anheimzustellen, obwohl derselbe dem Bayerlande fremd und in keiner Weise verbunden sei. In der Hoffnung, daß er sich wundertätig erweise, errichte er ihm einen würdigen Altar, damit er und seine Untertanen ihm Dank und Preis darbringen könnten für die Hilfe, die er ihnen in der Bedrängnis erwiesen.

Diese Erklärung schlug zwar den Kampfesmut des Pater Gumppenberg beträchtlich nieder, doch gab er seine Sache noch nicht völlig auf, sondern rückte dem Kurfürsten einige Gegengründe vor: Ob man denn in Bayern schon so rat- und mittellos sei, daß man gleich zum Entlegensten greifen müßte? Wenn die Frau Kurfürstin, wie er empfohlen hätte, nach dem Herkommen zu der hölzernen Maria in Alt-Ötting gepilgert wäre, möchte alles andere gekommen sein. Ob da nicht der heilige Franz Xaver, der heilige Michael und vor allen Dingen der schon vielerwähnte heilige Benno wären? Hätte nicht der heilige Benno sogar den blutdürstigen Schwedenkönig im Zaune gehalten, daß er, ohne der Kirche und der Stadt einigen Schaden zu tun, vorübergezogen wäre? Hätte nicht die heilige Mutter Gottes mancher Pest Einhalt geboten, die sonst Land und Leute verzehrt haben würde? Was aber würde in dieser Art von dem sogenannten heiligen Cajetan berichtet? Und wenn er auch einmal ein Wunder täte, so müßte man noch zweifeln, ob es zum Guten ausschlüge.

So weit wolle er sich nicht einlassen, entgegnete der Kurfürst, wisse auch nicht, wie es zu verstehen sei, daß seine Nachkommenschaft, die Enkel so hochberühmter Ahnen, übel ausschlagen sollten.

Pater Gumppenberg entschuldigte sich, daß er so etwas, als des kurfürstlichen Hauses treuester Knecht und Berater, niemals habe andeuten wollen. Auch würde er der erste sein, dem heiligen Cajetan zu danken, wenn durch seine Fürbitte die Kurfürstin gesegnet werden sollte; nur gebe er zu bedenken, ob der Kurfürst nicht erst die Gnade erwarten wolle, bevor er den Dank darbringe, wie das jederzeit mit einem Gelübde gehalten worden sei. Nein, erwiderte der Kurfürst freundlich, er gedenke nun einmal, den Heiligen durch sein Vertrauen und seine Dienstwilligkeit zuvor zu ermuntern. Suche doch ein Volk die Huld eines fremden Monarchen durch Geschenke sich zu verdienen, anstatt daß es die empfangene belohne; und nicht weniger ehrerbietig wolle er sich Gott und seinen Heiligen gegenüber verhalten.

Es war erst ein kleines Kränzlein von Steinen an dem neuen Bau ablegt worden, als die glorreiche Kunde sich verbreitete, die Kurfürstin sei guter Hoffnung, und wenn Gott sich ferner gnädig erweise, werde die Not des Landes binnen Jahresfrist ein Ende nehmen. Nun wurde lustig gebaut, und als zu rechter Zeit ein fürstlicher Knabe das heitere Licht der Stadt München erblickte, stiegen die Mauern vollends hurtig empor, ohne daß fernerhin jemand ein Mißfallen daran laut werden zu lassen hätte wagen dürfen. Freilich erst wenige Jahre vor ihrem Tode konnte Henriette Adelaide die im fröhlichen Triumphe thronende Kuppel vollendet sehen, von der unermeßlich schwebenden Himmelsrotunde lächelnd umwölbt.

Nach der Geburt des Kronprinzen blieb die Gesundheit der Fürstin gebrechlich, wiewohl sie in ungetrübtem Eheglück bis an ihr Ende lebte und noch manches herrliche Lustgebäude errichtete und auszierte. Indes sie glanzvolle Feste voll Musik und schöner Symbole anordnete und in bedeutungsvollen Tänzen selbst ausführte, übte das Fräulein La Perouse die Reue und Buße, die nach ihrem Dafürhalten durch die strafbare Leidenschaft ihres Bruders zu seiner Herrin verpfändet war. Abend für Abend las sie stundenlang in Gebetbüchern und rollte, auf dem Betschemel kniend, unermüdlich Rosenkränze ab, wodurch ihr Gesicht länger, ihre Wangen hohler, ihre Augen tiefer wurden. Dieser Gewohnheit frönend, verursachte sie in einer Nacht den Brand des Schlosses, der nicht wenig Kunst und Pracht zerstörte und dazu noch das zarte Leben Henriette Adelaides antastete; denn sie vermochte die Folgen des Schrecks und der Flucht vor den nachjagenden Flammen nicht zu überwinden und starb nach kurzem Kränkeln, ihren Gemahl nach sich ziehend, der nur noch auf Erden zu verweilen schien, um ein Denkmal unsterblicher Trauer über dem verschwindenden Leibe zu errichten und sich dann für die Dauer der Grabesruhe ihm beizugesellen.

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Berlin