Also Katja verbindet sich mit Petersburg. Ich frage, mit wem sie reden will. Mit Lju, obgleich mich das nichts anginge. Ich sage, du kannst doch wohl so lange warten, bis er wieder hier ist, so wichtig wird es nicht sein. Sie: „Kannst du das beurteilen? Hier werde ich überhaupt nicht mehr mit ihm sprechen und bedaure, es jemals getan zu haben.“ Ich: „Alle Heiligen!“ In dem Augenblicke klingelt das Telephon, Katja ergreift es. „Sind Sie da? Quak, quak, quak ... Ich will Ihnen nur sagen, daß ich Sie verachte! Quak, quak ... Sie sind ein Heuchler, eine Qualle, ein Judas! Quak, quak, quak, quak. Bitte, leugnen Sie nicht! Sie haben die Stirn, sich zu verteidigen? Sie haben mich genug belogen! Ich werde Jessika aufklären. Für einen solchen Elenden ist sie trotz ihrer Schwachheit zu gut. Quak, quak, quak, quak, quak ... Sie halten mich für dümmer, als ich bin. Sie glauben, Sie allein wären klug und alle andern wären schwachsinnig, aber vielleicht ist es umgekehrt!“

Dies alles trompetete Katja mit so gellender Stimme, daß Papa und Mama es hörten, glaubten, es wäre etwas passiert, und herbeigelaufen kamen. Beide hören erstaunt zu und fragen: „Was bedeutet das? Mit wem spricht sie denn?“ Ich: „Ach, mit Lju, sie hat sich ein bißchen über ihn geärgert.“ Katja am Telephon: „Ich du zu Ihnen sagen? Zu einem so abgefeimten, zweizüngigen Charakter, wie Sie sind? Niemals!“ Papa und Mama: „Aber um Gottes willen, was hat er denn getan?“ Ich: „Ach, sie hat eine Karte von ihm bekommen mit der Adresse Katinka von Rasimkara, und das betrachtet sie doch nun einmal als Beleidigung, wenn man ihren Namen Katja von Katinka ableitet.“ Papa und Mama entzückt: „Das ist ganz Katja!“ Beide wollen sich totlachen. Katja dreht sich um. Ich: „Täubchen, ruh dich doch mal aus!“ Katja mit einem vernichtenden Blick auf mich: „Affe!“ Dann ab.

Ich stürze ans Telephon, erwische Lju noch und gebe ihm das Versprechen, beruhigend zu wirken. Er sagte mit einem durchs Telephon zu Herzen gehenden Seufzer: „Du bist das Oel auf den Sturmwogen deiner Familie; ohne dich würde man seekrank.“ Das Gespräch schien ihn sehr mitgenommen zu haben.

Ob er von euch aus gesprochen hat, weiß ich gar nicht; es wäre sehr belustigend, wenn Du die andre Hälfte des Gespräches mit angehört hättest. Das ist sicher, Katja ist fertig mit Lju, wenn auch ihre Wut mit der Zeit nachlassen wird. Ob sie nun, nachdem sie mit der Intelligenz gebrochen hat, wieder für Deinen Stumpfsinn schwärmen wird, darüber läßt sich noch nichts sagen, rechne nicht zu bestimmt darauf. Uebrigens gedeiht sie vortrefflich bei ihrer Enttäuschung; zu beklagen ist nur die arme kleine Jessika. Sie kommt mir vor wie ein kleiner Vogel, dem sein Nest zerstört ist, der Sturm und Regen ergeben über sich ergehen läßt, erschrocken und behutsam piepst und zuweilen mit dem zerzausten Köpfchen hervorlugt, ob es noch nicht besser wird. Ich glaube, zuerst hat sie stundenlang geweint, ihr Gesicht zitterte noch lange nachher. Sie hat etwas so Süßes wie eine überreife Feige und etwas so Weiches wie eine Schneeflocke, die einem in der Hand zerschmelzen will. Es wäre für sie sehr gut, wenn Du sie heiratetest; aber Dir ist nun einmal zuerst Katja eingefallen, und nach dem Gesetz der Trägheit, das Dich beherrscht, rollst Du damit durch dick und dünn und hältst es für Charakter. Für Dich ist es ja ziemlich einerlei, wen Du betreust; aber für Jessika wäre es gut, wenn sie durch die Dickhaut Deiner saurischen Person vor der Welt geschützt wäre, während Katja eine solche antediluvianische Mauer nicht nötig hat und sie vielleicht auf die Dauer sogar nicht gut aushalten könnte. Ich will aber nicht so töricht sein, jemand Vernunft zu predigen, der keine hat.

Katja hat Einsicht genug, um Papa und Mama den wahren Sachverhalt zu verschweigen; aber wenn Papa sie mit Katinka anredet, um sie zu necken, wirft sie mir zornige Blicke zu, was die andern erst recht ins Lachen bringt. Lebe wohl!

Welja.

Lju an Konstantin

Kremskoje, 17. Juni.

Lieber Konstantin! Es war durchaus zweckmäßig, daß ich Frau Tatjana bewogen habe, mit mir nach Kremskoje zu fahren; der Einfluß, den ich auf sie ausübe, hat auf den Gouverneur und seine Familie Eindruck gemacht, weil sie diese Verwandte sehr bewundern, die in der Gesellschaft eine große Rolle spielt. Sie ist schön und hat Geist genug, um zu wissen, wieviel davon eine Frau merken lassen darf. Ihr Verstand ist gut, wenn auch nicht ausgebildet. Sie liebt die geistigen Genüsse, die man ohne Anstrengung haben kann, deshalb bevorzugt sie zum Umgang kenntnisreiche und denkende Menschen, die das Ergebnis ihrer Gedankenarbeit in anregende Form zu kleiden wissen. Ihre Vorurteilslosigkeit würde man noch mehr bewundern, wenn sie etwas dadurch riskierte; aber der ganz unpolitischen Dame läßt man gern die Freiheit, das Gesellschaftseinerlei durch naive Offenheiten zu kolorieren.

Ihr Sohn Peter, der seit seiner Kindheit Katja liebt und unbeeinflußt durch die Tatsache, daß sie seine Neigung nicht erwidert, dabei verharrt, hat, oberflächlich betrachtet, etwas von den gutmütigen Riesen des Märchens. Aus einer Art von kindlicher Menschlichkeit und naivem Gerechtigkeitssinn zählt er sich zur revolutionären Partei. Trotzdem er eifersüchtig auf mich ist, da seine Cousine mich ihm vorzieht, kam er mir, wenn auch nicht gerade herzlich, doch mit anständiger Vorurteilslosigkeit entgegen. Er hat mit einigen andern Studenten, die, wie er, über bedeutende Mittel verfügen, medizinische Privatkurse eingerichtet, um sich und seinen Kollegen die Fortsetzung des Studiums zu ermöglichen, zugleich natürlich, um gegen die Maßregel der Regierung zu protestieren. An diesen Kursen, die nächstens beginnen werden, will Katja teilnehmen. Der Gouverneur wußte bis jetzt nichts davon und ist empfindlich betroffen, daß ein solches Unternehmen von seinem Neffen ausgeht, und vollends, daß Katja sich daran beteiligen will. Da er gegen Katja nicht gut streng sein kann, begann er damit, seiner Schwester Tatjana Vorwürfe zu machen, daß sie ihren Sohn nicht von so ärgerlichen Donquichotterien zurückhielte. Sie lächelte wie ein Kind und sagte, ihr Sohn wäre ein erwachsener Mensch, sie könne ihn nicht am Gängelbande führen, überhaupt sollte man sie mit politischen Dingen, von denen die Frauen doch ausgeschlossen wären, in Ruhe lassen. Warum sollte sie sich ein Urteil bilden, das sie doch nicht geltend machen könnte? In Gesellschaft besonders sollten Gespräche über politische Dinge verboten sein, bei denen auch der klügste Mann plötzlich ein beschränkter und borstiger Esel würde. Uebrigens schiene es ihr eigentlich erlaubt zu sein, daß, wenn der Staat ihm die Mittel dazu nähme, ein junger Mann sich auf eigne Hand die zu seinem Berufe nötige Bildung zu verschaffen suchte, denn eine Tätigkeit müsse ein Mann doch einmal haben.