Welja an Katja
Kremskoje, 27. Juni.
Täubchen, Katinka, was für einen Unsinn schreibst Du mir da von meinem Schlafen und Wachen? Und von Ljus Gewissenlosigkeit und Papas Pflichtgefühl, die Dir abwechselnd imponieren? Vater, wie Du willst! Wenn Du psychologischen Scharfblick hättest, würdest du bemerkt haben, daß Lju ein Theoretiker ist, Handeln ist eigentlich seine Sache nicht. Er findet, daß gewisse Leute ganz recht hätten, wenn sie Papa töteten. Ist das neu? Natürlich hätten sie recht. Als sie voriges Jahr den Kaiser in die Luft sprengen wollten, waren wir uns auch darüber einig, daß sie recht hätten, und hätten es doch nicht getan. Dann könntest Du ja auch von mir denken, ich brächte Papa um. So etwas tut man eben nicht, wenn man es auch theoretisch tadellos findet oder sogar billigt; die Kultur hindert einen daran. Du bist einfach noch eifersüchtig, ich hätte besser von Dir gedacht. Die Liebe macht alle Frauenzimmer dumm und kleinlich. Jessikas wegen wäre es ja besser, Lju ginge fort, das gebe ich zu; ich mag nur selbst verliebt sein, von andern kann ich es nicht leiden, sie werden lächerlich dadurch, für Jessika ist es geradezu ein Elend. Das heißt, ich kann mir denken, daß andre Leute es entzückend finden, sie kommt mir selbst oft so vor wie ein blühendes Pfirsichbäumchen, das in Flammen steht. An sich eine hübsche Erscheinung — aber wenn ich denke, daß sie ein Mensch und meine Schwester ist, finde ich es albern. Ich habe auch zu Lju gesagt, die Sache hätte sich überlebt, und es wäre besser, daß sie nun ein Ende nähme. Er war ganz damit einverstanden und sagte, er ginge ja schon längst mit dem Gedanken um, unser Haus zu verlassen, er wollte nur sicher sein, ob Mama ihn auch gern gehen ließe. Du siehst, wie unrecht Du hast. Vielleicht geht er mit uns ins Ausland; natürlich geht das nur, wenn Du vernünftig bist. Er kann doch nicht jedes Mädchen heiraten, das sich in ihn verliebt, kleines Kalb! Hätte ich das getan? Was Dich anbetrifft, Du brauchst überhaupt nicht zu heiraten. Du bist ein furchtbar niedlicher Spatz, als Eheweib und Mutter wärest Du lächerlich.
Welja.
Lju an Konstantin
Kremskoje, 29. Juni.
Lieber Konstantin! Ich habe Frau von Rasimkara gebeten, daß sie mich entlassen möchte. Ich sagte, der Vorfall mit dem Briefe hätte mich davon überzeugt, daß meine Anwesenheit nutzlos wäre. Ich hätte Tag und Nacht darüber nachgedacht, wie es hätte geschehen können, und wäre zu keinem Ergebnis gekommen. Durch das Fenster könnte bei Nacht niemand gekommen sein, dessen wäre ich sicher, ich würde es gehört haben. Die Dienstboten könnte man meiner Ansicht nach nicht verdächtigen, ich hielte sie für unbestechlich treu. Sie unterbrach mich und sagte lebhaft, in diesem Punkte hätte sie keinen Zweifel. Ich sagte, die einzige Möglichkeit wäre, daß ein Dienstbote es in der Hypnose getan hätte. Immerhin wäre es nicht wahrscheinlich. So etwas interessiert sie sehr, und wir sprachen eine Weile darüber. Uebrigens, sagte sie, wollte sie die Sache mit dem Briefe ruhen lassen, es käme doch nichts dabei heraus. Eine eigentliche Untersuchung wollte ihr Mann nicht anstellen, er pflegte Drohbriefe immer zu ignorieren und mäße ihnen keine große Bedeutung bei. Bis jetzt hätten die Erfahrungen ihm ja auch recht gegeben. Ich bestritt dies weder, noch bestätigte ich es. Jedenfalls, sagte ich, wäre die Lage so, daß sie meiner nicht mehr bedürfte, sei es nun, weil keine Gefahr vorhanden sei oder weil ich nicht dafür einstehen könnte, daß ich sie abzuwenden imstande wäre.
Sie fragte, wohin ich mich zu wenden und was ich zu tun gedächte. Ich sagte, ich wollte mein Werk vollenden, das läge mir zumeist am Herzen. Wenn ich mich mit meinem Vater aussöhnte, würde ich bis auf weiteres zu Hause bleiben; er hätte mir kürzlich einen entgegenkommenden Brief geschrieben. Sonst würde ich bei einem Freunde Zuflucht finden. Sie sagte, daß sie und ihr Mann mir zu Dank verpflichtet wären und daß ich ihnen gestatten müßte, daß sie mir zu Hilfe kämen, wenn ich Hilfe gebrauchte; das würde keine Wohltat, sondern Erstatten einer Schuld sein. Sie war ernst, liebenswürdig, von gewähltester Feinheit. Wenn es mir paßte, sagte sie, wäre ich frei, sofort zu gehen, wenn ich aber über meinen künftigen Aufenthalt noch nicht im klaren wäre, sollte ich bleiben, solange ich möchte. Ich sagte, ich wollte versuchen, ein Verständnis mit meinem Vater zu erzielen, und würde ihr dankbar sein, wenn ich ihre Gastfreundschaft noch etwa vierzehn Tage in Anspruch nehmen dürfte; bis dahin würde sich das entschieden haben. Ich wollte ihre Hand küssen, die sehr schön ist; aber ich dachte plötzlich daran, was ich ihr anzutun willens bin, und unterließ es.
Ich habe den Eindruck, daß meine Mitteilung sie froh gemacht hat, wahrscheinlich Jessikas wegen. Ich glaube sogar, sie denkt, ich hielte es Jessikas wegen für meine Pflicht, zu gehen, und hat deswegen ein Gefühl der Dankbarkeit für mich. Lebe wohl!
Lju.