Deine Lusinja.
Jessika an Katja
Kremskoje, 6. Juli.
Liebes Kleines! Werde nicht böse, aber es ist doch sehr häßlich von Dir, daß Du nicht kommen willst, solange Lju hier ist, und ihn dadurch aus dem Hause treibst. Das hat er doch nicht um uns verdient. Ich glaube, Du denkst, er handelte schlecht gegen mich, und das ist doch gar nicht richtig. Er liebt mich, aber er hat mir von Anfang an gesagt, daß er nicht wüßte, ob er mich jemals heiraten könnte, weil er zu stolz ist, und daß ich meinen Gefühlen den Charakter der Freundschaft geben müßte. Das tue ich doch auch, und was ist denn dabei, daß er mein Freund ist? Er ist doch auch Weljas Freund und war auch Deiner, bis Du Dich so abstoßend gegen ihn benahmest. Er kann sich ja so einrichten, daß er den ganzen Tag nicht zu Hause ist, wenn Du hier bist. Für Papa und Mama ist die Geschichte doch auch peinlich, und da Du so viel Schönes vor Dir hast, könntest Du recht gut in solchen Kleinigkeiten ein wenig Rücksicht nehmen.
Bist Du böse, mein Brummerchen, daß ich Dir das sage? Ich predige Dir doch selten Moral, das mußt Du mir zugestehen. Aber Du wirst ja doch tun, was Du willst. Papa und Mama sind jetzt sehr wohl, es ist zu niedlich, wie sie sich auf ihr Alleinsein freuen. Sie sehen manchmal aus wie ein Brautpaar, das bald Hochzeit haben wird, jung und schön und geheimnisvoll beseligt. Ich freue mich, daß gerade Rosenzeit ist; in ein paar Wochen werden alle blühen, dann kann Mama alle Tage ihre Tafel mit Rosen bedecken und sich Rosen ins Haar stecken und alle Vasen vollfüllen.
Jessika.
Welja an Peter
Kremskoje, 8. Juli.
Lieber Peter! Gestern begegnete mir etwas Merkwürdiges. Ich wollte Lju in seinem Zimmer aufsuchen, und da er nicht da war, wartete ich auf ihn. Ich setzte mich an seinen Schreibtisch und blätterte gedankenlos in seiner Schreibmappe, da sah ich einen Zettel, auf den mit einer Handschrift etwas geschrieben war, was mir auffiel. Erst wußte ich gar nicht warum — dann fiel mir plötzlich ein, daß mit derselben oder einer ganz ähnlichen Handschrift der Drohbrief geschrieben war, den Mama unter ihrem Kopfkissen gefunden hat. Denke Dir, ich habe zum erstenmal in meinem Leben einen wahnsinnigen Schrecken bekommen, es drehte sich alles um mich. Und dabei weiß ich gar nicht bestimmt, was mich eigentlich so entsetzte; aber meine Hände und meine Schläfen waren in einem Augenblick mit Schweiß bedeckt. Wahrscheinlich machte mein Unbewußtes blitzschnell eine Reihe von Schlüssen, deren Ergebnis der Schrecken war. Ich ging rasch fort und versuchte meine Gedanken zu ordnen, ich schwöre Dir, ich war so bestürzt, daß ich nicht klar denken konnte. Als Lju wieder da war, richtete ich es so ein, daß wir uns in sein Zimmer setzten, ich blätterte in seiner Mappe, spielte mit dem Zettel und sagte so beiläufig, die Handschrift wäre ja der auf dem Drohbrief ganz ähnlich. „Nicht wahr?“ sagte Lju vergnügt, „ich glaube auch, daß man sie für dieselbe halten kann. Ich habe versucht, sie aus dem Gedächtnis nachzumachen, damit man eventuell damit auf die Spur des Schreibers kommen könnte; aber dein Vater will ja nicht, daß die Sache verfolgt wird.“ Papa hat nämlich den Brief zerrissen, das machte er immer so mit anonymen Zuschriften. Es ist ja unfaßlich, daß mir dies passieren konnte! Ich wußte, daß Lju anfangs mit dem Plan umging, herauszukriegen, wer den Brief geschrieben hat, und wußte auch, daß er sich viel mit Graphologie beschäftigt! Allerdings, sowie ich seine Stimme hörte und ihn sah, kam mir meine Aufregung schon gleich kindisch vor. Am liebsten hätte ich hernach zu Lju gesagt, wie es gewesen ist, aber ich weiß nicht warum, ich brachte es nicht über die Lippen. Er ist vollkommen ahnungslos und freut sich über seinen Erfolg; es ist ja auch eine kolossale Leistung, eine Schrift aus dem Gedächtnis so täuschend nachzuahmen.
Ich erkläre mir meine Dummheit damit, daß die Geschichte mit dem Drohbrief einen doch ein bißchen nervös gemacht hat. Wenn Papa anders wäre, würde man sich, glaube ich, tatsächlich ängstigen; aber er hat eine solche Sicherheit, daß man es für unmöglich hält, ihm könnte etwas zustoßen. Schließlich erlebt man doch auch solche Schauergeschichten nicht in Wirklichkeit, das ist höchstens Reiselektüre. Attentate sind ja allerdings oft vorgekommen. Aber Papa sagt, er wäre im allgemeinen gar nicht so verhaßt, und die Angehörigen der Studenten wären gebildete Leute, unter denen keine Mörder zu suchen wären. Dieser letzte Drohbrief sollte ihn doch nur einschüchtern, das wäre klar, und übrigens könnte man auch plötzlich krank werden und sterben, dem Tode wäre man immer ausgesetzt, man müßte dergleichen nicht beachten. Manchmal frage ich mich, ob die Furchtlosigkeit ein Vorzug oder ein Mangel an Papa ist; vielleicht hat er einfach gar keine Phantasie.