Lux war über diese Einrichtung verwundert, und es fiel ihr sogleich ein, daß dies die Ursache des Zwistes zwischen ihrem verstorbenen Manne und seinem Vater gewesen sein könne, was derselbe auf ihre Frage ohne weiteres bejahte. Freilich, freilich, erwiderte er kichernd und blinzelnd, darüber sei es hergekommen; Henne sei ein guter Junge gewesen, aber voll Eigensinn und Schrullen habe er gesteckt, und seine Ehrbarkeit sei wie ein Stück Eisen gewesen, womit man den Leuten die Köpfe habe zerschlagen können. Er habe es für Betrug erklärt, für Schwänze aus Filz, Watte und Kleister Geld einzunehmen wie für ehrlich abgefangene Maulwürfe, und habe nicht einsehen wollen, daß er sich gut und die Obrigkeit nicht übel bei der Sache befände; zwar habe er den Vater nicht verraten oder verklagen wollen, aber teilen habe er den Frevel nicht können, sei davongegangen und nicht zurückgekehrt. Lux sagte lächelnd, ja, so sei er gewesen, und dieselbe Sinnesart sei auf seinen Sohn Brun übergegangen, weswegen es ratsam sei, die empfindliche Angelegenheit vor ihm zu verheimlichen.

Einmal indessen, als der Alte und Lux bei Nacht, da der Mondschein ins Zimmer fiel, am Fenster saßen und schweigend der Arbeit oblagen, erwachte Brun, sah mit großen Augen eine Weile zu und brach in zornige Tränen aus, als er begriff, zu was für einem Zweck da geschnitten, genäht, geleimt und gewalzt wurde. Lux eilte sogleich zu ihm und redete ihm begütigend zu, allein er stieß sie von sich, verlangte herrisch, sie dürfe das nicht wieder tun, und schlief erst nach mehreren Stunden, von der Müdigkeit überwältigt, wieder ein. »Ganz wie sein Vater,« murmelte der alte Bernkule; »ein guter, ein ausgezeichneter Junge, aber ein Starrkopf und Grillenfänger, wie jener war.« Brun betrachtete seitdem seinen Großvater mit feindlichen Augen und konnte kaum durch seine Mutter, die ihm vorhielt, daß das Alter unter allen Umständen geschont und geachtet werden müsse, von offener Unehrerbietigkeit zurückgehalten werden. Lux bewachte er, so gut er konnte, indem er sich außer der Schulzeit fast immer in ihrer Nähe aufhielt und sie mit dem trotzig-feurigen Blick eines eifersüchtigen Liebhabers umstellte, was sie sich gutmütig gefallen ließ.


Inzwischen hatte der Bischof erfahren, daß es in der neuen Residenz zwar einen Überfluß an herrschaftlichen Genüssen für ihn gab, daß ihn dieselben aber ein teures Geld kosteten, so daß sich die alten Verlegenheiten in Bälde erneuern mußten.

Die erste Stelle in der Gesellschaft nahmen neben dem Bischof der Justizrat Dr. Gregorius Schimmelmann und der Medizinalrat und Vorsteher des allgemeinen Krankenhauses Dr. Joseph Maria von Boll ein, die beide auch, das Alter betreffend, ihm nahestanden. Insofern wichen sie nicht wenig voneinander ab, als Schimmelmann scharfsinnig, kunstliebend und leichtblütig, Boll dagegen einseitig, beschränkt und schwerfällig war, doch hatten sie sich aneinander gewöhnt und hielten zusammen, ohne sich sonderlich zu achten. Dr. Gregorius war ein gewiegter Jurist, wußte die verwickeltsten Fragen zu klären und irrte sowohl in menschlicher wie in rechtlicher Hinsicht selten; aber da sein Ruf in diesen Dingen längst feststand und sein Ehrgeiz in bezug auf seine Laufbahn befriedigt war, nahm er sich seines Berufes kaum noch an und ließ die Sachen gehen, wie sie wollten. Überhaupt hatten die Menschen seiner Ansicht nach gleich viel Recht und Unrecht, und auch davon abgesehen, hielt er es für belanglos, ob ihr Los sich so oder so fügte. Weit wichtiger als die menschlichen Schicksale erschienen ihm gewisse Fragen der Altertumskunde, Münzwissenschaft und die würdige Ausstattung der Wohnräume, wie denn sein Haus von oben bis unten ein Wunderwerk des Kunstverstandes war und von den Reisenden staunend besichtigt wurde. Wonnebald wußte von der Kunst nichts, da er aber sah, wie ernst es Schimmelmann damit nahm und wie sehr er von den Leuten deswegen bewundert wurde, glaubte er, ihm darin nicht nachstehen zu dürfen, berief Maler und Bildhauer, kaufte Gemälde, Schnitzereien und Altertümer, und da er weder einen guten noch einen schlechten Geschmack und noch viel weniger ein sicheres Urteil hatte, wählte er von den Gegenständen, die ihm vorlagen, was am meisten kostete, wodurch sich diese Liebhaberei über alle Maßen kostspielig gestaltete.

Boll stand dem Bischof insofern näher, als ihn Verstand oder Kunstsinn oder andre Geistesgaben nicht auszeichneten, vielmehr war er, wenn auch nicht so einfältig und ungebildet wie jener, ungewöhnlich beschränkt; allein er wußte in allen kirchlichen Dingen gut Bescheid, so daß Wonnebald in seiner Gegenwart stets Erörterungen fürchtete, die ihn bloßstellen und entwurzeln könnten. Boll stammte von einer Familie ab, die von alters der Kirche angehangen hatte, und Joseph Maria hatte es nie anders gewußt, als daß er seine Laufbahn im Schatten und zum Schutze der Kirche zu nehmen habe. Seine medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten waren mittelmäßig, aber desto wackerer stand er seinen Mann, wenn es das Wohl der kirchlichen Partei galt, zu deren tätigsten und angesehensten Führern er gehörte. In dem Krankenhause, das er leitete, wurden zwar neben den Katholiken auch Heiden aller Art aufgenommen, damit die Partei sich religiöser Duldsamkeit rühmen könnte, aber dafür wurde die Heilkunde an den Ketzern mit solcher Erbitterung ausgeübt, daß sie einem höllischen Feuer gleichkam, aus dem sie entweder als Bekehrte oder als Abgeschiedene hervorgingen. Wurde dem Medizinalrat die große Sterblichkeit der Protestanten, Juden und Heiden in seinem Krankenhause vorgehalten, so leugnete er dieselbe nicht, sondern rühmte sich, wie Gott dem Rechtgläubigen die Arznei besser anschlagen lasse. Übrigens war Boll, wenn auch nicht gerade warmherzig, doch auch nicht bösartig und tat nur blindlings, was seine Vorfahren getan hatten und was ihm bisher zu lauter Nutzen und Vorteil gereicht hatte. Dr. Schimmelmann lachte bei sich über sein bigottes Treiben und hätte nichts mit ihm anzufangen gewußt, wenn Boll nicht eine ausnehmende Meisterschaft im Flötenspiel besessen hätte, die der musikliebende Justizrat trefflich zu verwerten wußte. So musikalisch gebildet und von feinem Geschmack wie dieser war Joseph Maria freilich nicht, aber Gefühl für Musik hatte er überflüssig und flötete so lieblich und traurig, daß Schimmelmann, wenn sie miteinander spielten, seinen Partner oft vor zu großer Zärtlichkeit warnen mußte.

Außer der Musik verband diese beiden Männer noch die Wertschätzung guter Weine und leckerer Speisen, die sie auch wiederum mit dem Bischof vereinigte. Was für die wählerischen Gelage, in denen sie miteinander wetteiferten, verausgabt wurde, schlug Wonnebald gering an, unerschwinglich dagegen erschien ihm die Steuer, die Boll gesinnungsfroh von ihm erhob, bald zur Hebung des Krankenhauses, bald für Propaganda und Mission, bald für die Partei schlechthin.


In der allerbedenklichsten Weise zehrten an Wonnebalds Besitz seine Freundin Hermenegilde und sein Sekretär und Schützling Lando, der Neffe des Erzbischofs, den dieser unter dem Vorwande, er müsse wegen einer unpassenden Leidenschaft von Hause entfernt werden und die väterliche Obhut eines Geistlichen genießen, dem Bischof zur Seite gestellt hatte, um ihn zu beaufsichtigen. Hierzu war nämlich Lando trotz seiner Jugend, denn er war etwa 26 Jahre alt, durch überlegenen Verstand und eine merkwürdige Kühle und Sicherheit des Urteils wohlgeeignet, auch konnte er sich geschickt verstellen, ja fand Vergnügen daran, eine beliebige Rolle zu spielen, so daß nicht zu befürchten war, der Bischof könnte der List auf die Spur kommen. Daneben hoffte der Erzbischof einen persönlichen Zweck zu erreichen: Lando mittels der Langeweile, der er in Klus ausgesetzt sein würde, einer vorteilhaften Heirat geneigt zu machen, durch die der träge und träumerische, wenig ehrgeizige Jüngling, der nicht sonderlich bemittelt war, in eine dem Familienstolz entsprechende Stellung befördert werden sollte.

Lando, der wußte, was sein Oheim mit ihm vorhatte, unterhielt sich einstweilen in Klus aufs beste. Er gab sich dem Bischof gegenüber als ein der Liederlichkeit ergebener junger Mann aus, den seine Familie durch Religion bessern wollte, und stellte sich hocherfreut und bewundernd darüber, daß er in dem Bischof einen freien Geist gefunden habe, mit dem sich leben lasse. Wonnebald war zwar leicht anzuführen, aber doch pfiffig genug, um etwas Fremdes und Schädliches zu wittern, so daß er Lando, ohne zu wissen warum, nicht völlig traute; da er es aber in jedem Falle für das beste hielt, ihn durch üppiges Freudenleben zu betäuben, und er an die Möglichkeit nicht glaubte, daß das Fischlein dem Angelbissen der Frau Welt sich sollte entziehen können, tat er, soviel er konnte, um Landos ausschweifende Triebe zu weiden. Insofern hatte er ganz unrecht nicht, als Lando sich die Früchte, die seine Rolle abwarf, vortrefflich schmecken ließ, nur freilich setzten sie ihm nicht so zu, daß er dadurch unfähig geworden wäre, den Bischof mit klaren und vergnügten Augen zu beobachten. Ihn recht in Weibersachen zu verwickeln, wollte Wonnebald überhaupt nicht glücken, obwohl Hermenegilde als reife und stürmische Liebesgöttin ihn an mancher lauschigen Grotte und bekränzten Laube des Stiftsgartens vorübertrieb; weder die adligen Damen noch ihre Zofen schienen ihn fesseln zu können und waren auch ihrerseits durch das barsche Regiment der Vorsteherin zu eingeschüchtert, um ihren Gefühlen freie Entfaltung zu vergönnen.