Geliebter Freund und gefürchteter vernünftiger Tadler, du sagst, ich hätte anstatt von Gott, vom Teufel gesprochen, und ich leugne das nicht, vielmehr freue ich mich darüber. Es kam zufällig und war tiefsinnig: das Wort Teufel hat die Wurzel dev, was im englischen Worte devil noch deutlich zu erkennen ist, und dev bezeichnet das Göttliche. Ich will nun aber zum Anfang meines vorigen Briefes zurückkehren, wo ich sagte, daß Gott in seiner Majestät unzugänglich sei, daß er sich aber nach christlicher Lehre den Menschen offenbare, und zwar ganz und gar, nichts zurückbehaltend. Non est opertum quod non reveletur: es ist nichts verborgen, das nicht offenbart werde. Und zwar offenbart sich Gott dreifach.
Unpersönlich in der ganzen Schöpfung als bildende Kraft oder Natur.
Persönlich in der Menschheit als tätige Kraft oder Liebe.
Überpersönlich in der Menschheit als erkennende Kraft oder Geist.
Er offenbart sich auf diesem dreifachen Wege nicht nur nacheinander, sondern auch nebeneinander, so daß er immer und überall zugleich in der Natur und in der Menschheit da ist.
Der Gott, der sich in der Schöpfung als bildende Kraft offenbart, ist der Gottvater unseres Katechismus. Er war in der Antike der Gott, „der da wachsen läßt“, eine Idee, die in der Sprachwurzel φυ ausgedrückt war, von welcher das Wort Physis und eine Reihe bekannter Zusammensetzungen stammen. Zunächst können wir sagen, daß Gottvater alles hat wachsen lassen, was des Menschen Hand nicht gemacht hat: Sterne, Berge, Menschen, Blumen, die gesamte Schöpfung oder Natur. Diesen Gottvater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden, preist Luther in wundervoller Bildersprache, die sich an die des Alten Testamentes anschließt. Er ist das Allerinwendigste und Allerauswendigste von allem, was erscheint, das, was unablässig wirkt im kleinsten Blatt am Baume wie in den Sternen uns zu Häupten. Er ist der im Innern der Welt verborgene Künstler, der nach dem schönen Ausdrucke Dürers voller Figur ist.
In den Tischgesprächen träumt Luther einmal davon, daß der Mensch nicht eine einzige lebendige Rose selbst machen könne. Man hätte darauf antworten können, daß sie sich selbst macht. Es ist niemand, der die Rose oder der unseren Körper von außen machte, zusammensetzte, sondern sie wachsen von innen. Insofern können wir sagen, daß wir uns selbst machen, nur daß wir es nicht mit bewußten Willenskräften tun, sondern mit jener instinktiven Kraft, die nicht von unserem Willen abhängt; diese nennen wir eben Gott. „Doch innen im Marke lebt die schaffende Gewalt“, heißt es bei Schiller. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ Es ist deshalb, nebenbei bemerkt, nicht anders möglich, als daß das Äußere das Innere offenbart.
Gottvater gestaltet nun aber nicht nur unmittelbar in uns, sondern auch mittelbar durch die Kreatur. Er bildet Höhlen und Nester durch Tiere und Kunstwerke durch die Hand des Künstlers. Nicht alle menschlichen Hände wählt er sich, es sind besondere, eben Künstlerhände. Die Menschen der Gestaltungskraft sind vorwiegend instinktiv, naiv, unbewußt, Menschen der ersten Stufe, wesentlich die vorchristliche Menschheit. Die vorchristliche Menschheit war wesentlich voll Figur, plastisch, sie hat die Fülle der Formen geschaffen, mit denen wir jetzt noch hantieren. Die vorchristliche Menschheit erinnert an die sogenannten vorsündflutlichen Tiere; neue Arten sind nachher nicht mehr erschienen.
Auch in der nachchristlichen Menschheit wirkt der gestaltende Gott, aber im Gegensatz zu der an sich positiven, aber in bezug auf ihn negativen menschlichen Kraft, man kann der Kürze halber auch sagen: im Gegensatz zum Teufel. Zunächst ist es das Chaos, der formlose Stoff, die unterste Stufe des Teuflischen, das sich dem Geformtwerden widersetzt. Den passiven Trieb der Natur, sich der Form zu widersetzen, die Form aufzulösen, drückt Goethe mit den Worten aus: „Die Natur hängt immer zum Verwildern hin“, den aktiven Schiller: „Die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand.“ Der Widerstand, den Chaos und Elemente fortwährend dem göttlichen Bilden entgegensetzen, läßt die natürliche Form in der Kunst entstehen; die reine göttliche Form macht der Mensch durch Abstraktion aus der Natur, sie ist nirgends wirklich, so wenig wie Gott an sich oder Geist an sich wirklich ist. Man hat die krumme Linie die Linie des Lebens genannt; sie entsteht durch die Ablenkung, die die reine göttliche Linie durch den Widerstand des chaotischen Triebes erfährt, und man könnte sie besser die Linie der Natur nennen. In der Kunst ist sie für die instinktive, volkstümliche Kunst im Gegensatz zur idealen, persönlichen charakteristisch. Man kann den Begriff des instinktiven Schaffens bestimmen als ein solches, bei welchem dem Bewußtsein kein Bild vorschwebt, sondern das im Maße, wie es sich auswirkt, als werdendes Bild erscheint. Die instinktiv geschaffenen Werke sind deshalb auch als Fragmente ein Ganzes. Die instinktive Kunst feiert ihre Triumphe in Werken, die von einer Gesamtheit ausgehen, in Städten, Domen, Epen zum Beispiel; wohl haften legendarische Namen an ihnen, aber sie können sich nur unter Mitwirkung vieler und in längerer Zeitdauer entwickeln.
Je mehr das Selbstbewußtsein des Menschen sich entwickelt, desto mehr nimmt sein chaotischer Trieb ab; es setzt sich nun dem bildenden Gott die geformte Persönlichkeit entgegen. Das selbstbewußte künstlerische Schaffen ist ein solches, bei welchem dem Schaffenden eine Idee vorschwebt, und weil das so entstehende Werk seinem Wesen nach ein Ganzes ist, kann es auch nur als Ganzes, als vollendete Erscheinung genossen werden. Das aus dem Geiste einer Person geschaffene Kunstwerk ist ein in sich abgeschlossenes, nicht fragmentarisches. Nur die geistvolle Persönlichkeit kann das Chaos ersetzen.