Empfunden hat das Luther auch; viel mehr als Goethe, da er sich der Welt weit mehr in Liebe und Haß opferte und deshalb mehr unter ihr litt. Gegen das Ende seines Lebens verließ er einmal Wittenberg, um nie mehr zurückzukehren, so widerte ihn die zunehmende Gottlosigkeit seiner Umgebung an; aber die Bitten seines Fürsten bewogen ihn, das Joch wieder auf sich zu nehmen. Der gemarterte Prophet sehnte sich bitterlich nach Ruhe; aber der Gott des Lebens hieß ihn bis zum letzten Atemzuge leben. Leben ist die Aufgabe des Menschen und der Lohn des Heiligen, Tod ist das Ziel des Sichabsondernden und seine Strafe.

Daß Tolstois Kampf, der mit so großer Gebärde der Welt den Handschuh hinwarf, doch verhältnismäßig wenig fruchtete, lag, wie mir scheint, an einer gewissen persönlichen Verschrobenheit und Schrullenhaftigkeit, die nun einmal den heutigen Menschen anhängt. Wir sind allzu persönlich geworden; unsere Verschiedenheit von den anderen, unser Fürsichsein, sollte das Gepräge sein, das das Allgemeine, das Göttliche, uns zueignet; aber es ist eine Maske geworden, unter der das Allgemeine geschwunden ist. Unsere Herzen sind teils zu enge, teils zu weit; sie haben den rhythmischen Wechsel von Flut und Ebbe nicht mehr. Alle die einzelnen, um die sich in Deutschland Gemeinden sammeln, haben weit mehr als Tolstoi etwas Gewaltsames, Groteskes, Winkelpredigerhaftes, Lächerliches. Die meisten von ihnen sind durch die Worte des Paulus gerichtet: „Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein klingendes Erz und eine tönende Schelle.“ Sie wären wohl auch niemals auf den Markt getreten, wenn sie des Weihrauchs entbehren könnten, und mit Recht: ihr bißchen Gottähnlichkeit kann sich unserem glaubenslosen Klima nicht aussetzen.

An die Stelle von Haß und Liebe, von Kampf und Opfer tritt bei den allzu persönlichen, ungläubigen Menschen unserer Zeit, bei den „Heuchlern und Gleisnern“ die Medisance. Man läßt sich gefallen, was einem zuwider ist, und es ist einem alles zuwider außer man selbst; aber man rächt sich daran durch einen Spott, der zu höflich ist, um eine Herausforderung zu sein, und witzig genug, um sich nötigenfalls für einen Spaß auszugeben. Die Duldsamkeit ist nicht auf Großmut gegründet, sondern auf Gleichgültigkeit oder Angst vor dem Kampfe.

Luther war allerdings der erste, der in religiösen Dingen den Grundsatz der Toleranz aufstellte; aber nur insoweit er es für unsinnig erklärte, Irrende dadurch überzeugen zu wollen, daß man sie verbrennte. Mit dem Wort aber solle man sich befehden, und er selbst vergleicht sich mit dem Propheten, der in einer Hand die Kelle führte und baute, in der anderen das Schwert, um sein Werk gegen die Feinde zu verteidigen. In einem brieflichen Gutachten an seinen kurfürstlichen Herrn schrieb er die berühmten Worte: „Man lasse sie nur getrost und frisch predigen, was sie künnten, und wider was sie wöllen; denn wie ich gesagt habe, es müssen Secten seyen (1. Kor. 11, 19), und das Wort Gottes muß zu Felde liegen und kämpfen, daher auch die Evangelisten heißen Heerscharen und Christus ein Heerkönig ist der Propheten. Ist der Geist recht, so wird er sich vor uns nicht furchten und wohl bleiben. Ist unser recht, so wird er sich vor ihnen auch nicht, noch vor jemand furchten. Man lasse die Geister aufeinander platzen und treffen. Werden etliche indes verführt, wohlan, so gehts nach rechtem Kriegslauf; wo ein Streit und Schlacht ist, da müssen etliche fallen und wund werden; wer aber redlich ficht, wird gekrönt werden.“

Für Luther war der Christ wesentlich der Ritter, wie später für Gustav Adolf der Kavalier, der für Gottes Wort kämpft. „Ein Christenleben soll ein Krieg sein, und die das Wort haben, sollen vorhergehen in der Heerspitzen, das Schwert in der Faust haben und den Haufen hinter sich herziehen, gerüstet sein und allerwege auf die Puffe warten, wie in einer rechten Schlacht; sonst liegen wir bald darnieder.“

Dickens, auch ein Genie der Liebe, pflegte während seines Aufenthaltes in Lausanne eine Blindenanstalt zu besuchen und beobachtete dort ein zehnjähriges Mädchen, das taub, stumm und blind geboren war und bisher ganz ununterrichtet im Hause seiner Eltern gelebt hatte. Sowie man dies Kind sich selbst überließ, das heißt, es nicht anrührte, kauerte es sich mit an die Ohren hinaufgezogenen Händen nieder, genau in der Haltung eines Kindes vor seiner Geburt, und blieb so. Es fiel Dickens auf, daß dies auch die Haltung der Wilden ist, wie verschiedene Reisende sie beschrieben haben, unter anderem Defoe: „Ihre Haltung bestand gewöhnlich darin, daß sie auf der Erde saßen, die Knie an den Mund hinaufgezogen und den Kopf zwischen beiden Händen auf die Knie herabgeneigt“; und er erkannte es als die embryonische Haltung der noch unentwickelten Seele. In der Anstalt versuchte man nun eine Verbindung des Kindes mit der Außenwelt herzustellen. Der Direktor gab ihr zwei glatte runde Steine, die sie zwischen den Händen hin und her rollte: „Sie scheint zu denken, daß dies zu etwas führen soll, erkennt deutlich die Hand, welche ihr die Steine gibt, als eine freundliche und schützende, und sitzt stundenlang ganz geschäftig da.“ Man gewöhnte ihr die seltsame kauernde Haltung ab, erweckte in ihr das Vergnügen an der Geselligkeit, und sie begann zu lachen und in die Hände zu klatschen. „Ich habe nie in meinem Leben etwas in seiner Art Ergreifenderes gesehen“, erzählt Dickens, „als da man sie neulich in die Mitte einer Gruppe blinder Kinder stellte, die zur Klavierbegleitung im Chore sangen, und ihre Hand mit dem Instrument in Zusammenhang setzte und hielt. Ein Schauer durchdrang ihr ganzes Wesen, ihr Atem wurde schneller, ihr Gesicht rötete sich, und ich kann es mit nichts anderem vergleichen, als mit der Wiederbelebung eines beinah toten Menschen. Es war wahrhaft erschütternd, zu sehen, wie die Empfindung der Musik die in ihr verschlossene Seele erregte und aufscheuchte.“ Ich mußte an das Bild denken, wie Gott mit seinem Finger den noch in seiner bewußtlosen Dumpfheit daliegenden Menschen anrührt und durch das Überströmen seiner Kraft das schlafende Herz weckt. Die Stellung, die Dickens beschreibt, ist die des ganz einsamen Ich, des noch nicht mit der Außenwelt verbundenen Ich, das eigentlich noch gar keins ist, weil es seiner noch nicht bewußt geworden ist; es ist die Stellung der Seele des an Dementia, an Geistesabwesenheit Kranken, des sich selbst anbetenden Ungläubigen, des hochmütig und furchtsam zugleich vor dem Kampfe des Lebens sich Verkriechenden. Man kann auch sagen, es ist die Haltung der Seele des Nichtchristen und des modernen Menschen. Und wie erschütternd, daß Dickens durch jenes Schauspiel so erschüttert wurde, der Mensch mit dem zarten, scheuen Kinderherzen, dennoch in einem beständigen qualvollen Kampfe den Abgrund überwand, der ihn von den anderen Menschen trennte, um sich ihnen hinzugeben und sie an sich zu reißen. In ganz anderen Formen sich darstellend, ist es doch dem Gehalte nach das Leben Luthers.

Es ist auffallend, wie die Menschen der neuen Zeit zur indischen Philosophie hinneigen, sei es, daß sie indische Ideen in die christliche Religion hineinlegen oder geradezu die indische Philosophie über die christliche Religion erheben. Religion ist nur das Christentum, ja, Christentum und Religion ist gleichbedeutend, denn es ist die Verbindung der Menschheit zu einem Ganzen. Der Christ ist der, dem die Tat und das Wort gegeben sind, die die Menschen zu Brüdern und zu Gottessöhnen macht. Der Christ weiß, daß der Geist im Blute ist, ausgegossen zugleich mit dem vergossenen Blute Christi, und daß wir nur, wenn wir auch unser Blut vergießen, zu Gottmenschen werden. Die Frau vergießt ihr Blut, indem sie Kinder hervorbringt und alle Liebebedürftigen als ihre Kinder liebt, der Mann, indem er nicht nur für die Seinigen, sondern, soweit sein Einfluß reicht, für alle Hilfsbedürftigen kämpft. Du verstehst wohl, ohne daß ich es ausdrücklich bemerke, daß ich nicht an Krieg und Schwert denke, obwohl ja auch das in Betracht kommen kann; Liebe ist tatsächlich ein Blutvergießen, die starke Bewegung eines Herzens, das sein Blut durch den ganzen Körper hinströmt und ihn dadurch vergeistigt.

Die Seele ist das im Gehirn sich spiegelnde Herz, das bewußt gewordene Ich. Setzt das Blut sich im Gehirn fest, so wird es dem Herzen entzogen, das Dunkel des Allerheiligsten wird allmählich hell gemacht, die Kraft in Wissen verwandelt, der Mensch entherzt, entgeistet, entgöttert. Es ist ein großer Augenblick, wenn das Ich sich erkennt; reißt es sich aber nicht rechtzeitig vom Spiegel los, so ist es wie Narziß verzaubert und verloren. Hier muß sich der Christ seines Herrn erinnern, der sich als Gottes Sohn erkannte, aber, wie es in der Bibel so schön heißt, seine Gottheit nicht für einen Raub hielt, nicht für sich behielt, sondern seinen geringeren Brüdern opferte. Je höher wir zu stehen glauben, desto mehr sollten wir uns getrieben fühlen, uns anderen hinzugeben. Nicht daß wir, wie Don Quichotte, der Welt unsere Ritterdienste aufzwingen sollen; das möchten die modernen Menschen wohl auch, ruhmvolle Taten tun, unerhörte Opfer bringen, zu denen durchaus keine Gelegenheit ist. Auch da kann man wieder von Luther lernen, daß es darauf ankommt, das Nächstliegende zu tun, daß wir uns nicht mit selbstausgedachten, wunderlichen Geboten quälen sollen, während wir nicht imstande sind, die einfachen, von Gott gegebenen zu erfüllen.