Debteras vor dem Abuna singend und tanzend. Nach Lefêbvre.

Bald nachdem Theodoros zur Macht gelangt war, fand sich David (Daud), der Patriarch von Alexandria, im Auftrage des ägyptischen Vizekönigs in Abessinien ein und benahm sich dort sehr hochfahrend, gleichsam als Herr und Gebieter. Theodoros seinerseits begegnete ihm mit Spott und Hohn und jener schleuderte ihm dafür mündlich den Bann ins Gesicht. Theodor blieb ruhig, spannte eine geladene Pistole, schlug auf den Patriarchen an und bat ganz sanft: „Bester Vater, gieb mir deinen Segen!“ David fiel auf die Kniee, stand wieder auf und ertheilte mit zitternden Händen den Segen.

Der Reisende Apel schildert den Abuna Salama folgendermaßen: „Er ist ein trauriges Bild des lasterhaften, ignoranten Zustandes der ganzen abessinischen Kirche. Stolz, unwissend, grausam, intrigant, sucht er auf jede Weise sich Gewalt und Reichthum zu erwerben. Er treibt sogar Sklavenhandel und nimmt nicht einmal Anstand, sich die Kirchengefäße anzueignen, sie nach Aegypten zu senden und dort zu verkaufen. Er ist der geschworene Feind aller Europäer.“ Der Empfang, welchen der Reisende bei diesem „Kirchenfürsten“ fand, war nichts weniger als erbaulich. Als er gefangen in Gondar eingebracht wurde, empfing ihn dort mit finsterer Miene ein Mann, der ihn italienisch anredete. Es war der Abuna. „Bist du wieder“, so begann er seine Schimpfrede, „einer von diesen vermaledeiten Ketzern, welche unsere Religion, die wir von den Heiligen Frumentius und Aedilius selbst empfangen haben, umstürzen wollen?“ Apel antwortete, daß er sich keineswegs hiermit befasse, und wurde nun weiter gefragt: „Hast du keine Bibel mitgebracht, das Volk irre zu führen und unsere heilige Kirche zu untergraben?“ Als nun der Fremdling sagte, er sei Arzt und kein Geistlicher, bemerkte der Abuna: „Ihr seid aber alle Räuber und Lügner, ihr Engländer! Ihr kommt zu uns als Werkleute verkleidet, gebt vor, euch mit der Arbeit zu beschäftigen, unterrichtet aber das ganze Volk und führt es zum Verderben.“ Schimpfreden gegen die Missionäre beschlossen den Sermon des Kirchenfürsten.

Günstiger urtheilt Heuglin von dem Manne, den er 1862 besuchte: „Er mag 45 Jahre alt sein, ist ein schöner Mann von kräftiger Statur, jedoch viel leidend und in Folge eines Katarakts auf dem linken Auge erblindet. Sein Schicksal, für Lebzeiten an dieses Land gebannt zu sein, trägt der Abuna mit mehr Humor als christlicher Ergebung. Auf die abessinische Geistlichkeit ist der Bischof sehr schlecht zu sprechen, er hält dieselbe für vollkommen unverbesserlich, auch spricht er sich unumwunden über die vielen Mängel und angestammten Krebsschäden der hiesigen Kirche aus; trotzdem ist er aber den europäischen Missionären höchst abhold und erklärt, er halte sich unter den obwaltenden Umständen für verpflichtet, jede Art von Propaganda zu unterdrücken.“ Abba Salama, der 27 Jahre über Abessinien als Kirchenfürst regierte, starb am 25. Oktober 1867.

So traurig steht es heute um den höchsten Kirchenfürsten Abessiniens, und ihn übertreffen die übrigen niedrigeren Geistlichen an Schlechtigkeit und Unwissenheit noch bedeutend. Diese sind an Rang und Würde zwar untereinander verschieden, allein außer dem Abuna hat keiner das Recht, zu ordiniren. Außer [pg 117]den Priestern und Diakonen besteht noch das Amt des kirchlichen Thürhüters und Brotbäckers. Jede Kirche hat noch ihren Aleka, dessen Geschäft darin besteht, die Geistlichen anzustellen, zu beaufsichtigen und zu besolden und die Verbindung zwischen Kirche und Staat zu vermitteln.

Erzbischöfliche Würdezeichen des Abuna. Nach Lefêbvre.

Die Kirche hat ferner diejenigen, welche sich ihrem Dienste widmen wollen, zu unterrichten. Zum Diakonenamte wird jeder ordinirt, der sich dazu meldet, wenn er nur lesen kann. Will sich darauf einer dem Priesterstande ganz widmen, so heirathet er in der Regel vorher, weil es ihm später nicht mehr erlaubt ist. [pg 118]Die Ordination ist sehr einfach: der Diakon sagt das Nicäische Glaubensbekenntniß her, bezahlt zwei Salzstücke an den Abuna, der ihm das Kruzifix entgegenhält und den Segen über ihn spricht. Unter dem Abuna Kyrillos, der vor etwa dreißig bis vierzig Jahren lebte, sollen Priester aus Kaffa nach Gondar gekommen sein und einen Ledersack mitgebracht haben, in welchen der Abuna Luft hauchen sollte, um mittels derselben diejenigen ihrer fernen Landsleute zu ordiniren, die sich dem Dienste der Kirche weihen wollten!

Die Thätigkeit der Priester besteht in täglichem drei- bis viermaligen Gottesdienst bei Tag und Nacht, wobei des Morgens früh die Priesterschaft mit Mönchen und Schülern zum Genusse des Abendmahls zusammenkommt. Außerdem fallen Taufen, Trauungen, Messelesen, Beichtehören in ihr Bereich. Der Kirchengesang ist, obgleich höchst unerbaulich, doch sehr künstlich und mit Mimik verbunden; das Studium desselben, sowie das Einlernen der langen Liturgie kostet den angehenden Priestern viele Jahre Zeit. Lächerlich erscheint uns auch die Art und Weise, wie die Priester aus ihren heiligen Büchern lesen, denn das Lesen an und für sich gilt schon als verdienstlich. Das Wort, mit dem sie dasselbe benennen, entspricht unserm „plappern“ und paßt daher gut, um das gedankenlose, überaus schnelle Lesen zu bezeichnen. Ein Priester, der seine oft ungemein lange Liturgie schnell zu Ende bringen will, liest oft mit solcher Behendigkeit, daß das Ohr in seinem Lesen die Artikulation der Stimme kaum besser unterscheiden kann, als das Auge die einzelnen Speichen eines schnell kreisenden Rades. – Was die Zahl der Sakramente betrifft, so scheinen sie nur zwei, Taufe und Abendmahl, anzunehmen. Zum letzteren bedienen sie sich gesäuerten Weizenbrotes, das von bestimmten Personen gebacken sein muß, und des Saftes ausgepreßter Weintrauben. Dieses wird im Abendmahlskelch zusammengemischt, etwas Wasser zugegossen, das Ganze geweiht und mit einem Löffel den Abendmahlsgenossen gegeben. Ihre Beichte übertrifft alles, was in dieser Art anderweitig noch vorkommt. Nach einem vorgeschriebenen Formulare (Nusasié) fragt der Priester den Beichtenden, ob er gewisse Sünden, die in einer ungeheuren Schandliste alle auseinandergesetzt sind, nicht begangen habe. Auf jeder Sünde steht nun eine vorgeschriebene kirchliche Strafe, die durch Fasten oder Bezahlung abgebüßt wird.