Grundriß der Kirche Lalibela.
Nach E. Zander.
Besser sind die Kirchen in den großen Städten beschaffen, namentlich zu Gondar, wo es allein gegen fünfzig giebt. Die größte ist die Bada-Kirche, welche Kaiser Tekla Haimanot um das Jahr 1775 erbauen ließ. Mit ihrem hohen konischen Dache überragt sie alle anderen Gebäude der Stadt und zeichnet sich außerdem durch ein großes griechisches Kreuz von Messing auf dem Giebel aus. In ihr, sowie in anderen Kirchen Gondars zeigt man mehrere etwa fünf Fuß lange Kisten aus Sykomorenholz, welche ringsum mit Heiligenbildern und auf dem Deckel mit der Figur eines in ein Leichentuch gehüllten Menschen bemalt sind. Sie enthalten die Gebeine von Personen, welche in ganz besonderem Ansehen standen. Diese müssen jedoch erst herkömmlicher Weise fünfzig Jahre lang in der Erde geruht haben, ehe sie zu der Ehre gelangen, auf diese Art aufbewahrt zu werden. Die übrigen Kirchen sind gewöhnlich von Bogengängen umgeben, von denen aus mehrere große Thüren in das Innere führen. Wände, Thüren und Querbalken des Gebäudes sind mit Malereien bedeckt und die innere Seite der Thürgesimse mit kleinen Porzellanplatten ausgekleidet; Teppiche decken den Boden; doch Lampen sind eine seltene Erscheinung.
Vorzüglich schöne und geschmackvolle Holzschnitzereien, die, was die Arabesken betrifft, auch einem europäischen Künstler Ehre machen würden, enthält die Kirche Lalibela zu Gondar, ein Bauwerk der Fürstin Menene. Ihr Grundriß ist rund, das Dach, wie allgemein üblich, konisch und an der Spitze mit dem Kreuz geziert. Ihr Inneres besteht aus drei konzentrischen Abtheilungen. Der äußere, von Säulen getragene Kreis, ist der allgemeine Raum [pg 128]für die Kirchgänger; der zweite, mittlere Raum ist für die Abendmahlempfänger bestimmt; der innerste, viereckige, enthält die Bundeslade. Die erwähnten reichen Holzschnitzereien sind flachrelief an Thüren und Fenstern angebracht.
Wohl die berühmteste Kirche in ganz Abessinien ist jene zu Axum in Tigrié, in der ehemaligen Hauptstadt des den Griechen und Römern bekannten axumitischen Reiches. Sie liegt inmitten des politischen Asyls und wurde, wie schon ihre Bauart zeigt, unter portugiesischem Einfluß 1657 an der Stelle der 1535 von Muhamed Granjé zerstörten alten Kirche erbaut. Durch Größe, Reichthum und Heiligkeit übertrifft sie alle anderen Kirchen Tigrié’s. Auf einer mit Stufen versehenen, aus gut behauenen Quadern erbauten Terrasse schreitet man zu ihr hinauf. Vier dicke Pfeiler bilden eine Art Porticus, von welchem man durch drei Thüren in den inneren Raum gelangt. Dieser ist durch zwei Reihen plumper Pfeiler in drei Schiffe von gleicher Höhe abgetheilt, welche durch einige kleine und sehr schmale Fenster ein sehr spärliches Licht erhalten; die Decken bilden horizontal liegende Balken; die Wände sind mit geschmacklosen, stark beschädigten Malereien beklext, der Boden mit Teppichen belegt. (Rüppell fand ihn voller Schmuz.) Ein kleiner Thurm enthält eine Treppe, die zu dem flachen, mit Zinnen gekrönten Dache führt. Salt, welcher die Kirche gemessen hat, giebt ihre Länge zu 111, ihre Breite zu 51 Fuß an. In der Nähe steht ein kleines niedriges Haus, in welchem zwei sehr roh in Abessinien selbst gegossene Glocken hängen, und in einem anderen Gebäude werden die Pretiosen der Kirche, die Metallkronen, Kreuze und Manuskripte aufbewahrt. Nach der Ansicht der Abessinier ist die hier aufbewahrte Bundeslade die echte jüdische aus der Zeit des Königs Salomo, welche Menilek, der Sohn der Königin von Saba, in Jerusalem stahl und hierher brachte (vergl. [S. 3]). Der Name der Kirche ist Hedar Sion und ihr Hüter, der Gouverneur von Tigrié, führt den Titel Nabr Id (Hüter der Bundeslade). Die Abbildung zeigt unsere Anfangsvignette.
Die Missionen in Abessinien.
Schon bald nach Entstehung der englischen „Missionsgesellschaft für Afrika und den Osten“ wandte diese ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien, in der Absicht, dem dortigen Christenthume frische Anregungen zuzuführen und dasselbe aus seiner Versunkenheit herauszuziehen, sowie vor dem Untergange im Muhamedanismus zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden nun Missionsstationen in Malta, Kairo, Smyrna u. s. w. angelegt, von denen aus man allmälig bis Abessinien vordringen wollte, und durch einen abessinischen, nach Jerusalem gepilgerten Mönch die ganze Bibel in die amharische Sprache übersetzt, welche die verbreitetste unter den abessinischen Mundarten ist. Die ersten Missionäre, welche nach Ategerat (Adigrat) in Tigrié im Jahre 1830 vordrangen, waren die beiden Deutschen Gobat und Kugler. Der Detschasmatsch Sabagadis empfing sie freundlich, indessen die politischen Verhältnisse, die immerwährenden Kriege zwischen Sabagadis und Ubié um die Herrschaft Tigrié (vergl. [S. 107]) waren ihrem Werke nicht günstig. Trotzdem drang Gobat bis nach der Hauptstadt Gondar [pg 129]vor, während Kugler in Tigrié zurückblieb, um bald an den Folgen einer Verwundung, welche er sich auf der Jagd zugezogen, zu sterben. Als nun zu derselben Zeit Sabagadis von Ubié geschlagen und getödtet wurde, brach auch für den wackern Gobat eine Zeit der Verfolgungen herein. Längere Zeit hielt er sich in den politischen Asylen, namentlich im Kloster Debra Damo, verborgen, mußte schließlich aber nach Aegypten fliehen. Die Erfahrungen, die er bezüglich seines Missionswerkes gemacht hatte, waren jedoch nur trauriger Art; er fand, „daß der Leichtsinn dieses Volkes nicht leicht die Wahrheit des Evangeliums auf Herz und Leben wirken läßt“. Der erste mißlungene Versuch.
Gefangennahme des Missionärs Krapf durch Adara Bille. Nach Krapf’s Reisewerk.
In Karl Wilhelm Isenberg aus Barmen erhielt 1834 der zurückgekehrte Gobat einen treuen Freund und Unterstützer, der mit neuem Eifer das schwierige Geschäft anzugreifen begann. Nach langer Fahrt durch das Rothe Meer und dreimonatlichem Aufenthalte in Massaua kamen beide im April, begleitet von ihren Frauen, in Tigrié an, wo die Bürgerkriege immer noch fortwütheten. Ubié sicherte indessen den Missionären seinen Schutz zu, die nun mit der Verbreitung von Bibeln begannen. Gobat jedoch war infolge von Krankheit genöthigt, schon 1836 zurückzukehren und gegen den bleibenden Isenberg richtete sich nun der Haß der abessinischen Geistlichkeit, die ihren Einfluß durch seine [pg 130]Anwesenheit bedroht sah. Indessen Isenberg hielt wacker aus und fand in dem Deutschen C. H. Blumhardt einen Unterstützer in seiner aufreibenden Arbeit. Um auf die Jugend, die man zunächst im Auge hatte, besser wirken zu können, begann man mit dem Schulunterricht und baute ein großes Missionshaus in Adoa, das jedoch bald die Eifersucht und den Verdacht des Kirchenvorstehers wie des Herrschers Ubié erregte, da es für eine Festung angesehen wurde, von welcher unterirdische Gänge zum Waffen- und Truppentransport bis Massaua führen sollten! Als mit Ende des Jahres 1837 auch Ludwig Krapf aus Württemberg zu der kleinen Mission stieß, fand er schon große Schwierigkeiten, um zugelassen zu werden, und bereits im Sommer 1838 erhielten die Missionäre den Befehl, das Land wieder zu verlassen. Wie Isenberg bemerkt, geschah dieses nicht ohne Zuthun der mittlerweile gleichfalls nach Abessinien gekommenen katholischen Missionäre, namentlich Sapeto’s, dessen wir bereits oben [S. 31] gedachten. Der zweite mißlungene Versuch.