Die zwischen 8000 und 10,000 Fuß über dem Meere gelegenen Hochländer, wie Semién, die Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes, Begemeder, das Innere von Godscham, namentlich die Gebirge um die Quellen des Blauen Nil, Sebit, Woadla, Daunt, Talanta, Lasta, Jedschu Wollo und Schoa sind meist eben und abwechselnd mit sanften Hügeln und Höhen bedeckt, die eine zwei bis acht Fuß mächtige, sich nie erschöpfende Humusdecke tragen. In allen diesen Ländern wird, manchmal bis zu 11,000 Fuß hinaufreichend, die vierreihige Gerste kultivirt, während die zweireihige nur zwischen 7000 und 8000 Fuß Meereshöhe angebaut wird. Die verschiedenen Arten des Weizens, unter denen die Eidscha genannte die vorzüglichste ist, gedeihen nur zwischen 8000 und 9000 Fuß; in derselben Höhe kommt der Flachs am besten fort, obwol er bis zu 6000 Fuß hinabgeht. Die Flachsbereitung zu Webereien kennt der Abessinier nicht; er baut das nützliche Gewächs nur, um aus den Samen zur Fastenzeit ein Lieblingsgericht herzustellen. Die Bereitung desselben ist sehr einfach. Man röstet zunächst die Samen in einem flachen Tiegel über Feuer, doch nicht zu stark, und zerstößt sie hierauf in einem hölzernen Mörser sehr fein. So zubereitet läßt sich die gestoßene Masse in Kugeln formen und für lange Zeit aufbewahren. Um aus diesen ein Leingericht herzustellen, werden einige Kugeln in Wasser zu einer dicken Suppe zerrührt, und in diese taucht der Abessinier seine gesäuerten, dünn gebackenen Brote. Für weitere Reisen ist diese Speise außerordentlich praktisch, ja fast unschätzbar; ich selbst habe mich derselben häufig bedient und kann nur sagen, daß sie eine wohlschmeckende ist. Linsen und Saubohnen gehen bis zu einer Höhe von mehr als 9000 Fuß. Als Gemüse werden in dieser Höhe angebaut: Kohl, Senf und Knoblauch.
Zwischen 6000 und 8000 Fuß Meereshöhe finden wir auch ganz vortreffliche zum Ackerbau geeignete Landschaften: Hamasién und Serawié mit durchgängig urbarem Boden, liegen 7000–7500 Fuß über dem Meere; die Distrikte Dixan, Adigrat, Schumnesanié, Hausién, Faresmai, Adoa, Okulekusai, Adiarwate, Schirié, Tembién, Axum, Auker, Enderta u. s. w., die zu Tigrié gerechnet werden, und von Amhara: Bellesa, das niedere Woggera, ganz Dembea, das niedere Begemeder, Dakussa, Halefa, das niedere Lasta u. s. w. In den genannten Ländern auf einer Höhe von 7000 bis herab zu 5500 Fuß gedeihen vorzüglich folgende Getreidearten: Tiéf, das werthvollste und wohlschmeckendste Korn, von dem viele Abarten gebaut werden; Mais oder Maschilla, der gleichfalls in verschiedenen Varietäten vorkommt; Dakuscha, die besonders zur Bierbereitung dient; Nuk, dessen Samen ein vortreffliches Speiseöl liefert und der in großer Menge angebaut wird. Schimbera, eine Wickenart; Erbsenarten; Saubohnen; als Gemüse gelten: viele Melonensorten, spanischer Pfeffer, Zwiebeln, Kohl u. s. w.
Von 5000 Fuß bis zu 3000 Fuß über dem Meere werden noch besonders Mais und Dakuscha gebaut, die dort vorzüglich gedeihen. Dann Schimbera, spanischer Pfeffer und besonders Melonen. Auch kommt die Baumwolle gut fort.
Nach diesem flüchtigen Umriß, der nur dazu dient, die Kulturpflanzen nach der Höhe ihres Standpunktes und Vorkommens über dem Meere anzuführen, gehe ich ausführlicher auf deren Nutzbarkeit und Anwendung, deren Ertrag und Preis, sowie auf Saatzeit und Ernte einer jeden ein.
Gerste kommt zwei- und vierzeilig vor; letztere wird zwischen 8000 und 11,000 Fuß angebaut; da sie gegen Kälte und rauhe Witterung nicht so empfindlich ist wie die erstere, läßt sich ihre Kultur mit mehr Gewinn betreiben. Allein sie hat sehr dicke Hülsen und deshalb geben die Körner nicht viel Mehl, nämlich 16 Metzen Gerste nur 10 Metzen Mehl. Wenn, wie gewöhnlich, im März und April einiger Regen gefallen ist, findet die Aussaat statt. Ende Juni folgt dann eine – meist mißrathende – Nachsaat. Jedoch ist die Aussaat nicht überall gleichzeitig. So säet man im Hochlande von Wollo die Gerste fast zu jeder Zeit. Gewöhnlich fällt die Ernte Mitte Oktober bis Ende November; auf den Höhen über 11,000 Fuß aber in den Dezember. Unregelmäßige Aussaaten und Ernten sind von der Lage und Höhe des Feldes abhängig. Die gewonnene Gerste wird zur Bierbereitung und zum Brotbacken benutzt. Die Gerstenbrote sind 2–3 Linien dicke, anderthalb Fuß im Durchmesser haltende runde Kuchen. Der Teig zu denselben wird sehr dünnflüssig angestellt, einer zwölfstündigen Gährung überlassen und ist dann sofort zum Backen geeignet. Die flüssige Masse wird in eine flache, thönerne Schüssel gegossen, mit der Hand gleichmäßig vertheilt, mit einem gewölbten Deckel überdeckt und in einer Minute über freiem Feuer gar gebacken. Diese Art der Bereitung von gesäuertem Brote wird bei allen Getreidearten ohne Ausnahme angewandt.
Zur Bierbrauerei wird die Gerste ohne vorheriges Malzen schwach braun geröstet, dann grob gemahlen, das erhaltene Mehl in einen großen thönernen Krug geschüttet und unter stetem Umarbeiten so viel Wasser zugegossen, bis das Ganze in einen nicht zu dicken Brei verwandelt worden ist. Nun wird auf folgende Art die eigentliche Würze bereitet. Man quellt Gerste in einem Thonkruge 24 Stunden lang, schüttet das Wasser davon ab und schichtet das gequollene Getreide in einem spitzen Haufen auf, den man mit Gras oder Laub dicht zudeckt und mit Steinen beschwert. Dieser bleibt so lange in Ruhe, bis die Gerste 2–3 Zoll lange Keime getrieben hat; dann trocknet man diese schnell und bewahrt sie auf. Dieses Malz wird zur Bierbereitung nun auf folgende Art verwendet. Man nimmt auf 32 Metzen geröstetes Gerstenmehl ½ Metze Malz, das vorher zu Mehl zerrieben und, mit 3 Metzen geröstetem Gerstenmehl vermischt, zu Teig angerührt ist. Diese Masse läßt man kurze Zeit gähren und bäckt aus dem so erhaltenen Teige dünne brotartige Kuchen, die am Feuer hart getrocknet und in kleine Stückchen zerbröckelt werden. Die Quantität derselben und das geröstete Gerstenmehl stehen in einem genauen Verhältnisse. Die gemischte Masse wird in ein trichterförmiges Pferdehaarsieb, das auf einem Thonkruge steht, gestellt, dann Wasser darüber gegossen und nun unter fortwährendem Wasserzugießen so lange durchgerührt, bis aller Mehlstoff, mit Zurücklassung der Hülsen, in den Krug geflossen ist. Nach [pg 142]vier bis sechs Stunden tritt in dem mit Wasser noch verdünnten Inhalte des Kruges Gährung ein und das Bier ist zum Trinken fertig. Biere von anderen Getreidearten, wie Dakuscha oder Mais, werden auf dieselbe Weise bereitet. In Thonkrügen, deren Deckel mit Lehm und frischem Kuhmist verstrichen sind, hält sich das Gebräu oft geraume Zeit.
Der Weizen wird zwischen 7000 und 9000 Fuß über dem Meere angebaut. Die Saatzeit fällt mit jener der Gerste zusammen; die Ernte ist etwas später. Wie schon bemerkt wurde, kultivirt man verschiedene Sorten. Die gewöhnliche Benutzung des Weizens ist zur Bereitung von Hampascha-Brot, dessen Teig mit Bierhefe angestellt, dick und steif ausgewirkt und zu Broten von 1½ Zoll Dicke, aber beliebiger Größe, verbacken wird.
Dakuscha (Eleusine) wird zwischen 3500 und 6500 Fuß gebaut, ist aber besonders in den Höhen zwischen 4000 und 5000 Fuß sehr ergiebig. Dieses Getreide dient vorzüglich zur Bier-, weniger zur Brotbereitung; verbäckt man es jedoch, so sind die warmen Kuchen sehr wohlschmeckend und nährend. Die Saatzeit fällt Anfang März; die Ernte in den November und Dezember. Es giebt schwarze und weiße Dakuscha.
Tiéf oder Tef (Eragrostis), zwischen 5500 und 7500 Fuß gebaut, ist das beliebteste, in einer Menge Arten vorkommende Getreide Abessiniens und das aus diesem bereitete Brot das allerwohlschmeckendste im Lande, besonders das rein weiße. Die Saatzeit richtet sich nach den verschiedenen Sorten. Sie fällt von April bis Mitte Juni und danach die Ernte von Ende September bis Anfang November.
Mais oder Maschilla, in verschiedenen Sorten gebaut zwischen 3000 und 7000 Fuß, gedeiht am besten zwischen 3000 und 5000 Fuß, wo er oft zwei- und dreihundertfältigen Ertrag liefert. Man verwendet ihn zum Brotbacken und zur Bierbereitung. Die Aussaat beginnt im April, die Ernte fällt – je nach Sorte und Standort – in den November und Dezember; in Woro Haimano gar schon zu Anfang Oktober.