Citronen, Pomeranzen, Pfirsiche gedeihen im verwilderten Zustande sehr gut, sind aber wenig verbreitet. Eine Citronensorte, Trunki genannt, erreicht die Größe eines Menschenkopfes; ihr angenehm schmeckendes Fleisch ist sehr beliebt. Hier und da finden sich auch saure Granatäpfel.

Die Baumwolle wird nicht in dem Maße gebaut, um die Bedürfnisse des Volkes decken zu können. Abermals ein trauriger Beweis von der Unbetriebsamkeit und dem Unfleiße der Abessinier! Und doch fehlt es nicht an geeigneten Ländereien. Man könnte sehr leicht den achten Theil Abessiniens mit der nützlichen Pflanze bestellen – leider überläßt man denselben lieber den wilden Bestien als Tummelplatz. Zwischen 3000 und 5000 Fuß gedeiht eine vorzügliche Qualität, und dabei bezieht man Baumwolle aus fremden Ländern!

Rauchtabak wird im Lande selbst gebaut und fabrizirt; Schnupftabak dagegen, den man nicht zu bereiten versteht, von Massaua bezogen. Die Summe, welche jährlich aus Abessinien nach Massaua wandert, ist sehr groß, und welchen Ersatz hat das Land für das viele ihm entgehende Geld? Antwort: keinen.

Die Blätter des Geschobaumes, die einen nicht unbeträchtlichen Handelsartikel bilden, vertreten in Abessinien die Stelle des Hopfens und werden [pg 146]beim Bierbrauen und bei der Herstellung des Honigweines benutzt. Letzteren bereitet man auf folgende Art. Auf ein Maß Honig giebt man fünf Maß Wasser, spült das Wachs aus und gießt die dünne Honigflüssigkeit in einen wohlgereinigten, sechs Maß fassenden Krug. Man fügt eine Hand voll Geschoblätter hinzu und läßt das Ganze bei mäßiger Wärme vier bis fünf Tage gähren. Nun ist der Wein fertig – allein trinken darf ihn nicht Jedermann, da er königliches Monopol ist und der Herrscher den Genuß desselben nur seinen vorzüglichsten Dienern und den Fremden gestattet.

Da der Abessinier weder Lust noch Liebe zur Arbeit und Thätigkeit hat, so läßt er all den genannten Kulturpflanzen nur wenig Pflege und Wartung angedeihen; seine Felder, seine Anpflanzungen gleichen fast immer einer Wildniß. Liebe, Sinn für die Natur und ihre Schönheiten sind ihm unbekannt; wie sein Feld, so ist auch sein Sinn und Herz stets eine Wildniß.

Folgendes sind die durchschnittlichen Ernteergebnisse, jedoch ist dabei zu bemerken, daß der Ertrag der Mais- und Dakuscha-Arten in den tiefer gelegenen Ländern am Mareb, Takazzié und Nil nicht als Norm anzunehmen ist, da hier der Ertrag, je nach der Bodengüte, oft drei- und vierhundertfältig ausfällt. Je ein Scheffel Tiéf giebt 30, Mais 150, Weizen 10, Dakuscha 20, Lein 24, Gerste 12, Linsen 6, Saubohnen 10, Schimbera 8 und Nuk 40 Scheffel Ernteerträgniß im Durchschnitt.

Nur eine einzige Oelfrucht, Nuk (Guizotia olifera) wird zwischen 5000 und 7000 Fuß angebaut. Die Aussaat beginnt mit dem Eintritte der Regenzeit zu Anfang Juli und 1 Scheffel liefert 30–40 Scheffel Ertrag. Das Nuköl ist sehr wohlschmeckend und dient in der Fastenzeit statt der dann verbotenen Butter. Um das Oel zu gewinnen, werden die Samen zuerst schwach geröstet, fein gestampft und unter Wasserzusatz bei stetem Umrühren unter Beibehaltung einer Wärme von etwa 50° R. über dem Feuer erhalten. Alsdann scheidet sich das Oel aus, von dem die Samen etwa 35 Prozent enthalten.


Der Abessinier hat durchschnittlich eine Einfelderwirthschaft und nur hier und da Zweifelderwirthschaft. Er düngt nicht, obgleich er den Nutzen der Felderdüngung sehr gut kennt. Allein seine Unlust zur Arbeit und sonstigen Thätigkeit, seine Stellung zur Regierung sind für ihn Hindernisse, die er niemals zu überwinden vermag. Diese Indolenz wird vorzüglich durch die Größe und durch den Reichthum seines Landbesitzes genährt, denn schon wenn der vierte Theil der Felder bestellt ist, sind die Lebensbedürfnisse des Besitzers gesichert. Gewöhnlich liegt der dritte Theil brach; wo der Boden sehr humusreich ist, bestellt man jedoch nur die Hälfte. Man muß die traurigen Zustände mit eigenen Augen gesehen haben, um einen Begriff von Brachfeldern zu erhalten, die drei Jahre, ohne vom Pfluge berührt zu werden, wüst liegen!

Ein solches „Ackerfeld“ gleicht gewissermaßen einer gut aufkeimenden Waldung, denn die wilde Vegetation wuchert in Abessinien ungemein schnell; [pg 147]man scheut auch das Ausroden der Strünke und Wurzeln und begnügt sich damit, die Baumstämme 1–2 Fuß über dem Boden abzuhauen. So sieht man die Felder mit großen und kleinen, oft Jahrhunderte alten Stämmen und Wurzeln bedeckt. Und nun erst die Steine, die groß und klein, oft so dicht, daß man kaum den Boden erkennt, über den Acker zerstreut liegen! Nicht einmal den kleinsten Stein entschließt sich der Abessinier auf die Seite zu schaffen. Wie viel gutes Ackerfeld geht also auch hierdurch verloren!