Während der Zeit, daß die Expedition hier einen unfreiwilligen Aufenthalt hatte, stand das Thermometer auf 112 Grad Fahrenheit (35½° R.) und die zudringlichen, nach ranzigem Fett riechenden Eingeborenen drängten sich mit großer Unverschämtheit in das Zelt der Gesandten, um dort die Luft noch unerträglicher zu machen. Muhamedaner von der bigottesten Sorte, verschmähten sie jedoch weder den Zwieback, noch den Kaffee der „Christenhunde“ und bettelten bald um diese, bald um jene Kleinigkeit. Unter den verschiedenen Stämmen, die an diesem vielbesuchten Wasserplatze versammelt waren, befanden sich die Adâl mit breitspitzigem Speer und uralten Schilden, die Küsten-Somal mit leichter Lanze und Buckelschild, nicht viel größer als ein Schiffszwieback, ihre gefürchteten Stammesbrüder, die mörderischen Isa, mit langem starken Bogen von antiker Form und versehen mit einem Köcher voll vergifteter Pfeile. Sie waren unter allen die malerischsten Gestalten; kühn hatten sie den wallenden [pg 233]Mantel umgeworfen und lange rabenschwarze Locken wallten auf die Schulter herab. Sie können als ein Räuber- und Jägervolk bezeichnet werden. Viele unter ihnen besitzen gezähmte Strauße, die mit den Herden zusammen weiden und des Nachts an den Lenden gefesselt werden. Diese gigantischen Vögel werden mit viel Erfolg bei der Jagd auf wilde Thiere benutzt; auch reiten die Isa auf Eseln, von denen der Jäger seine mit Euphorbiasaft vergifteten Pfeile abschießt. Die Schilde, welche die Danakil tragen, werden von den Isa aus dem Fell der Oryx-Antilope verfertigt; auch handeln sie mit Straußenfedern. Die Art und Weise, wie sie die erlegten Vögel zubereiten, ist sehr originell; sie schneiden dem Vogel die Füße ab, wickeln dann das ganze Thier sammt Eingeweiden und Federn in feuchten Thon und backen diesen in heißem Feuer; nachdem die Thondecke entfernt ist, bleibt der saftige Braten zurück.

Nicht ohne große Mühe und Gefahr konnte nach einwöchentlichem Aufenthalt die Gesandtschaft sich von den barbarischen Nomaden und dem traurigen Orte losmachen, um ihren Weg fortzusetzen. Ueber kahle, steinige, von Schluchten zerrissene Berge ging der Weg in südwestlicher Richtung weiter. Lange Züge von Kameelen, Hornvieh, Schafen und Ziegen begegneten ihnen. Alle Bürde trugen die Weiber und Kinder der herumziehenden Stämme, während der faule Ehemann nur leicht mit Speer und Schild bewaffnet dahinschritt. Der Myrrhenbaum (Balsamodendron Myrrha) kam in der Nähe der bienenkorbförmigen Hütten, auf die man jetzt öfter traf, häufig vor; seine aromatischen Zweige liefern den Eingeborenen Zahnbürsten, welche sie in der Säbelscheide tragen. Häufige Regen traten in der Nacht ein und durchweichten die Reisenden bis auf die Haut; dann brausten wieder Wüstenwinde daher, waren wasserlose Flächen oder mit vulkanischem, scharfem Gestein übersäete Ebenen zu durchziehen – mit einem Worte, der Weg war aufreibend, mühsam und beschwerlich im höchsten Grade. Selten nur unterbrach eine Oase die Einöde, um dann gleich wieder vulkanischen Gebilden Platz zu machen. Bei Saltelli traf man auf ein Feld erloschener Vulkane, die, umgeben von Lavafeldern, in kegelförmiger Gestalt hier aus den Eingeweiden der Erde hervorgebrochen waren. Einer dieser alten Vulkane, der über 3000 Fuß hohe Aiullo, gilt als die alte Landesgrenze des nun zerfallenen äthiopischen Reichs. Wüst und traurig war die todte Umgebung dieser Berge – aber eine freudige Ueberraschung wurde den Reisenden hier doch zu Theil, denn zum ersten Male erblickten sie an diesem Orte in weiter, nebelhafter Ferne die blauen Gebirgsketten Abessiniens. Ihren Weg verfolgend trafen die Gesandten immer mehr auf Myrrhenbäume, und zwar auf zwei Arten. Diejenige, welche das beste Harz liefert, ist ein zwerghafter Strauch mit dunklen, krausen, sägeförmigen Blättern, während die andere, welche ein mehr balsamartiges Produkt liefert, zehn Fuß hoch wird und helle, glänzende Blätter hat. Nach der geringsten Verletzung fließt der milchige Saft in reicher Menge heraus und erstarrt an der Oberfläche; wenn die Masse oft vom Stamme entfernt wird, kann man im Januar und wieder im März große Mengen von einer Pflanze gewinnen. Mehrere Loth der feinsten Myrrhe erhält man auf diese Art im Vorbeipassiren leicht; [pg 234]dieselbe wird von den Vorübergehenden in einer Höhlung im Schilde aufbewahrt und an den ersten besten Sklavenhändler gegen Tabak vertauscht. Die Danakil geben die Myrrhe auch als Arznei ihren Pferden ein, wenn diese infolge der Hitze an Erschöpfung leiden. In der europäischen Medizin findet sie heutzutage nur noch geringe Anwendung; ihr Ruf aber ist groß und alt; befand sich doch die Myrrhe unter den Geschenken, welche die Weisen aus dem Morgenlande dem Christkinde brachten!

Von dem Gipfel eines Hügels herab hatten die Reisenden endlich den freudigen Anblick des Hawasch, des abessinischen Grenzflusses, dessen Lauf durch einen dichten Baumgürtel bezeichnet wurde. Jenseit desselben ragten kühn die Hochgebirge von Schoa in die Luft, und nach langen Leiden winkte nun das Ziel. Das Schlimmste war überwunden.

Der Hawasch ist der zweitgrößte Strom Abessiniens. Er entspringt im Herzen des Landes in einer Höhe von 8000 Fuß, wird von einer großen Anzahl kleiner Ströme gespeist und fließt gleich einer belebenden Ader grün und längs seiner Ufer bewaldet durch die brennend heißen Adâl-Ebenen, bis er in den Lagunen von Aussa sein Ende findet und versandet. Je näher man dem Strome kam, desto kräftiger wurde die Vegetation. Gummiausschwitzende Akazien, Tamarisken zeigten sich und laut schreiende Perlhühner stoben bei dem Heranziehen der Karawane auseinander; man mußte sich schließlich durch das Dickicht förmlich durchwinden und stand nun, nachdem man so lange durch wilde Einöden gezogen, vor einem großen, mächtig dahinrauschenden Strome, der seine vom Regen getrübten Wasser wild dahinwälzte.

Die Stelle, an welcher die Reisenden den Fluß zu überschreiten hatten, liegt mehr als 2000 Fuß über dem Ozean. Nach Art einer fliegenden Brücke wurden zehn Flöße zusammengefügt und auf diesen die Kameele, das große Gepäck und die zahlreichen Menschen übergesetzt. – Man war nun im Königreich Schoa, doch immer noch im Lande wilder Muhamedaner, da die christliche Bevölkerung erst weiter westlich beginnt.

Weil das Wasser des Stromes dick und schlammig aussah, begab man sich zur Tränke nach einem nahegelegenen Weiher, der von hohen Bäumen umgeben war. Inmitten desselben trieben Nilpferde ihr unheimliches Wesen; eins derselben steckte seinen ungeheuren Kopf aus dem Wasser, sperrte den mächtigen Rachen auf und brüllte, daß man es auf eine halbe Stunde Wegs hören konnte; zum Lohn wurde ihm eine vier Loth schwere Kugel in den Kopf gejagt, deren Einschlagen in den Schädel man deutlich vernahm. Das Thier sank unter, wurde jedoch erst am nächsten Tage aufgefunden und von den benachbarten Nomaden zerstückelt und verzehrt.

Mit leichtem Herzen sagte man den trüben Fluten des Hawasch Lebewohl und zog der Hauptstadt entgegen. Diesseit des Flusses war das einzige vorkommende Schaf das fettschwänzige, wolllose, nur mit Haaren bedeckte Thier gewesen. Statt dessen traten nun die großen, fetten abessinischen Schafe auf. Ziegen mit langen gewundenen Hörnern zeigten sich, von kleinen fuchsartigen [pg 235]Hunden bewacht, in großen Herden. Große Flüge von Heuschrecken, welche das Land kahl gefressen hatten, nahmen ihre Richtung gegen Abessinien zu. Sie verdunkelten förmlich den Himmel und zogen gleich einer finstern Wolke mit großer Schnelligkeit durch die Lüfte hin. In den Wäldern waren Perl- und Rebhühner häufig, zusammen mit der Zwergantilope, und die langentbehrte Jagd brachte in die Küche und die Lebensweise der Europäer einige Abwechselung. Am Abend des zweiten Tages, nachdem der Hawasch überschritten war, kam ein Reiter in das Lager der Gesandtschaft, sah sich überall genau um, sprach dabei kein Wort und verschwand wieder wie er gekommen. Es war ein Spion des Grenzhüters der Provinz Ifat, der seinem Herrn Nachricht über die Fremdlinge bringen sollte. Diese Erscheinung versetzte die begleitenden mißtrauischen Danakil in Aufregung, denn sie argwöhnten sofort, der Herrscher von Schoa werde die Europäer nicht empfangen.

Rachen des Nilpferdes.

Ungeachtet ihres Abmahnens setzte man den Weg fort. Der Mamrat, „die Mutter der Gnade“, mit seinem kuppelförmigen mächtigen Berghaupte, das weit über die Wolken emporragte, erhob sich gleich einem gigantischen Schlosse aus der Ebene und galt als Ziel, auf das man lossteuerte. Man befand sich jetzt schon 3000 Fuß über dem Meere und stand am Eingange des hauptsächlichsten, nach Südabessinien führenden Passes. Eine erfrischende Brise wehte den Engländern entgegen, der Himmel war mit Wolken bedeckt und das Klima so beschaffen, daß sie sich eher in der Heimat als unter die Tropen versetzt glaubten. Berg über Berg, bedeckt mit herrlicher, üppiger Vegetation erhob sich vor ihnen. Einer thürmte sich unordentlich über dem andern empor; bis schließlich die letzten, mit einem glänzend weißen Schneemantel bedeckten Spitzen sich in den azurblauen Lüften zu verlieren schienen. Dörfer und Weiler schauten aus den grünen Baumgruppen hervor; reiche Saatfelder erglänzten in der Sonne und zeugten von dem Fleiße eines Theils der Bewohner.