Ein Hauptsklavenmarkt ist Metemmé, die Hauptstadt des Gebietes Gallabat, an der Grenze zwischen Abessinien und dem ägyptischen Sudan. Baker besuchte dort 1862 die Sklavenhändler. Sie wohnten in großen Mattenzelten und besaßen viele junge Mädchen von außerordentlicher Schönheit, deren Alter [pg 256]zwischen neun und siebzehn Jahren wechselte. Diese liebenswürdigen Gefangenen mit einer schönen braunen Farbe, zart geformten Zügen und Gazellenaugen waren Gallamädchen, welche aus ihrem Vaterlande an den abessinischen Grenzen von abessinischen Händlern hierher geführt wurden, um in die türkischen Harems verkauft zu werden. So schön diese Mädchen sind, taugen sie zu keiner schweren Arbeit und kränkeln und sterben bald, wenn man sie nicht freundlich behandelt. Man sieht mehr als eine Venus unter ihnen, und nicht genug, daß ihr Gesicht und ihr Wuchs vollendet schön sind, beweisen sie denen, welche sie gut behandeln, die größte Anhänglichkeit und werden sehr brave und treue Frauen. Es liegt etwas eigenthümlich Gewinnendes in der natürlichen Anmuth und Milde dieser jungen Schönheiten, deren Herz jenen tieferen Liebesgefühlen, welche unter rohen und rauhen Stämmen selten bekannt sind, eine rasche Antwort geben. Ihre Formen sind auffallend elegant und anmuthig, die Hände und Füße namentlich außerordentlich zart. Die Nase ist gewöhnlich leicht gebogen und mit großen und schöngeformten Oeffnungen versehen. Das schwarze und glänzende, aber ziemlich grobe Haar, reicht etwa bis zum halben Nacken hinunter. Obgleich diese Mädchen aus den Gallaländern sind, bezeichnen sie sich stets als Abessinierinnen und sind unter diesem Namen allgemein bekannt. Sie sind außerordentlich stolz und hochgesinnt und lernen merkwürdig schnell. In Chartum haben sich mehrere der angesehensten Europäer mit solchen reizenden Damen verheirathet, welche ihren Männern ohne Ausnahme große Liebe und Ergebenheit bewahren. In Gallabat betrug der Preis für eine dieser Schönheiten zwischen 25 und 40 Thalern. Einige Jahre nach Baker’s Aufenthalt (März 1865) scheint aber der Handel mit Gallamädchen in Metemmé fast erloschen zu sein und der schlechteren Waare vom Weißen Flusse Platz gemacht zu haben, denn Graf Krockow, welcher damals dort war, bemerkt: „Die in früheren Zeiten massenhaft für die Harems der Reichen exportirten jungen, feurigen, abessinischen Mädchen kommen jetzt nur selten auf den Markt, denn in ihrer Heimat hat das abscheuliche Treiben fast ganz aufgehört“ (?).

Jedenfalls stehen die Gallamädchen weit über den lasterhaften Abessinierinnen und vermögen nach Umständen wohl auch einen Europäer zu beglücken. Lassen wir darüber einen Brief Eduard Zander’s vom 27. Juni 1854 reden: „Seit einem Jahre und einem Monat bin ich auf Befehl des Regenten Ubié verheirathet, und vor zwei Monaten ist mir unter Gottes Beistand auch ein Töchterlein geboren worden. Es ist ganz deutschen Charakters, weiß und blond, sehr wohlgestaltet und schön und erhielt in der Taufe nach abessinischem Ritus die Namen Maria Sophia. – Zwanzig Monate sind jetzt verflossen, da veranstaltete Ubié eine großartige Schmauserei, zu der an einem Tage nicht weniger als 300 Kühe abgeschlachtet wurden; Alles war guter Dinge und der Honigwein floß in Strömen. Auch ich war besonders von Ubié eingeladen worden; bei ihm angelangt, befahl er sofort, daß ich mich neben ihn auf seine Alga setzen sollte. Das Weilen auf diesem Platze gilt für die größte Auszeichnung bei Hofe, welche nur den Mitgliedern des höchsten Adels zu Theil wird. Ubié hatte mich im Laufe der [pg 257]Zeit genau kennen gelernt und sehr lieb gewonnen, sodaß ich schon vor zwei Jahren in den hohen Adel erhoben wurde und zu jeder Zeit ungehinderten Eintritt bei ihm hatte. An diesem Tage war er ganz besonders heiterer Laune, er sprach viel mit mir und fragte mich nach allen möglichen Dingen, unter anderm, warum ich nicht verheirathet sei? Offen und rund heraus erklärte ich ihm denn, daß die Töchter seines Landes mir keineswegs gefielen, da ihnen das, was wir an den Frauen vor Allem schätzten, fehle, nämlich Ehrbarkeit und Tugend. Du hast Recht, entgegnete mir Ubié, sie taugen alle nicht für dich, denn du bist ein ordentlicher Mann. Ich werde selbst für dich sorgen und dir eine passende Frau aussuchen. Kaum waren fünf Monate vergangen, so erfüllte Ubié bereits sein Wort. Während dieser Zeit hatte er nach allen Richtungen des Landes Boten ausgesandt, die für mich eine geeignete Frau suchen sollten; keiner aber hatte eine schickliche gefunden. Da langten eines Tages muhamedanische Kaufleute hier an, unter denen sich ein Sklavenhändler befand, welcher sieben schöne Sklavinnen feil hatte. Ubié ließ sich die Mädchen vorführen und suchte unter allen sieben die schönste aus, um sie mir zum Weibe zu schenken. Das Vaterland meiner Frau ist Lima; die Bewohner sind Galla, der Regent oder Oberhäuptling des Landes heißt Ababokiwo. Meine Frau zählt jetzt 16 Jahre. Sie hat mich lieb gewonnen, ist mir treu ergeben und von Charakter sanft, ihr Verstand ist scharf und hell. Was sie aber besonders auszeichnet, ist Sittsamkeit und Tugend.“

In seiner Heimat, wo das Schwert des abessinischen Eroberers noch nicht eindrang, ist der Galla ein freier, unabhängiger Mann, dem nur der Distriktsvorsteher oder Abadula und der oberste Häuptling oder Heiu zu befehlen hat. Der Heiu regiert nur acht Jahre, alsdann tritt er ins Privatleben zurück, weil dann ein anderer Heiu, ein Mann von kriegerischem Muthe und Talent, gewählt wird. Sein Geschäft besteht darin, daß er durch den ganzen Stamm zieht, alle Hauptangelegenheiten seines Staates schlichtet und unterstützt und namentlich über Krieg und Frieden entscheidet. Dabei ist der Ort, in welchem er sich gerade aufhält, verpflichtet, ihn zu unterhalten.

Stirbt ein Galla, so erhebt sich, wie fast im ganzen Oriente, allgemeine bittere Klage. Ist der Verstorbene ein Hausvater, so rasiren sich, zum Zeichen der Trauer, die Kinder am ganzen Leibe. Der Todte wird anständig begraben, das Grab mit schönen Steinen bedeckt und eine Aloe darauf gepflanzt; dann wird eine Kuh geschlachtet und von den Verwandten verzehrt. Sobald die Aloe ausschlägt, glauben sie, die Seele des Verstorbenen sei zu Wak ins Paradies gekommen. Jedoch meinen sie, daß auch in jener Welt alle Nationen und Religionen ebenso geschieden sein werden wie hier. Galla, Muhamedaner und Christen kommen jede Partei an ihren besonderen Ort, um die guten oder üblen Folgen ihres Verhaltens in dieser Welt zu genießen. Die Lüge scheint bei ihnen verpönter zu sein als bei ihren abessinischen Nachbarn. Wird ein Galla als Lügner ertappt, so verliert er Sitz und Stimme in den öffentlichen Versammlungen und wird der Verachtung preisgegeben.

Was im Vorstehenden über die Galla mitgetheilt wurde, ist vorzugsweise den Berichten Krapf’s und Isenberg’s entlehnt. Das Volk erscheint uns nach diesen Mittheilungen weit liebenswürdiger und besser als seine abessinischen Bedrücker. Ueber die Art und Weise, wie die letzteren gegen die Galla verfahren, wie sie Land und Volk dieses Stammes auf das Schmählichste verwüsten, darüber können wir uns am besten unterrichten, wenn wir abermals der Erzählung des Major Harris folgen.

Wie die meisten anderen afrikanischen Potentaten, unternahm auch Sahela Selassié keinen Krieg wegen des nationalen Ruhmes oder wegen der öffentlichen Wohlfahrt; seine Kriege waren entweder Raubzüge oder auf die Unterdrückung von Rebellen gerichtet, und das war auch jetzt wieder der Fall, als er gegen die Galla auszog, wobei er den dringenden Wunsch aussprach, von der Gesandtschaft begleitet zu werden; die Gegenwart derselben sollte ihm Kraft, seinen Völkern neuen Muth verleihen. Nur für 20 Tage wurde die Armee mit Lebensmitteln versehen, woraus man schließen wollte, daß das Ziel des Feldzuges kein allzufernes war. Angollala war in großer Aufregung und alle Handwerker damit beschäftigt, die Waffen in Stand zu richten, während im königlichen Arsenale Tag und Nacht große Thätigkeit herrschte. Bei dem abergläubischen Charakter der Abessinier war vorauszusehen, daß erst das Schicksal befragt und nach guten oder bösen Vorzeichen geforscht werden müßte. Priester und Mönche hatten in dieser Beziehung alle Hände voll zu thun. Das Herabfallen eines Schildes vom Sattelknopf, die Erscheinung eines weißen Falken sind ungünstige Zeichen, während ein paar Raben Glück verheißen. Auch das Heulen der Hunde während der Nacht wurde beobachtet, um daraus Schlüsse zu ziehen. Endlich brach man auf und zwar in der größten Unordnung, um aber bald wieder Halt zu machen, damit die zahlreichen Nachzügler sich sammeln konnten. Vor der Armee wurde unter einem Baldachin von Scharlachtuch die Bibel und die Bundeslade aus der Michael-Kathedrale in Ankober auf dem Rücken eines Maulthieres vorangetragen, welche den sicheren Sieg gegen den heidnischen Feind verleihen sollten; dann folgte auf reich gezäumtem Maulthiere der König, umgeben von seinen Luntengewehrträgern und den Musikanten mit Kesselpauken und Trompeten. An ihn schlossen sich an Gouverneure, Offiziere, Mönche, Priester und zuletzt – das Sonderbarste von allen: 40 Frauen und Fräulein, welche die königliche Küche zu versorgen hatten. Soweit das königliche Gefolge, dem sich unter einer ungeheuren Staubwolke, soweit das Auge reichte, Reiter, Krieger zu Fuße, Saumrosse, Esel, Maulthiere, mit Zelten und Lebensmitteln beladen, sowie große Scharen Weiber anschlossen, die mächtige Töpfe mit Bier und Honigwein auf dem Rücken trugen. Alles in Unordnung malerisch durcheinander. Wenn diese Masse sich niederließ, nahm das Lager einen Raum von anderthalb Stunden im Durchmesser ein, in dessen Mitte das königliche Zelt und dabei die Küche stand. Von Vorposten oder sonstigen Sicherheitsmaßregeln war aber, selbst als man schon des Feindes Land betreten hatte, gar keine Rede. Nicht wenig Aufsehen erregten die Bajonnetflinten, die bei diesem Zuge zum ersten Male in praktischen [pg 259]Gebrauch kommen sollten, und die Raketen, welche auf des Königs Wunsch die Engländer allabendlich steigen ließen, um die Galla durch den Feuerregen derselben zu schrecken.

Früh am Morgen erschallten die Nugarits oder Trommeln, um die Mannschaften in den Sattel zu rufen, und in einer halben Stunde war die Armee, die mittlerweile auf 15,000 Mann angeschwollen war, wieder auf den Beinen. Das militärische System Schoa’s ist ein rein feudales, da jeder Gouverneur des Reiches im Verhältniß zu dem ihm unterstehenden Lande ein Kontingent zu stellen gezwungen ist. Außer den Pferden, Waffen und Lebensmitteln erhalten die Soldaten nichts und nur 400 Garden des Königs bekommen Zahlung, nämlich 8 Amolen (Salzstücken) im Jahre, etwa 18 Groschen im Werthe, außer der Beköstigung, wie sie jeder königliche Sklave auch erhält. Daß in einer so zusammengesetzten Armee wenig Disziplin herrscht, läßt sich denken. Ohne Rücksicht für die der Reife entgegengehende Ernte, die niedergetreten wurde, wälzte sich die Schar, einem Heuschreckenschwarme gleich, Alles vor sich aufzehrend, in südwestlicher Richtung weiter, ohne daß die Einzelnen wußten, wohin der Raubzug eigentlich gehe, denn der König bewahrte das Geheimniß seines Zieles so streng, daß nicht einmal seine höheren Offiziere davon unterrichtet waren.

Nichts konnte einförmiger sein als der Landstrich, den man zuerst durchzog. Weite, grasige, wellenförmige, mit Feldern durchsetzte Ebenen, ohne einen einzigen Baum dehnten sich vor dem Heere aus. Verschiedene kleine Bäche und Flüsse, die dem Nile zuströmen, wurden überschritten, und Se. Maj., dem es zu viel wurde, immer zu reiten, wollte zur Abwechselung einmal gehen, stieg ab und ließ sich ein paar Pantoffeln reichen, die aber bald im Kothe stecken blieben, sodaß der König schließlich vorzog, gleich seinen Unterthanen barfuß einherzuschreiten. In der weiten, von Hügeln umschlossenen Ebene Abai Deggar wurde plötzlich der Befehl ertheilt, das Lager aufzuschlagen und die Umgebung auszuplündern. Sogleich rückten im vollen Galopp die Reiterbanden nach allen Richtungen aus, brannten die Dörfer nieder, zertraten das Getreide und trieben das Vieh ins Lager. Fortwährend herrschte die größte Unordnung im Heere, das nur in losen Haufen, weit zerstreut marschirte, und so eher den Anblick einer geschlagenen als einer vordringenden Armee darbot. In ihren kurzen, weiten Beinkleidern, den Leib mit der langen Binde umwickelt, mit dem Leoparden- oder Löwenfell auf der Schulter, mit Speer und Schild bewaffnet, setzten die Reiter durch den schlammigen Boden, der auch des Nachts ihr einziges Lager war; viele blieben aber liegen und gingen an den Strapazen zu Grunde, da es in der Nacht gewöhnlich fror.

An der 1200 Fuß hohen Gebirgskette Garra Gorfu war endlich das Ziel erreicht. Langsam zog die Armee zum Rücken der Berge hinauf, während rechts und links Scharen abschwenkten, um den Feind zu umgehen. In einer Breite von vier bis fünf und einer Länge von etwa zwölf Stunden bilden die mit Feldern bestandenen Garra-Gorfu-Berge eine Wasserscheide zwischen Nil [pg 260]und Hawasch; an ihnen wohnen die Sertie-Galla, die sich seit langer Zeit schon in offenem Aufstande gegen den König befanden, d. h. sie hatten die verlangten Steuern nicht bezahlt und sogar eine zur Eintreibung derselben abgesandte Reiterschar von 800 Mann erschlagen. Jetzt nahte der Tag der Rache für den verweigerten Gehorsam.

Gleich einem angeschwollenen Strome ergoß sich das Heer über die friedliche Landschaft, deren Bewohner nichts Böses ahnten, und nun rückten 15,000 blutgierige Barbaren gegen sie heran. Ruhig bestellte noch der friedliche Landmann sein Feld, die Weiber gingen ihrer Beschäftigung nach und auf den blumigen Wiesen weidete das Vieh. „Möge der Gott, welcher der Gott meiner Väter ist, uns stärken und verzeihen!“ sprach wuthfunkelnden Blickes der christliche König und gab damit das Zeichen zur Verwüstung. Dorf auf Dorf wurde niedergebrannt, bis die Luft durch den Rauch verfinstert war, der Speer des Kriegers durchsuchte jeden Busch nach Flüchtigen. Weiber und Kinder wurden in hoffnungslose Sklaverei abgeführt; alte und junge Männer erbarmungslos erschlagen und die Herden weggetrieben. Jeder Krieger wollte es dem andern an Blutdurst und Grausamkeit noch zuvorthun. Ganze Familien wurden umringt und niedergespeert; Unglückliche, die auf die offene Ebene sich flüchteten, gleich einem Wild verfolgt und zusammengehauen; drei- oder vierjährige Kinder, welche auf Bäume geklettert waren, herabgeschossen, wie man Vögel vom Baume schießt. Nach Verlauf von zwei Stunden verließ das Heer wieder, mit Beute beladen, das verwüstete Thal. Da, wo die Stätte eines friedlichen Ackerbaus gewesen, wo glückliche Menschen gewohnt, hörte man nur das Knistern der zusammenbrechenden, niedergebrannten Balken und das Schreien der Geier, die, vom Leichengeruch angelockt, aus weiter Ferne herbeigezogen kamen. Das ist der abessinische Krieg, so war er einst, so war er bis heute unter Theodoros: Ueberfall, Mord, Raub, Schlächterei – selten eine offene Feldschlacht kennzeichnen ihn.