Nachdem der 10,662 Fuß hohe Emano-Amba-Paß durchschritten war, stieg die Armee hernieder zu den Quellen des Takazziéstromes. Dann wurde die Ebene von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. März standen die Engländer in Biedehor am höchsten Rande des Dschidda-Thals, 10,000 Fuß über dem Meere, auf der Kunststraße, die Theodoros mühsam durch die Deutschen hatte herstellen lassen. Durch den Bau dieser Straße hatte der Negus den Engländern ein gutes Theil an Zeit und Mühe erspart, allein es blieben noch Hindernisse genug übrig. Der Uebergang über die Dschidda, welcher am 4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die abschüssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter und mehrere erlagen [pg 294]den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite war womöglich noch schwieriger für Menschen und Thiere, die sich mit leerem Magen und unter schwerem Gepäck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde es allmälig zur Gewißheit, daß Theodor sich auch von der Hochebene Talanta, die man jetzt betrat, zurückgezogen und nach Magdala geworfen habe, daß man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen müsse. Die vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von Theodor’s Heer erblickt, und nun war es klar, daß in den nächsten Tagen ein Zusammenstoß stattfinden könne. Was die Einwohner von Talanta betraf, so bezeigten sie sich den Engländern freundlich, da sie kurz vorher von Theodor’s Truppen nach Maßgabe der altabessinischen Praxis ausgeplündert waren und nun in den Fremdlingen ihre Rächer erblickten. Gefährlich schien für die Engländer einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus in ihrem Rücken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stören versuchte, aber von dem ihnen verbündeten Kassai von Tigrié zur Ruhe verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, daß sie sich wohl befänden und milder als früher behandelt würden.
Ueber das Verhalten Theodor’s kurz vor dem Zusammentreffen mit den Engländern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante Auskunft. Hiernach hatte sich der König schon am 18. März über den Beschlo zurückgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in welchem er bedauerte, daß dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne sein Wissen hätten dieses die Behörden gethan; gleichzeitig gab er den Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.
Am 27. März zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in Magdala ein, wo die größte Verwirrung herrschte. Ein hoher militärischer Würdenträger war desertirt und zwei andere Häuptlinge wurden angeklagt, Menilek, den König von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth, daß er zuerst beschloß, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und durch eine neue zu ersetzen; am nächsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl, beschränkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung durch 1000 Mann zu verstärken. Am 29. März schickte Theodor zu Rassam, den er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm höflich und in seiner unberechenbaren Weise mit, daß er ihn nur darum übel behandelt habe, weil er wünschte, die Engländer möchten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf drückte er den Wunsch aus, er möge Rassam in der englischen Uniform sehen, was dieser natürlich zugestehen mußte. Umgeben von 400 Offizieren und den deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Königin Victoria, welcher die Ehre hatte, dem königlichen Prinzen vorgestellt zu werden. Alles schien dem Könige daran gelegen, den Gefangenen möglichst zu imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der berühmte Riesenmörser Theodor’s herbeigeschleppt, den dieser „Sebastopol“ getauft hatte. Freudenschüsse begleiteten die Ankunft des Ungethüms, das sich [pg 295]später als sehr ungefährlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die Befestigungs- und Wegarbeiten und war darüber, daß er Magdala vor den Engländern erreicht, so erfreut, daß er sämmtlichen Gefangenen die Fesseln abnehmen ließ. Nachdem alle Kanonen und Mörser an Ort und Stelle waren, erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von 10,000 Mann; er glaube aber nicht, daß mehr denn 6000 bis Magdala kommen würden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so mächtig wäre, wie ehedem, hätte er die Engländer bei ihrer Landung erwartet und sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit Ausnahme Magdala’s das ganze Land verloren und müsse sich damit begnügen, sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner unmittelbaren Nähe zu halten, während er von seiner luftigen Burg unablässig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind kommen mußte. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Engländer am Beschlo anlangen.
Am 10. April überschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluß und hatte nun die Feste Magdala in ihrer ganzen Fürchterlichkeit vor sich liegen. Kühn ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit seinem Heere. Obgleich die Engländer keineswegs die Absicht hatten, sogleich zum Angriff überzugehen, sondern außerhalb Schußweite von Fala, einer Vorburg Magdala’s, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor’s doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen großen Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu nehmen. Aber er hatte nicht gewußt, daß inzwischen die ganze Brigade unter Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter zogen sich, als etwa 1200 Fußgänger von der Amba herunterkamen, so schnell sie konnten, zurück. Statt ihrer rückten nun ein Regiment Beludschen, ein englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschütze und eine Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschütze in Fala einige gutgezielte Schüsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Engländer herangekommen waren. Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschütze und das auf die Abessinier einströmende Feuer der Raketen machte, daß an keinen Halt mehr zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anführer (Fit Auri, [S. 19]) an der Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flüchtete nach der Burg zurück.
Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt eine andere Abtheilung in den Rücken der englischen Bagage gesandt; aber auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstützt, richtete die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an, die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben. Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden konnten nicht in die Burg zurück, da ihnen der Rückzug abgeschnitten war, und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevölkerung. Der Kampf dauerte bis 6½ Uhr [pg 296]Abends, wo Dunkelheit und Regen die Engländer nöthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwälle Magdala’s selbst führte, einzustellen. Während des ganzen Gefechts, das die Engländer als „Schlacht von Arodsche“ bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt, sodaß Donner und Kanonengebrüll sich miteinander mischten. Die Zahl der abessinischen Todten betrug viele hundert, die Engländer dagegen hatten keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.
Auffindung der Leiche des Königs Theodoros. Nach englischen Zeichnungen.
Theodor war über den Mißerfolg seiner Waffen außer sich. Zum ersten Male, seit er die Krone trug, war er ordentlich geschlagen worden, und zwar von den verachteten „rothen Barbaren“. Seine Wuth kannte keine Grenzen, und das Damoklesschwert schwebte fortwährend über dem Haupte der europäischen Gefangenen. Indessen kühlte er seinen Zorn nur an den abessinischen Gefangenen, von denen er über 300 vor den Augen der Europäer hinrichten und über die Felswälle Magdala’s hinabstürzen ließ. Aber soviel sah er ein, daß er auf die Dauer den Engländern nicht zu widerstehen vermöge. Am nächsten Morgen sandte er daher den Missionär Flad, von zwei abessinischen Häuptlingen begleitet, in das englische Lager, um zu unterhandeln. Die einzige Antwort, die [pg 297]Sir Robert Napier durch diese dem König geben konnte, war: bedingungslose Kapitulation.
Noch einmal schickte Theodor die Parlamentäre ins Lager, doch Sir Robert Napier gab ihnen dieselbe Antwort, und traurig waren sie im Begriff, in die Gefangenschaft zurückzukehren, als sie auf dem Wege die plötzlich freigegebenen Europäer Cameron, Rassam und einige der Handwerker antrafen. Am nächsten Morgen wurden alle übrigen Gefangenen freigelassen, der Franzose Bardel, den man für den schlechten Rathgeber Theodor’s hielt, ausgenommen. Bardel fanden die Truppen später, bei der Einnahme von Islam-Gie, hinter einem Felsen liegend, krank vor Hunger und Fieber. Theodor hatte ihn aus Magdala hinausgejagt. Dieser selbst aber war entschlossen, sich nicht zu unterwerfen und bis zum letzten Augenblicke auszuhalten. Lieber wollte er muthig untergehen, als feige sich ergeben. So blieb denn den Engländern nichts übrig, als zum Sturm auf Magdala zu schreiten, welches immer noch von einigen tausend Mann besetzt war.
Die Festung, von steilen Felsen beschützt, so erzählt ein englischer Bericht, bot nur zwei Zugänge, an der Nord- und der Südseite, die so enge waren, daß nur ein Maulthier sie jedesmal passiren konnte, und die jeder zu einem stark verrammelten Thore führten. Das nördliche Thor war es, durch welches der Eingang erzwungen wurde. Gegen halb drei Uhr Nachmittags am 13. April, dem Ostermontag, begann das Bombardement, und nach einer zweistündigen Kanonade wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Die Truppen erkletterten den zum Thore führenden Pfad, fanden aber dieses, wie das umgebende Pfahlwerk, von den Kugeln nur wenig verletzt. Die Palissaden mußten daher mit Hülfe einer Strickleiter überstiegen werden, um das Festungsthor von beiden Seiten angreifen und die Vertheidiger zurücktreiben zu können. Den Zugang bildeten zwei etwa zehn Fuß voneinander entfernte Thore; der Raum zwischen denselben war mit schweren Steinen angefüllt. Hatte die Kanonade auch keinen direkten Vortheil erzielt, so trieb sie doch die Vertheidiger zurück. Nur sechs Offiziere stellten sich mit Todesverachtung den Angreifern entgegen, doch waren ihrer zu wenige, um die Position halten zu können.