Und so kann der Jüngling furchtlos nach den Zügeln seines Reiches greifen – und was ist nicht sein Reich? Die Elemente sind um ihn geschart; aus Wassern rauscht es auf, alle Feuer lechzen zu ihm empor, aus den Lüften fährt es zu ihm herab und will Musik werden; und alle vergängliche Lust und Trauer der Kreatur hebt sich werbend ihm entgegen und will ewig werden in Musik!

Und er rührt daran – und ein Abglanz seines Angesichts liegt auf allem! Helle, unbestochene Kinderaugen sehen die Welt, und diese Lippen haben nicht Bitterkeit, noch Ekel geschmeckt.

Aus tiefgedüngtem, altem, bluterfülltem Boden wächst, was uns bewegt. Wer weiß, ob nicht ein ungestilltes Sehnen vieler Ahnen auf solchen, und nicht anderen Lippen sich erfüllen will? Flammt nicht vielleicht aus unserem Haß die ungesühnte Qual von Toten? Und was rätselhaft mit eisigen Fingern im Dunkel uns umtastet – weht es aus noch nicht vergessenen Schauern einer alten Urnacht?

Aber dieses Meisters Töne klingen von den stilldurchsonnten Matten hochumschlossener Täler. Auf jungfräulichem Boden sprießt es auf, und, wie im Unschuldsstande der Natur, darf es nebeneinander sich entfalten. Haß und Lächeln, süße Wollust, dumpfe Gier und edle Trauer heben sich auf schlanken Stielen, und um aller Wurzeln spülen klare Paradiesesströme, und die heitere Luft seliger Gärten weht hell um ihre Kelche!

Hier steht der Meister und winkt!

Und das Meer an Kretas Gestaden schäumt auf und droht – brach Idomeneo sein Wort? Hinab, Meer, in deine Ufer, und Platz für den Zug! Masken – meint ihr? Nicht Masken! Denn wo wäre mehr Wahrheit, als in dem Antlitz, das er jedem gab? Gespenster? – Fühlt doch, wie ihre Herzen klopfen! Hört Leporello, wie er fröstelt nach durchwachter Nacht, wie er sich Mut zuspricht, seinem Herrn aufzusagen – und wird doch prahlend, feig, verfressen und geprügelt bei ihm bleiben bis an sein Ende. Osmin mag er mit sich nehmen – Osmin taumelt – und Monostatos, den lüsternen Affen, aber an der Kette! Und Papageno mag hinterdrein gehen!

Und weiter! Ihr, die ihr euch aneinanderschmiegt, seid Belmont und Constanze, die treu Liebenden; was euch ängstigt, geht vorbei, wie Regenschauer einer Frühsommernacht. – Und die Stimmen, die sich jetzt durcheinanderschlingen, kenne ich! Platz, ihr Bauern, daß ich eure Herrschaft sehe! – Tauscht ihr eure Gewänder, bergt ihr euch hinter Gebüschen, nehmt ihr das Dunkel wie eine Maske vor euer Antlitz in euern Liebesspielen? Und alles ist nur eines tollen Tages heitere Wirrnis, eines tollen Tages leichte Liebe! Seht ihr Don Juans weiße Federn durchs Dunkel leuchten? Die hinter ihm, wie sein Schatten, gleitet – seht, die liebt! Mag sie vor ihm warnen und drohen, und ihn lästern – hinter allen Schleiern glühen ihre Wangen schamrot im Erinnern! Grüßt Donna Anna! Schwarze Flöre wehen um diese reine Stirne, und wenn ihr glaubt, daß sie der Schmerz zu Boden beugt – gebt acht – sie schnellt zur Rache auf, wie eine edle Klinge! Drängt noch mehr sich empor? Nimmt der Zug kein Ende? Seltsame Trachten, und Priester, und Feuersgluten und Dampf – ballt es sich zum Gewölk? Die ihr hervorbrecht aus den Wolken, wie klingende Strahlen – ihr seligen Knaben – seid ihr die letzten? Ist niemand mehr hinter euch? – – Schweigt, ich brauche nicht Antwort! Denn die Augen dessen, der jetzt hinter euch tritt, kennt auch der, der ihn noch nie gesehen. Auch dir, du Ernster, der du jeden Reigen schließest, hat der Meister Stimme gegeben – aus dunklen Chören klingt sie, wenn er sich selbst zu ewigem Frieden singt!

So steht der Meister – vom Schicksal gestellt – an der Grenze zweier Zeiten. Ihm – wie nie einem andern – ist es geschenkt, das Antlitz seiner Welt, ehe es sich wandelt, allen Kommenden zu künden, und zugleich ein seliger Bote dessen zu sein, was, hinter aller Zeiten wechselndem Antlitz, ewig sich birgt.

Noch dürfen seine Gefangenen hinter goldenen Gartengittern die freie Luft des Meeres schlürfen, und ihr Wächter heißt »Osmin«; es kommt die Zeit, wo ihr Leib, zwischen feuchtem Gestein, im Finstern fault, und ihr Herr wird »Pizarro« heißen. Noch jauchzt auf Don Juans Festen ein Maskenchor ein »Lebehoch« der Freiheit; es kommt die Zeit, wo Chöre von Gefangenen in düsteren Kerkerhöfen um Freiheit auf zum Himmel stöhnen. Noch darf des Meisters »Maurerische Trauermusik« in frommen Weisen um den Tod von Edlen klagen – – Blut und wieder Blut muß fließen, ehe die Straße frei wird für den »Trauermarsch auf den Tod eines Helden«! – – –

Nicht immer will unsere Seele bei dir weilen, Wolfgang Amade Mozart! Zu sehr hat man uns gelehrt, in unseres Wesens geheimsten Schächten zu schürfen, und wir wissen von vielzuviel Leid. Von Jupiters weißer leidloser Stirne wenden wir unsere Augen, und suchen den tiefen mitleidsvollen Blick, der unter des Prometheus wehevoll geballten Brauen wohnt.