Aber nein, das wirst du mir doch nicht antun, du reuevoller Blutsverwandter! Du mußt doch anstandshalber ein bißchen Mitleid haben mit meinem „überreizten Zustand“! Natürlich will ich dich etwas fragen, sehr viel sogar, du wirst dich wundern! Du mußt doch auch von Berufswegen einigen Anteil daran nehmen, wie der verfolgten Unschuld zumute ist! Nicht wahr, lieber Vetter, das mußt du doch?

Justus

Also —?

Christian

Du scheinst es ja garnicht erwarten zu können — (er will wieder trinken, beherrscht sich aber). Also: gesetzt zum Beispiel den Fall, dir kämen jetzt, nachdem sich dein Urteil über meinen Charakter geändert hat — von Grund aus geändert hat, wie du sagtest, — da käme dir nun ein D-Dokument in die Hand, womit du dem ho-hohohohen Gerichtshof den vollen Beweis erbringen könntest, daß ich mich in der Tat vor Jahren als Unmensch (absichtlich) betäterätätigt habe: was würdest du da tun, lieber Justus?

Justus

Du wirst doch nicht im Ernst erwarten, daß ich auf solche wahnwitzige Frage eine vernünftige Antwort geben soll.

Christian

Du meinst, ich würde jetzt nicht mehr ins Zuchthaus, sondern ins Irrenhaus gehören? Sehr freundlich, aber das scheint mir falsch; ich halte meine Vernunft für recht klar. Doch gesetzt, ich war wirklich so irrsinnig, aus allgemeiner M-Menschenliebe einen einzelnen Menschen zu morden, dann ist doch Irrsinn noch kein triftiger Grund, einen M-Mörder freizusprechen. Das wäre wohl höchstens dann vernünftig, wenn alle Irren Mörder wären. Du bist doch jedenfalls der Ansicht, mindestens doch von Amtswegen, daß man verbrecherische Gelüste aus der Menschheit ausrotten müsse, und daß sich das nur durchsetzen läßt, wenn man die Verbrecher bestraft. Warum also einen M-Mörder schonen, der zufällig auch noch irrsinnig ist; den müßte man doch erst recht bestrafen, damit sich nicht etwa andre Irre ein reizendes Beispiel an ihm nehmen. Ja, wär’s noch ein Mammama-Massenmörder, vor dem sich die vernünftige Menschheit mit Staunen und Grauen verkriechen könnte! Aber ein ganz gewöhnlicher Gelegenheitsmörder: wozu denn den unter die Glasglocke setzen? — Ich glaube, du wirst mir zugeben müssen, daß meine überreizten Gedankenspiele ziemlich folgerichtig sind.