Während sich nun die Bevölkerung zwar im Grunde bereits beruhigt fühlte, aber sich umso gründlicher der immer noch schwebenden Sorge annahm, ob der Gerichtshof den Verbrecher füglich zum Tode verurteilen dürfe oder blos lebenslänglich ins Irrenhaus sperren, ward der sittlichen Spannung der Gemüter durch zwei fast unglaublich widerspruchsvolle, jedoch polizeilich verbürgte Zeitungsberichte ein wahrhaft erschreckliches Ziel gesetzt. Der erste Bericht verkündigte nämlich, daß sich der Werwolf frühmorgens nach jener Verhandlung an einem abgerissenen Hemdärmelstreifen in seiner Haftzelle erhängt und auf die Kalkwand der Zelle die Worte gekritzelt hatte: „Ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht mehr. Gerechter Himmel, es gibt einen Gott.“ Wohingegen der zweite Bericht besagte, daß der Staatsanwalt am selben Vormittag von dem Anwalt der Apothekerswitwe einen langen Eilbrief empfangen hatte, demzufolge der Werwolf nicht der Mörder, sondern ihr Gatte ein Selbstmörder war. Und zwar wußte die schwergeprüfte Dame dies schon seit dem ersten Anblick der Leiche, da ihr zugleich von den Untersuchungsbeamten der Kavallerie-Revolver gezeigt und von ihr als Eigentum des Toten, aus seinem — wie man es damals nannte — freiwilligen Militärjahr her, an einem Rostfleck erkannt worden war. Um indessen — so legte ihr Anwalt dar — den guten Ruf des Dahingegangenen, sowohl den moralischen wie besonders den christlichen, ihrer ehelichen Pflicht gemäß nach Kräften aufrecht zu erhalten, habe sie voller Selbstverleugnung so lange wie möglich zu schweigen versucht und deshalb auch die Versicherungssumme ohne Widerspruch hingenommen, zumal ihr Anrecht nach dem Vertragswortlaut als unanfechtbar gelten könne. Da aber nunmehr ein Unschuldiger für die blutige Tat scheine büßen zu sollen, und da inzwischen auch durch die Versicherungsgesellschaft bedauerlicherweise ermittelt worden, daß der Dahingegangene sein Vermögen in Börsenspekulationen verspielt und demnach vermutlich die Ermordung nur zu dem Zweck veranstaltet habe, seine Familie vor dem Bankrott zu retten, so glaube Klientin die traurige Wahrheit nicht länger unterdrücken zu dürfen. Dieselbe gebe der Hoffnung Raum, daß, möge ihr Gatte auch schwer gefehlt haben, das allgemein menschliche Mitgefühl doch seinen furchtbaren Opfertod als genügende Sühne anerkennen und nicht noch seine Namenserben denselben entgelten lassen werde. Welcher Hoffnung dann in der Tat sowohl der freundliche Staatsanwalt wie die gemütvolle Bürgerschaft aufs offenherzigste entsprach, besonders als man noch erfuhr, daß sich die wohlgesinnte Witwe mit der Versicherungsgesellschaft gütlich geeinigt und ein Drittel der empfangenen Summe in aller Stille zurückgezahlt hatte.

Für den erhängten Werwolf freilich war ihr Bekenntnis leider Gottes einige Poststunden zu spät gekommen. Aber zum Glück war vorauszusehen, daß sich die Witwen der beiden Selbstmörder, da die zweite die erste gerechterweise auf Entschädigung verklagen konnte, im stillen ebenfalls gütlich einigen mußten. Auch blieb ja immerhin unentschieden, ob sich der Werwolf nicht doch vielleicht, als er an jenem Tag seine Wohnung verließ, mit der sträflichen Absicht getragen hatte, den Andern meuchlings auszurauben; und jedenfalls ließ sich gewissermaßen eine Art höherer Gerechtigkeit in dem sonst peinlichen Umstand entdecken, daß dieser auf Staatskosten lebende Heuchler, dessen schlechtes Gewissen ihm nicht einmal den ruhigen Genuß seiner Rente erlaubte, sich kurzerhand selbst gerichtet hatte. Viel erschrecklicher war dem gebildeten Teil der überraschten Bevölkerung die ungeheure Verstellungskraft, die den sanften gottgläubigen Apotheker bis zur letzten Minute befähigt hatte, den Schein des Raubmordes herzustellen und Revolver nebst Uhr noch im Todeskampf aus dem Bahnwagenfenster herauszuschleudern. Doch am allerbedenklichsten war die Ungewißheit und bot jedem gründlichen Zeitungsleser noch auf lange Zeit reichlichen Gesprächsstoff, ob der Werwolf nun doch zuguterletzt, laut seiner rätselhaften Wandinschrift, in wirklichen Irrsinn verfallen sei und sich, dem freundlichen Staatsanwalt folgend, für den Mörder gehalten habe. Den Feinden der bürgerlichen Ordnung natürlich erschien das als ausgemachte Gewißheit; ja, ein ruchloser Schriftsteller jener Zeit nannte es gradezu einen Staatsfall und ein fast noch musterhafteres Beispiel von hirnberückender Eingebung — oder, wie die gebildeten Deutschen sich damals ausdrückten, Suggestion — als das des berühmten Hauptmanns von Köpenick.

Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht

Novelle aus dem Innern eines Misanthropen

Jan Goderath war sein Name; und er war stolz auf den Namen. Er hatte ihn wieder zu Ehren gebracht, als kein Mensch mehr dem alten Handelshaus traute. Und nun ging er hier durch die fremde Stadt, die ihn plötzlich an jene Leidenszeit mahnte, und konnte sich seinen Trübsinn nicht deuten; die ganze Stadt schien in Trauer versunken.

Freilich: ein Volksmann war gestorben: ein ehrlicher Mann, selbst seine Feinde mußten das zugeben. Und standhaft war er gestorben, nach qualvoller Kehlkopfkrankheit, vor der Zeit: ein Opfer seiner Beredsamkeit. Aber was ging denn ihn, den reichen Weltmann Jan Goderath, den unabhängigen Handelsherrn, der ausgediente Volksfreund an! und noch dazu ein Italiäner! Dies Volk war ihm doch eigentlich ein Greuel. Was hatte er mit einem Narren gemein, den seine Schmerzen begeistert hatten, wie andere Narren auch! Wie konnten ihn, den Menschenkenner aus Hamburg, die Trauermienen des Pöbels in dieser fremden Stadt ergreifen?

Und erst dies Genua selbst, la superba, wie diese Söhnchen glorreicher Väter ihr Marmornest noch immer nannten: was war in die bankrotten Wichte auf einmal für ein Geist gefahren? Er besah sich die Vorübergehenden; das stechende Vormittagslicht behagte ihm plötzlich. War das dieselbe träge, schamlos geschwätzige Menge, die ihn noch gestern verdrossen hatte? Alle gingen sie schleichend wie sonst, fast noch schleichender, ohne ihr zweckloses Gliedergefuchtel, und Keiner kam ihm träge vor. Der enge Corso wimmelte wie immer dicht von Menschenköpfen, durch die sich nur selten ein Fuhrwerk schob; aber die Kutscher schrieen heut nicht, jede Stimme klang verhalten, wie durch die grauen Paläste gedämpft, und die Gesichter schienen sich den stolzen Mauern anzupassen, die düster in den blauen Himmel grenzten. Selbst wenn ein schönes Weib vorüberkam, lief ihr kein hündischer Blick aus lüstern schwarzen Augen nach; in allen diesen Augen glomm ein traumhafter Ernst — was war das nur?!

Schon unten am Hafen war ihm aufgefallen, daß heut die Arbeit ohne Lärm und Flüche und Gelächter vor sich ging; sogar die Maultiertreiber in den Steinbrüchen schlugen weniger roh auf ihr bepacktes Viehzeug los. Doch das, nun ja, das waren Arbeitsleute; denen mochte der gestorbene Gleichheitsmensch wohl wirklich etwas bedeutet haben. Aber hier, im Innern der Stadt, was hatten diese flunkernden Kaufleute, diese Tagediebe und Weiberknechte, mit dem Mann des Volkes zu tun! Und was erst all die Fremden hier! Was gab dem dürren Franzosen dort, mit der Orangenblüte im Knopfloch, solchen feierlichen Ausdruck, daß die beiden Säulen des alten Portals, vor dem er zufällig wartete, wie sein natürlicher Rahmen wirkten, trotz seines modischen Reisehutes. Tat das der Tod?

Nein; dazu war dies Volk von Beichtkindern zu leichtherzig. Erst vorige Woche hatte er in Pisa einen hohen, weit beliebten Beamten zu Grabe bringen sehen: die ganze Stadt war auf den Beinen gewesen, sämtliche Glocken läuteten, acht Barfüßermönche trugen den Katafalk, all ihre Ordensbrüder schritten voraus und goldverbrämte violette Priester, dazwischen Jungfraun in weißen Kleidern und Kinder mit grünen Kränzen im Haar, alle mit großen brennenden Kerzen, Chorknaben sangen Litaneien, zwei Väter Jesu führten die gebrochene Witwe, die Frauen des Gefolges weinten laut — und eine Stunde später war von dem ganzen Straßenschauspiel auch nicht ein Hauch mehr zu spüren gewesen. Und die Pisaner standen doch im Ruf der Gründlichkeit, er selber hatte sich bei ihnen wohlgefühlt, es mußte da wohl vor Jahrhunderten germanisches Erobererblut in die Bevölkerung gedrungen sein.