ich glaube, er würde vor Lachen sterben ...
Fünfter Traum
Ja, meine Verfolger, ich lache euer! Denn ich kann fliegen, wenn ich will; ich kann aus eigener Willenskraft fliegen! Sie rasen hinter mir her wie gehetzt, eine Meute tobsüchtiger Jäger und Hunde. Aber hier, ich spanne nur meinen Mantel, dann bin ich ihrem Wahnsinn entrückt. Schon schwebe ich über den Eichenwipfeln und lache Halalî auf sie nieder. Ich höre sie brüllen: du Mörder, Mörder! und würden mich alle doch selbst gern morden. Nackt sind sie auf die Jagd ausgezogen, aber dennoch war ich schneller als sie. Wie sie rachekeuchend mir nachstarren, durch die kahlen Eichen die fahlen Gesichter, während ich höher und höher entschwinde! Halalî Hallelûja lache ich nieder und werfe ihnen Handgrüße zu: Ja, ihr seid auferstanden zum jüngsten Gericht, ich aber fliege ins ewige Leben! —
Wie sie kleiner und kleiner schrumpfen, die schreckbefallenen bleichen Leiber: wie Würmer wimmeln sie durcheinander zwischen dem welkbraunen Laubwerk unten, wie ausgegrabene Engerlinge. Ich lasse breit meinen Mantel fallen, um ihre klägliche Blöße zu decken. Schwer schwebt er hinab, denn ich schwebe hinan; mit schwimmenden Armen zerteil ich die Wolken. Was glänzt da her aus dem stahlblauen Äther? ist es ein unbekannter Stern? — Halalî Hallelûja jauchzt mein erkennendes Herz: es ist eine weltbestrahlende Stirn! Sei mir gegrüßt, pfadkundiger Wildrer, du Jagdherr der Frevler, Shakespear, Erhabener! — Er schlägt die entschlafenen Augen nicht auf; traumselig lächelt sein Geisthaupt nur und grüßt mich stumm und bestrahlt meine Bahn. Es grüßen noch manche entschlafene Geister mit sternengleich aufstrahlenden Stirnen und beleuchten meine erhabene Bahn. Es grüßen Rembrandt und Lionardo, und Dante und Goethe, Beethoven, Bach. Es grüßt auch mein Vater und meine Mutter; und fern strahlt ein dornenkranztragendes Haupt.
Wo hab ich dies rührende Haupt schon gesehen? dies schmerzverklärend verzeihende Antlitz? in meiner Kindheit war es wohl. Ich möchte vorüber an diesem Antlitz jetzt; aber dahinter ist alles schwarz. Ich möchte dennoch vorüberschweben; aber es zieht mich näher und näher. Es zieht mich mit seinem Dornenkranz an, der noch heller strahlt als die träumende Stirn. Er strahlt wie ein großes verzweigtes Nest; das Gezweig wächst immer größer ins Weite. Ich möchte dies wachsende Lichtnest umkreisen; aber es weitet sich kreisend um mich. Es wirbelt mich hoch wie einen Funken ins schwarze Unermeßliche. Ich blicke hinab, ich will’s überschauen: ich sehe ein unermeßliches Helles. Ich sehe ein grenzenlos schwebendes Lichtreich: ein tiefes, ringshin ruhendes Nest von unzähligen kreisenden Sternenreihen, endlos verzweigt durch den schwarzen Raum. Mich weht ein Grausen an, ich erkenne: ich bin in einer anderen Welt.
Das Grausen weht inniger, es beseligt; ich fühle, es will mich zur Ruhe wehen. Es weht mich hinab auf das träumende Haupt; wer bist du, wer bist du, entschlafener Geist, auf dessen Haupt mich ein Lichtreich wiegt? — Ich lasse mich willig niederbewegen zu dem leuchtenden Scheitelpunkt in der Mitte; ich sinke mit heller Heimatswonne immer tiefer hinein in das weltweite Nest. Und was wie ein Punkt schien, ist eine Wölbung, eine milchweiß gestirnte unendliche Kuppel, auf deren Scheitelfläche der Nestkranz ruht. Ich staune hinab in den traumstillen Kuppelraum, hinab durch das schimmernde Scheitelgewölbe: das ist wohl Das, du erhabenes Haupt, was wir auf Erden die Milchstraße nannten? Ja, ich sehe sie kreisen in deinem Innern, die Sterne, die Sonnen und jene Erde, wie Blutzellkörperchen deiner Adern, du strahlendes, dornenkranztragendes Haupt! Wie sie zittern, die kleinen Seelchen alle, die sich Welten dünken in ihrem Dunstkreis: ich sehe sie deutlich erbeben im Nebel, vor Deiner weltbegrenzenden Stirn. Und sind meinem Blick doch alle so fern, so grenzenlos fern wie jener Erdball, dem ich durch Wolken entronnen bin in diese verklärte andere Welt. Die Augen fallen mir zu vor Bangen: wer bist du, wer bist du, verklärender Geist? —
Ein silberhell klingendes Lachen weckt mich; hab ich’s geträumt oder leben hier Menschen? Nein, eine Lichtgestalt weilt vor mir; ich schnelle auf, eine Geistin umschwebt mich. Hab ich sie schon auf Erden gekannt? Ihre Augen ermuntern mein Herz so vertraut, als hätten sie schon in früher Kindheit über meinen Spielen gewacht. Ihr Blick ist so innig silbergrau, nein lichtschwarz, nein tief von Herzen goldklar, ganz silber-und-gold-herzinnig klar; ist es die Göttin Barmherzigkeit? — Sie lächelt, sie läßt den Kopf etwas hängen; o süße Schelmin Barmherzigkeit! Sie nickt mir nochmals von Herzen zu; ich lausche, ich höre ihr Seelenspiel klingen.
Die Erde schläft in Nebelschleierschein;
doch kann ihr Atem nicht ihr Leid verdecken.
Ihr träumt, sie würde wach viel freier sein;