Er, die rechte Hand in den Busen steckend: Ich sehe, Herr Doktor, mein werter Freund Nietzsche hat mich außerdem auch noch vortrefflich berichtet, indem er mir von der Eindringlichkeit gewisser neuester Dichter sprach. Indessen muß wohl alles Naive in einer Art Selbstbetrug beruhen, ohne welche der Anschein entstehen würde, als wolle der welterfahrene Künstler mit seiner Einbildung Andre betrügen. Wie denn auch schon dem kindlichen Spiel eine Lust zur Verstellung innewohnt, die jeder Erwachsene leicht durchschaut, doch welche ihn umso reizender anmutet, je inniger sich die kindliche Seele über diese ihre Schauspielerei in eine artige Täuschung wiegt. Nur ist freilich das Reizende nicht das Bedeutende.

Ich: So müßte denn wohl das höchste Genie, insofern es die klarste Erfahrung bedeutet, über solchen naiven Selbstbetrug in jedem Betracht erhaben sein, ob nun geläutert durch Kultur, ob aus natürlicher Lauterkeit.

Er, mit entschiedener Ablehnung: Ich weiß von keinem höchsten Genie! Ich weiß nur von einigen würdigen Geistern, die jeder in seiner Art sich bestrebten, irgend ein Hohes heranzubilden. Wer aber vollkommen erhaben wäre, der dürfte sich wohl erst recht so gefallen, wie die Natur ihn gebildet hat, und sogar auch seine Verblendungen mit ähnlichem Gleichmut in Vogelschau nehmen wie Napoleon auf St. Helena.

Ich: Doch ist mir an Kunstwerken aufgefallen, daß gerade die bedeutendsten Künstler diese Art Selbstanschauung nicht pflegten, vielmehr nach einer freien Klarheit über das menschliche Innere strebten, die den blinden Trieb der naiven Natur zum mindesten einschränkt, wenn nicht ausschließt.

Er, mit gemessener Zustimmung: Es könnte sein, daß der blinde Naturtrieb durch Künstlergeist sehend werden möchte.

Ich: Jedenfalls kann alsdann das Naive nicht den Wert der genialen Natur ausmachen. Sonst müßte, scheint mir, ein Burns einen Byron, ein Claudius einen Goethe aufwiegen.

Er, die Hand aus dem Busen nehmend: Ich muß bitten, mein sehr werter Herr Dehmel, das Persönliche aus dem Spiel zu lassen.

Ich: Doch wird ein erhabener Geist mir nicht wehren, nur des Beispiels halber noch zu bemerken, daß auch bei den anderen hohen Persönlichkeiten der vornehmsten Kulturnationen — bei Sophokles wie bei Kalidasa, bei Dante wie Calderon, Shakespear wie Rabelais, Cervantes wie Swift, Lionardo wie Dürer, Michelangelo wie Rubens wie Rembrandt, Palestrina wie Bach wie Mozart wie Beethoven — das Naive überall höchstens die Rolle des rührigen Mägdleins im Königsschloß spielt, wo nicht blos des handlichen Prügelknaben, und meistens zu gar keinem Vorschein tritt; wohingegen es sich bei vielen sehr reizenden, jedoch nicht eben bedeutenden Künstlern mit breitestem Behagen ergeht und oft ihr ganzes Gedinge beherrscht. Allein den einzigen Vater Homer nennt man immer wieder als Gegenbeispiel, indessen wohl lediglich aus dem Grunde, weil die patriarchalen Kulturprobleme, um die sich die naiven Konflikte seiner merkwürdig sinnreichen Helden drehen, der heutigen Menschheit nichts mehr bedeuten und deshalb gern übersehen werden. Es müßte auch, deucht mir, um die Menschheit unglaublich widersinnig bestellt sein, wenn grade die stärksten Künstlerseelen, die doch von dem ewig währenden Kampf zwischen Menschenvernunft und blindem Naturtrieb am allerheftigsten mitbewegt werden, ihre Kraft an ein kindlich einfältiges Spiel der trüglichen Sinne verschwenden sollten, anstatt mit männlichem Eigenwillen einen redlichen Ausgleich jener Zwiespältigkeit wenigstens zeitweilig zu erwirken. Oder denkt ein hoher Geist anders darüber?

Er, das zweite Knopfloch des Frackes öffnend: Sie sind sich offenbar nicht bewußt, daß aller zeitweilige Wert eines Kunstwerkes dessen dauernde Fortwirkung nicht erklärt, daß folglich nach vernünftiger Schätzung sein löblicher Inhalt an Kultur dem natürlichen Gehalt wohl beigeordnet, jedoch nicht übergeordnet werden kann.

Ich: Ich befinde mich allerdings zur Zeit in einer Art unbewußtem Zustand; und ich weiß nicht, ist es unterbewußte oder überbewußte Sinnentäuschung, daß ein deutscher Klassiker hier so romantisch redet?!