Ich: Wenn Excellenz sich nicht leider verbeten hätten, Ihr Persönliches zu berühren —

Er, an dem untersten Frackknopf nestelnd: Es hat mich von jeher nur wohl berührt, wenn mir Jemand gehörig die Wahrheit sagte; das will heißen, mit dem gehörigen Anstand.

Ich: Nun, der Name Goethe gilt eben heute als Inbegriff deutschen Strebens nach Bildung, nach innerer Sammlung zu äußerer Einheit, nach einer persönlichen Harmonie mit dem sozialen Kulturinstinkt.

Er, mit vollständig aufgeknöpftem Frack: Man rede mir nur nicht von Harmonie, bevor man nicht alle Dissonanzen vernommen und begriffen hat!

Ich: Man hat sie alle so fleißig begriffen, daß heute im neuen Deutschen Reich kein Skribifax zu finden sein dürfte, der seinen absurdesten Feuilletonwitz wie seine banalste Kathederweisheit nicht mit irgend einem beiläufigen Satz aus Goethes widerspruchsvollen Schriften belegt und sich feierlich auf das Genie beruft.

Er, mit einer Miene leidvoller Dumpfheit: So hat man mich eben schlecht begriffen.

Ich: Oder vielleicht nur gar zu gut, nämlich ein wenig zu naiv.

Er, erleichtert, mit einem belustigten Lächeln: Sie scheinen mir recht raffiniert, mein wertester Freund.

Ich: Oh, mein teuerster Gönner, auch ich bin ein Deutscher. Denn inzwischen hat sich unser Volk immerhin doch auf einen gewissen Grad politischer Einheit zusammengerafft; und wenn dennoch seine soziale Kultur so zerstückelt wie jemals geblieben ist, so blickt drum jeder Gebildete, und mehr noch der Bildungsbedürftige, mit naivster Ehrfurcht auf eine Persönlichkeit, die — ob sie im Einzelnen noch so triebhaft von natürlichen Dissonanzen bewegt war — doch im Ganzen als ein beharrliches Vorbild für den nicht minder natürlichen Trieb nach harmonischer Kultur vor der Welt steht. Das aber, scheint mir, ist eben die Wirkung, die von jedem erhabenen Künstler ausgeht und allen erhebenden Kunstwerken beiwohnt. Mag der Bildungsstand, den sie enthalten, ein überall zeitlich bedingter sein, so ist doch der ewige Ausbildungstrieb, der diesen Inhalt zusammenhält, ein unbedingt Natürliches, ein allgemein menschlich Notwendiges, von innerstem Grund aus Wirksames, über Zeit und Volk hinaus Wertvolles. Und ein solcher Wert, so mysteriös und problematisch er immer ist, wird denn doch wohl selbst dem löblichst naiven Spieltriebe überzuordnen sein, der sich an seinem jeweiligen Zustand trüglich-vergnüglich genügen läßt. Was den Zeitgenossen wie bloßes Stückwerk eines widerspruchsvollen Geistes deuchte, wird der strebsamen Nachwelt den vollen Gehalt einer wahrhaftigen Seele bedeuten, zumal da noch niemals eine Nation ihre jeweils erreichte eigne Kultur für vollkommen harmonisch befunden hat und wohl auch niemals befinden wird, so wenig wie der einzelne Mensch, am wenigsten aber der geniale. Sollte das nicht, so wahrhaft menschlich es ist, doch vielleicht auch ein göttlich Wahres sein?