Das alles, meine Gnädigste, können Sie, wenn Sie eine perfekte Reiterin sind, auch im Damensattel haben. Nur vor dem »Selbstsatteln« möchte ich – für beide Arten – dringend warnen! –

Um nicht einseitig zu erscheinen, soll auch die Ansicht einer Dame in ihren wichtigsten Punkten gehört werden, welche, Renegatin geworden, d. h. zum Herrensitz übergegangen ist, für letzteren ebenfalls eine Lanze bricht. Frau Rittergutsbesitzer Happoldt-Langenöls schrieb seiner Zeit einem Sportblatt u. a. folgendes:

»Dem Damensattel will ich in gewissen Fällen die Berechtigung nicht absprechen. Er eignet sich für diejenigen Reiterinnen, welche der Abwechslung wegen, aus Modesache oder aus was sonst für Gründen (vergl. den Anfangsartikel, aus welchen Gründen eine Dame reitet! D. Verf.), ein Pferd besteigen, in günstigem Terrain, womöglich auf wohlgepflegten Reitwegen großstädtischer Parks ein Stündchen spazieren reiten. (Und die englischen Damen, welche die schweren Jagden mitreiten? D. Verf.) Das ist aber in meinen Augen nicht reiten, sondern Spielerei. Wer sich aber lediglich aus Passion in den Sattel setzt, bei nicht immer günstigen Boden- und Witterungsverhältnissen meilenweite Ritte macht, der wird sehr bald die großen Vorteile schätzen lernen, die der Herrensitz gewährt. Ich bekenne offen, daß, nachdem ich soviele Jahre ausschließlich den Damensattel benutzt habe, der veränderte Sitz mir anfangs Schwierigkeiten machte. Außer der Zügelführung war alles neu, der »Schluß« fehlte, und vor allem war die Balance eine ganz andere. Das Lernen wäre mir entschieden leichter geworden, hätte ich den Damensattel vorher nicht gekannt. Doch mit Lust und festem Willen läßt sich vieles erreichen. Ich habe unermüdlich geübt und mit meines Mannes Hilfe an mir gearbeitet, bis ich sicher war. Und jetzt möchte ich um keinen Preis den als praktisch erprobten und mir lieb gewordenen Sitz gegen den zuerst erlernten wieder austauschen. – – Bei langem Trabtouren kommt mir der Herrensitz ungeheuer zu statten, er ermüdet viel weniger, als der ehemalige Seitsitz. Und nun zum Hauptvorteil des Herrensattels! Welcher von uns wahren Reiterinnen liegt nicht das Wohl und Wehe ihres Pferdes am Herzen, als wäre es das eigene? Der einseitige Sitz mit der ungleichen Gewichtsverteilung, die selbst der allerkorrekteste Damensitz nicht vermeiden kann, strapaziert das Pferd ungeheuer, besonders auf langen Strecken, abgesehen von der trotz neuester Sattelkonstruktion immer noch bestehenden Gefahr des Gedrücktwerdens.«

Pardon, meine Gnädige, wenn ich mir da eine Einschaltung erlaube. Wir wollen – nochmals pardon – immer logisch bleiben. Daß der Herrensitz für das Pferd praktischer ist, als der Seitsitz, ist ja eine von niemandem bestrittene Tatsache. Und daß man im Herrensitz unter allen Umständen technisch besser reitet, als im Seitsitz, hat auch noch niemand bestritten. Hier handelt es sich aber darum, ob eine Dame im Herrensitz besser reitet, als im Seitsitz. Warum also offene Türen einrennen? Wenn die einzelne Dame ihrer körperlichen und seelischen Veranlagung nach auf diese Weise sich auf dem Pferde wohler fühlt, so mag sie doch in Gottes Namen so reiten! Warum aber dafür Propaganda machen? Der weitaus größere Teil der reitenden Damen aber wird im Damensattel besser aufgehoben sein – jedenfalls sicherer, und ich will mich gar nicht scheuen, es auszusprechen: auch eine ganz hübsche Kollektion reitender Herren würden es sein, wenn es angängig wäre – denn zu diesem Reiten gehört ein Können, was nicht jeder erreicht oder erreichen kann. – Also nochmals: Eines schickt sich nicht für alle! –

»Die Darlegung meiner Ansichten und Erfahrungen«, so schließt Frau H. sehr vernünftigerweise, »soll durchaus nicht als Propaganda für den Herrensitz gelten, das liegt mir fern. Ich lasse jedermann nach seiner Façon selig werden. Die betreffenden Damen werden selbst am besten den für sie geeigneten Sitz herausfinden. Ich glaube selbst, daß von hundert Damen, die den Herrensitz erlernen wollen, neunundneunzig zu dem altgewohnten zurückkehren, denn, wie gesagt, so einfach ist die Sache nicht, es gehört fester Wille, Ausdauer, Ausdauer und abermals Ausdauer dazu (vorausgesetzt, daß der Körperbau der Dame überhaupt für diesen Sitz geeignet ist, der Verf.) und wenn wahre Passion die Triebfeder zum Reiten ist. Wem diese Eigenschaften innewohnen, der wird gleich mir für den Herrensattel stimmen.«

Na bravo, da sind wir ja einig!

In der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, No. 46, 1901 findet sich ein K. S. und Dr. F. F. unterzeichneter Aufsatz, welcher dasselbe Thema behandelt, welcher zweifellos von einer Dame, vielleicht unter Assistenz eines Arztes geschrieben ist und der zu ganz entgegengesetzten Resultaten kommt, wie die beiden bereits erwähnten Damen. Ich halte den Inhalt für wichtig genug, um ihn hier wörtlich wiederzugeben; und das um so mehr, als hier auch der ärztliche Standpunkt endlich einmal ein wenig mehr in den Vordergrund tritt.

Fig. 3.
Der Reitsitz auf dem alten Damensattel.

»Schon seit Jahren sind viele Sportsleute und Ärzte der Ansicht, daß eine Reform in der Damenreiterei not tue, und zwar, wie man meint, aus rein sportlichen und dann aus sanitären Gründen. Besagte Reform besteht in der Einführung des Herrensitzes anstatt des herkömmlichen Seitsitzes.[B] In früherer Zeit mag man vieles am Seitsitz auszusetzen gehabt haben: er war für Reiterin und Pferd noch recht mangelhaft; das trifft sogar heute noch zu, wenn man den deutschen Damensattel betrachtet. Seine Fehler schädigten allerdings viel mehr das Pferd als die Reiterin, welche nur über Unbequemlichkeit zu klagen hatte. (Fig. 3.) Der neue englische Damensattel, der den deutschen vollständig verdrängt hat, weist keinen jener Mängel (Fig. 4) auf und würde allen Anforderungen entsprechen; aber man ist noch immer nicht zufriedengestellt, der ganze Sitz soll geändert werden! Kein stichhaltiger Grund dafür ist vorhanden. Sehen wir die Sache vom Standpunkt des Sports an, so müssen wir uns sagen, daß überhaupt die wenigsten Damen das Reiten als das auffassen, was es ist – nämlich als eine Wissenschaft. Den meisten genügt es, ein gut zugerittenes Damenpferd zu meistern, die Dressur, die dann allenfalls im Winter vorgenommen wird, ist eine sehr leichte, da das Tier ja bereits auf Gehorsam dressiert ist und alle Hilfen kennt. Mit der wirklichen Dressur eines rohen Pferdes gibt sich keine Dame ab, die nicht gerade besonders passioniert ist, und deren gibt es sehr wenige. Für jene Sorte Reiterinnen würde also der Herrensattel, der doch eine größere Herrschaft über das Pferd einräumen soll, ganz überflüssig sein, und für die anderen Damen ist er, wie wir sehen werden, entbehrlich. Man lasse ihnen daher ruhig ihren gewohnten Sitz, der nicht nur ästhetisch ungleich besser wirkt, sondern auch gesundheitlich nichts zu wünschen übrig läßt. Einen wirklich auch auf widerspenstige Pferde stark wirkenden Schenkeldruck würde kaum eine Dame zuwege bringen, da bei den Frauen die Muskelkraft, besonders in den Beinen, nicht so ausgebildet ist wie beim Manne, erstens von Natur aus nicht, zweitens durch das Wegfallen der körperlichen Übungen, die Knaben durch Turnen, Klettern und Springen haben. Und die Einwirkung des Schenkeldrucks ist der einzige Grund, der in Frage kommen würde. Reiterinnen, die es wirklich darauf anlegen, ihr Pferd tüchtig durchzuarbeiten, kriegen das auch im Seitsitz fertig, dafür hat man viele Beispiele. Ich habe mir mein Pferd, einen jungen temperamentvollen ungarischen Wallach, der niemals einen Sattel auf dem Rücken gehabt hatte, in sechs Wochen im gewöhnlichen Seitsitz vollständig zugeritten; das Tier folgte jeder Hilfe, ging auf bloße Schultereinwirkung hin tadellose Seitengänge und war weich und durchgearbeitet im Genick, letzteres nicht etwa infolge von Kandarenwirkung, sondern durch richtiges Durcharbeiten, Abbiegen und Abbrechen mit einer Wassertrense. Beiderseitiger Schenkeldruck waren dem Tier unbekannt geblieben, weshalb es, als ein Herr es bestieg, nichts mit sich anfangen ließ, sondern offen seine Empörung über diese neue Behandlung zeigte. Später natürlich gewöhnte es sich auch daran. Es war dies nicht das erste Pferd, das ich zurechtritt; man sieht also, daß man mit Geduld und Ausdauer auch im Seitsitz nachhaltigen Einfluß auf ein Pferd haben kann.