Frau von Lüttritz mischte mit Eifer und Sachverständnis das kühlende Getränk, ihr Gatte, ein gutmütiger, dicker Herr mit blondem, kurzgestutztem Barte, sah ihr interessiert zu.
»Nimm nicht so viel von dem teuren Kognak rein, Lottchen! Nachdem er mich schon militärisch geschädigt hat, der brave Foucar, ist es doch nicht nötig, daß er mich jetzt arm macht.«
Man setzte sich lachend um den Tisch herum, das Gespräch wandte sich den Ereignissen des Vormittags zu. Und der Rittmeister von Lüttritz bekannte ehrlich, er wäre heilfroh, nicht an der Stelle seines Kameraden Foucar gewesen zu sein. Er hätte den ersten zornigen Zuruf des russischen Schwadronschefs wahrscheinlich mit einer hahnebüchenen Grobheit beantwortet, und der Ramsch wäre fertig gewesen! Und da Annemarie noch nicht wußte, um was es sich handelte, schilderte er den Zusammenstoß an der Grenze, wie er ihm von dem jüngeren Gorski auf dem Heimwege erzählt worden war. Er wurde ordentlich lebhaft dabei und schloß mit der neidlosen Anerkennung, er hätte eine so elegante Abfuhr nicht fertig gekriegt mit seinem schwerfälligen Temperament. Dazu gehörte doch wohl ein Tröpfchen von dem Blute derer, die gewöhnt wären, das leichte Florett zu führen statt des schweren Säbels.
Die Damen hatten mit glänzenden Augen zugehört. Gaston verwahrte sich dagegen, daß man aus einer Unbeträchtlichkeit eine Heldentat machte, aber sein Protest klang nicht mehr so echt wie noch wenige Stunden zuvor, als er den kleinen Gorski anschrie. Nun, wer an seiner Stelle hätte wohl anders gehandelt, wenn vor der heimlich Geliebten sein Loblied gesungen wurde?
Frau von Lüttritz wurde plötzlich ins Kinderzimmer abgerufen. Sie warf im Abgehen dem Gatten einen Blick zu. Da entsann sich dieser mit einem Male, er hätte der im Nebenzimmer wartenden Ordonnanz ein paar eilige Unterschriften zu geben, und entschuldigte sich mit der Versicherung, er komme sofort wieder zurück. Gaston merkte, daß freundliche Hände ihm die Gelegenheit zu einer Aussprache bereitet hatten, und da gab er sich einen Ruck. Wer mochte wissen, wie lange die Zeit des Alleinseins dauerte, und dann war der günstige Augenblick verpaßt. Nur, als er zu sprechen begann, klang seine Stimme heiser vor Erregung.
»Mein gnädiges Fräulein, Sie werden sich gewundert haben, daß ich Ihrer so freundlichen Einladung bisher nicht gefolgt bin. Das hatte seine Gründe. Ich schleppte etwas mit mir herum, wovon ich mich erst später freigemacht habe. Damit wollte ich Ihnen nicht unter die Augen treten. Ich erschien mir zu unwürdig. Ehe ich aber weiter spreche, müssen Sie die Güte haben, mir eine kurze Frage zu beantworten. Mir ist erzählt worden, Sie würden sich demnächst verloben. Ist das wahr?«
Annemarie saß verwirrt da, die Wangen mit Blut übergossen. Sie selbst hatte ihre Freundin Lüttritz gebeten, den Herrn von Foucar anzurufen, wenn er vorüberreiten würde, weil sie ihm etwas zu sagen hätte. Jetzt aber war sie erschreckt von dem Ungestüm, mit dem er auf sein Ziel losging. Und es dauerte ein Weilchen, bis sie die Antwort fand.
»Nein,« sagte sie leise, »ich habe ihm geschrieben, er dürfte sich keine Hoffnungen mehr machen. Er würde selbst am besten wissen, weshalb nicht mehr. Also ich werde mich nicht verloben.«
Da überflutete ihn das Glück, machte ihn übermütig und froh. Er lachte auf.
»Das wollen wir denn doch nicht verreden! Ich rechne sogar sehr stark darauf, aber mit mir!« Und als sie ihr Gesicht noch tiefer senkte, griff er nach ihrer Hand.