Herr von Sternheimb sah ihn nicht ohne Teilnahme an.
»Es tut mir furchtbar leid, lieber Foucar, falls ich da an etwas gerührt haben sollte ... Ich habe mir nichts dabei gedacht! Aber Sie werden mir zugeben, es ist doch, gelinde gesagt, ein bißchen ungewöhnlich, daß eine Dame der Gesellschaft sich mitten unter diese kleinen Mädchen mischt.«
»Ist ja schon gut,« sagte Gaston gequält, »wollen die Sache nicht unnütz breittreten! Nur so viel noch: wenn sich jemand Vorwürfe zu machen hat, bin ich es, ganz allein. Ich habe die junge Frau, die sich in Begleitung ihres Mannes und noch einiger Herrschaften den Balltrubel aus Neugierde 'mal ansehen wollte ... dabei ist doch nichts, nicht wahr? ... Ja also, ich habe die Dame dazu verleitet, mit mir einmal herumzutanzen. Daß ich mir nachher diese unbegreifliche Unverschämtheit erlaubte, dafür kann sie nichts. Ich muß gestern nicht recht bei Sinnen gewesen sein. Sie würden mich zu Dank verpflichten, lieber Sternheimb, wenn Sie den Herren, die gestern mit von der Partie waren, in dieser Richtung – gelegentlich einmal – eine Aufklärung geben würden.«
»Aber natürlich! Herzlich gerne,« beeilte sich der andere zu versichern. »Wir hatten ja alle gestern ein bißchen scharf getrunken. Wenn man da einer schönen Frau ein wenig allzu keck huldigt, noch dazu in einer solchen Umgebung ... na, das läßt sich begreifen. Sie scheint es Ihnen ja auch nicht übelgenommen zu haben, stieg mit Ihnen ganz vergnügt in das Auto ... Der lange Below rief Ihnen noch zu: Viel Vergnügen! aber Sie hörten nicht mehr.«
»Nein, allerdings nicht ... ist mir ganz entgangen, sonst hätte ich dem Herrn wohl eine recht deutliche Zurechtweisung ... Na ist gut! ... Also dann adieu, Sternheimb.«
»Adieu, lieber Foucar, grüßen Sie mir das liebe alte Nest da an der Grenze. Wenn nichts dazwischen kommt, sehen wir uns zum Herbst vielleicht wieder. Ich habe da einen weitläufigen Vetter, der hebt mir immer ein paar gute Rehböcke auf. Sie kennen ihn übrigens auch. Vor 'nem Jahr ungefähr hat er mich hier besucht, und Sie waren so liebenswürdig, den endlosen Nachtbummel mitzumachen. Der junge Kersten war noch dabei, von den Königsberger Kürassieren.«
»Ganz recht, jetzt entsinne ich mich. Na dann nochmals adieu und hoffentlich auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen, lieber Foucar, und alles Gute.«
Als Gaston nach der Erledigung der üblichen Formalitäten und den notwendigen Abmeldungen das große Gebäude am Königsplatz verließ, würgte ihn etwas am Halse.
Ganz erbärmlich kam er sich vor, aber es ging nicht anders, er mußte die Fessel wieder abstreifen, in die er sich bei nicht ganz klaren Sinnen verstrickt hatte. Was er sich unter dem Eindruck des Briefes am frühen Morgen zurechtgelegt hatte, als könnte er mit Frau Josepha in dem kleinen Städtchen wie auf einer Insel leben, war frommer Selbstbetrug gewesen. Torheit war es doch, zu glauben, daß dort niemand hinkommen könnte, der Josephas Vergangenheit kannte. Das Gespräch eben mit dem Hauptmann von Sternheimb war lehrreich genug gewesen.