»Entschuldigen Sie mich, lieber Herr Baron, aber ich kann den Professor nicht warten lassen. Jede Minute bei so einer Kapazität kostet ein kleines Vermögen, und ich möchte meiner Frau doch nach meinem Tode noch einiges hinterlassen. Der Abner wird mich ein bißchen trösten, ein bißchen massieren und wieder trösten. Was wirklich mit mir los ist, weiß ich doch bloß allein. In spätestens vier Wochen schwimm' ich ab.« Wieder richteten seine Augen sich bettelnd zum Fenster, ein leichter Hustenanfall erschütterte seine Brust. Er unterdrückte ihn mühsam, um seine schmalen Lippen flog ein verzerrtes Lächeln. »Eins ist jedenfalls vorläufig noch sicher: in einer Viertelstunde bin ich wieder hier! Ich hoffe Sie dann zu sehen.«

»Ich muß lebhaft bedauern, Herr Rheinthaler ...«

»Sie sind ein komischer Mensch. Immer, wenn man Sie einladet, bedauern Sie! Na schön, dann glückliche Reise und – auf Wiedersehen kann ich armer Hund leider nicht mehr sagen! Aber wenn Sie mal auf Urlaub nach Berlin kommen, besuchen Sie meine 'lustige Witwe'. Sehen mal nach, mit wem sie sich getröstet hat.« Er streckte seine Hand aus, und diesmal konnte Gaston nicht ausweichen. Die Hand war kalt und feucht, umspannte seine Rechte mit kraftlosem Druck. Ein fröstelndes Gefühl flog ihm über den Rücken. Der Mann konnte nichts dafür. Das lag wohl an seiner Krankheit, aber er konnte sich nicht überwinden, den Händedruck zu erwidern.

In der Tür wandte sich Herr Rheinthaler noch einmal um.

»Du, Peperl, wirf mir um Himmels willen die Karten nicht durcheinander! Die Patience da habe ich auf einen ganz besonderen Herzenswunsch gelegt, und es scheint fast, als sollte sie diesmal aufgehen.«

Die Portiere schloß sich hinter ihm, die beiden waren allein. So still wurde es in dem halbdunklen Zimmer, daß man das leise Ticken der kleinen Uhr hörte, die in der Ecke auf einem zierlichen Schreibtische stand.

Frau Josepha blieb am Fenster und sah in die grünen Ranken hinaus, die es von außen fast ganz überspannten. Sie neigte den Kopf mit den schweren Flechten nach vorn, ein lautloses Schluchzen erschütterte ihren Körper. Nur an dem Zucken der Schultern war es zu merken. Gaston stand regungslos. Das Mitleid riß ihn am Herzen, aber er konnte sich nicht überwinden, näher zu treten. Nichts anderes konnte er denken, als daß die Frau da, deren schlanke und doch üppige Gestalt in dem lang herabfließenden Kleid sich prachtvoll von dem hellen Hintergrunde hob, in diesen ekeln Händen gewesen war, deren feuchten Druck er noch zu spüren glaubte. Er richtete sich auf, es mußte ein Ende gemacht werden! Seine Stimme klang heiser vor Erregung.

»Gnädige Frau, es ist wohl am besten, wenn ich mich jetzt entferne?«

Sie flog herum und auf ihn zu, warf ihm die Arme um den Hals. Ganz nahe hob sie ihr tränenüberströmtes Gesicht zu dem seinigen.

»Was denn? Jetzt willst fort, wo wir endlich ein paar kostbare Minuten für uns allein haben?«