DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Sondern andre. Sehr richtig.

BALTHESSER: Gewiß. Wer andre bemüht, ist der Herr seiner Wünsche.

DER JUNGE BESCHEIDENE SCHRIFTSTELLER: Aber der Sklave seiner Launen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Herr von Balthesser.

ANDREAS VON BALTHESSER ÜBER DIE BETRACHTUNG VON GEMÄLDEN

V

Vor Gemälde vermeide ich mit Bekannten zu treten. Es wird dann immer höchst überflüssigerweise „geredet“. Und sobald man vor Gemälden über sie redet, entziehen sie sich einem. Es ist, als ob es sie verdrösse. Sie verhüllen sich gleichsam von innen heraus. Man kann über Gemälde nur in ihrer Abwesenheit sprechen. (Das Gegenteil hat bei Menschen statt. Ich finde, daß man über Menschen nur mit ihnen selbst sprechen kann. Natürlich auch brieflich, denn der richtige Briefschreiber spricht zu einem Anwesenden. Es gibt wohl auch Briefschreiber, die zu Abwesenden sprechen, solche aber werden immer schlechte Briefe schreiben, uninteressante, unpersönliche.)

Gemälde soll man nur in Stimmung betrachten. Es ist nicht wahr, daß sich die Stimmung einstelle. Man muß Sehnsucht nach Gemälden empfinden, sogar Sehnsucht nach bestimmten Gemälden. Spürt man unbestimmte Sehnsucht nach Gemälden, dann mag man es versuchen, sich gleichsam magnetisch mit dem in Rapport zu setzen, das sein Antlitz im Nebel dieser unbestimmten Sehnsucht verschleiert hält. Will es sich nicht entschleiern, dann unterlasse man es, an dem Schleier zu zupfen. Es schneidet sonst plötzlich eine Grimasse, die lange nachwirkt. Aber jede unbestimmte Sehnsucht birgt einen bestimmten Gegenstand. Unbestimmte Sehnsucht ist nur ein vorläufiger, ein Verlegenheitsausdruck.