Der Dandy ist vor allem gegen sich selbst höflich. Er weiß, daß nur, wer sich selbst artig behandelt, zu leben versteht. Man darf nicht gegen sich selbst unartig sein, ist ein Prinzip des Dandy, — soweit ein Dandy etwas so Eckiges wie Prinzipien überhaupt an sich duldet.
Der Dandy ist als Dandy nicht „auffallend“. Der Gentleman und der Dandy können auffallen. Auffälligkeit ist etwas Relatives. Wenn ein weißer Bäckerbursch unter Rauchfangkehrern erscheint, fällt er auf. Ein Reiter, der sich aus der Nobelallee in den Wurstelprater verirrt, fällt auf. Es ist sogar möglich, daß man ihn steinigt.
Selbstverständlich spreche ich nicht nur von der Kleidung. Es ist überhaupt nicht oft genug zu betonen, daß die Kleidung — in einem höhern Sinn freilich, als die meinen, die davon nichts verstehen, — wenig in diesen Unterscheidungen besagt. Die meisten Leute, die sich über den Gecken entrüsten, der zu unpassender Gelegenheit z. B. einen grauen Zylinder und weiße Handschuhe trägt, ahnen nicht, daß der unscheinbare Herr daneben ein Dandy ist und mit ihnen den Gecken verachtet, sie selbst aber noch viel mehr, weil sie auch ihn als einen Gecken ansprechen würden, wenn er zufällig — in Renntoilette unter sie geriete.
Wer einem jungen Mädchen die Hand küßt, darf als ein Mensch von schlechten Manieren gelten. Aber nicht jeder, der das unterläßt, ist ein Mensch von guten Manieren. Der Dandy hat die besten Manieren. Der Gentleman muß nicht unbedingt gute Manieren haben. Der Grandseigneur — ein Begriff der alten Zeit, der heute noch sehr gut anwendbar bleibt, leider aber nur noch selten würdige Repräsentanten findet — hat immer gute Manieren, und zwar einigermaßen pompöse. Der Grandseigneur kühlt die Luft ab. Es ist nur an ihm gelegen, sie wieder zu erwärmen. Und dies vermag der Grandseigneur wie kein andrer. Der Grandseigneur muß kein Gentleman, er mag ein Dandy sein, nie wird er ein Geck sein können.
Der Dandy läßt niemals das Impromptu außer acht. Das Impromptu ist das Flüchtigste, Feinste, gewissermaßen der Hauch einer Äußerung. Unter „Äußerung“ will ich nicht notwendigerweise eine Äußerung durch Worte verstanden wissen. Man kann sich durch Blicke und Handlungen, durch Unterlassungen „äußern“. Das Impromptu hat Ehrfurcht vor dem Moment. Es weiß ihm so zu begegnen, daß er liebenswürdig sich fügt. Ein Tausendstel einer Sekunde später — und der Moment hätte sich bereits zurückhalten lassen müssen, was unbedingt respektlos und sehr unliebenswürdig ist, wenn es auch sehr „herzlich“ sein mag. Der Dandy verfehlt nie den richtigen Moment. Er betont ihn nie, betont überhaupt nichts (am allerwenigsten seine Gegenwart), er läßt den Moment sogar verschleiert vorbeigehen, aber er verkennt ihn nie.
Der Enthusiast verkennt häufig den Moment. Stößt er auf ihn, dann ist er unbedingt Sieger. Daß der Besiegte knirscht, ist dem Enthusiasten gleichgültig. Der Dandy ist niemals Enthusiast. Und seine Siege demütigen den Besiegten nie. Freilich sehen sie auch niemals nach einer — Niederlage aus, was dem Enthusiasten manchmal passieren kann. Denn der Enthusiast ist zumeist „gleich darauf“ niedergeschlagen. Diesen jähen Szenen- und Mienenwechsel kennt der Dandy nicht, das heißt an sich nicht. An den andern kennt er alles und richtet sich darnach ein.
Wenn er keine andern Beziehungen hat, unterhält der Dandy um so freundlichere zu seinem Kammerdiener.
„Dandy“ ist ein Begriff der ästhetischen, „Gentleman“ einer der ethischen Wertung.