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[Vorwort.]
Einleitung (Israel)[III]
Bessure towe (Galizien)[1]
Lewana (Türkei)[11]
Der Buchbinder von Hort (Ungarn)[25]
Rabbi Abdon (Russland)[41]
Das Mahl der Frommen (Norddeutschland)[54]
David und Abigail (Dänemark)[74]
Schimmel Knofeles (Galizien)[87]
Galeb Jekarim (Jerusalem)[103]
Wie Slobe ihre Schwester verheirathet (Belgien)[117]
Frau Leopard (Polen)[129]
Der schöne Kaleb (Böhmen)[145]
Gelobt sei Gott, der uns den Tod gegeben (Spanien)[159]
Schalem Alechem (Elsass)[169]
Machscheve (England)[183]
Der Todesengel (Italien)[195]
Haman und Esther (Polen)[209]
Die Erlösung (Ungarn)[223]
Das Trauerspiel im Rosengässchen (Holland)[239]
Kätzchen Petersil (Rumänien)[253]
Der falsche Thaler (Süddeutschland)[267]
Zwei Aerzte (Oesterreich)[281]
Die Iliade von Pultoff (Russland)[293]
Die Geschichte von der römischen Matrone (Schweden)[307]
Du sollst nicht tödten (Croatien)[317]
Bär und Wolf (Schweiz)[325]
Zweierlei Adel (Frankreich)[335]

ISRAEL.

Goethe sagt: Das auserwählte unter den Völkern ist nicht das beste, sondern das andauerndste.

In diesem wunderbaren Ausspruch ist die ganze Geschichte des israelitischen Volkes enthalten, alle seine Schicksale, gute und böse, spiegeln sich in demselben. Ja, es war unter allen Völkern, die den Erdball bewohnen, das ausdauerndste und deshalb hat es viel grössere und wichtigere, als es selbst war, überlebt und sah den Ruhm, die lärmenden Thaten, den Glanz der Jahrhunderte vorüberziehen, gleich Schemen. Es hat das üppige Babylon in den Staub sinken sehen und das Reich der Pharaonen und Rom, der Sturm der Völker brauste an ihm vorüber, Gothen, Vandalen und Hunnen, das römische Kaiserreich Karl's des Grossen fiel in Trümmer, das geistliche Weltreich der Päpste, die Monarchie Karl's V., in der die Sonne nicht unterging, Holland, Schweden, Polen, traten vom Schauplatz ab, Spanien erntete die traurigen Folgen seiner Verfolgungswuth, der Thron der Bourbonen wurde umgestürzt, und der neue Cäsar fand in den Eiswüsten Russlands sein Ende, doch Israel bestand noch immer. Es trotzte dem Mord, der Pest, dem Scheiterhaufen und ging durch den Wechsel der Zeiten, ergeben und geduldig, die heiligen Gesetzrollen im Arm.

Kein Volk ist so oft von Eroberern unterjocht, in die Sklaverei geschleppt, getheilt und zerstreut, keines so mit Feuer und Schwert verfolgt, unterdrückt, beraubt, geschmäht und gequält worden und es lebte immer und lebt noch heute, frisch und kräftig, wie einst in den gesegneten Thälern Kanaans.

Und doch ist heute wieder eine grosse Verfolgung gegen dasselbe im Zuge, ein Kampf, der durch alle Länder Europas geht, bedroht die schwer errungenen Rechte, die Bildung, das Eigenthum der Israeliten, ja ihre Existenz.

Woher in unserer Zeit, genau ein Jahrhundert nach der grossen Revolution, nach der Proklamation der Menschenrechte, dieser Hass, dieser Rassenkrieg, dieser religiöse Verfolgungswahn?

Mögen sich auch starke, egoistische, zumeist ökonomische Interessen unter der religiösen und nationalen Maske verbergen, es zeigt sich trotzdem in dieser ganzen Bewegung unleugbar eine Leidenschaft, welche nicht durch nüchterne Motive dieser Art erklärt werden kann.