„Sie mag fühlen, daß ich sie verachte.“
„Weshalb verachtest du sie denn, kleiner Narr?“ rief Wanda und nahm mich mit beiden Händen bei den Ohren.
„Weil sie heuchelt,“ sagte ich, „ich achte nur eine Frau, die tugendhaft ist oder offen dem Genusse lebt.“
„So wie ich,“ entgegnete Wanda scherzend, „aber siehst du, mein Kind, die Frau kann das nur in den seltensten Fällen. Sie kann weder so heiter sinnlich, noch so geistig frei sein, wie der Mann, ihre Liebe ist stets ein aus Sinnlichkeit und geistiger Neigung gemischter Zustand. Ihr Herz verlangt darnach, den Mann dauernd zu fesseln, während sie selbst dem Wechsel unterworfen ist; so kommt ein Zwiespalt, kommt Lüge und Trug, meist gegen ihren Willen, in ihr Handeln, in ihr Wesen und verdirbt ihren Charakter.“
„Gewiß ist es so,“ sagte ich, „der transszendentale Charakter, welchen die Frau der Liebe aufdrücken will, führt sie zum Betrug.“
„Aber die Welt verlangt ihn auch,“ fiel mir Wanda in das Wort, „sieh diese Frau an, sie hat in Lemberg ihren Mann und ihren Liebhaber und hier hat sie einen neuen Anbeter gefunden, und sie betrügt sie alle und ist doch von allen verehrt und von der Welt geachtet.“
„Meinetwegen,“ rief ich, „sie soll dich nur aus dem Spiele lassen, aber sie behandelt dich ja wie eine Ware.“
„Warum nicht?“ unterbrach mich das schöne Weib lebhaft. „Jede Frau hat den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es hat viel für sich, sich ohne Liebe, ohne Genuß hinzugeben, man bleibt hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen.“
„Wanda, du sagst das?“