Nach einer Weile wuchs meine Kühnheit und ich versuchte meine Ruderkünste. Doch schon ein kleiner Wechsel im Gleichgewicht erzeugte heftige Veränderungen im Benehmen eines solchen Fischerbootes. Denn kaum hatte ich mich nur ein wenig bewegt, gab es sofort seine freundlich tänzelnde Bewegung auf und lief geradeaus einen so steilen Wasserberg hinab, daß ich ganz schwindlig wurde, dann steckte es seine Nase, während der Gischt hochaufspritzte, tief in die Seite der nächsten Welle hinein.

Ich wurde durchnäßt und erschreckt und nahm sofort meine frühere Lage ein, worauf auch das Fischerboot zur Besinnung zu kommen schien und mich so sanft wie früher durch die Wellen führte. Es schien klar, daß es keine Einmischung duldete. Doch wann konnte ich hoffen, da ich auf keine Weise seinen Lauf beeinflussen durfte, an Land zu kommen?

Ich fing an mich entsetzlich zu fürchten, doch verlor ich trotzdem nicht den Kopf. Langsam und mit äußerster Vorsicht bei meinen Bewegungen, schöpfte ich mit meiner Mütze das Wasser aus dem Boot; dann, mit den Augen ein wenig über dem Bootrand, begann ich zu studieren, wie es das Boot fertigbrachte, um so ruhig zwischen den höchsten Wellen durchzukommen.

Ich fand heraus, daß jede Welle durchaus nicht der große, weiche, glatte Berg war, als der sie vom Ufer oder von einem Schiffsdeck aus erschien, sondern in Wirklichkeit wie irgendein Gebirge auf dem trockenen Lande aus Spitzen, ebenen Flächen und Tälern bestand. Das Fischerboot schlängelte sich, wenn man es sich selbst überließ, ganz auf eigene Faust durch diese tieferen Teile und vermied die steilen Abhänge und hohen Gipfel der Wellen.

Nun gut, dachte ich, es ist also klar, daß ich ruhig liegen muß, um nicht das Gleichgewicht zu stören, doch ist es ebenso klar, daß ich das Ruder an ruhigen Stellen von Zeit zu Zeit benützen kann, um das Boot mit ein oder zwei Schlägen mehr landwärts zu lenken. Gesagt, getan. Da lag ich also auf meinen Ellbogen in der anstrengendsten Haltung und machte von Zeit zu Zeit einen oder zwei schwache Ruderschläge, um die Bootspitze landwärts zu drehen.

Es war eine sehr ermüdende und langsame Arbeit, doch gewann ich sichtlich Boden und als wir nahe an das Waldkap kamen, sah ich, daß ich zwar unfehlbar diesen Punkt verfehlen werde, doch war ich nur mehr einige hundert Meter östlich davon. Ich konnte die luftigen, grünen Baumspitzen sich im Winde bewegen sehen und war ganz sicher, daß ich am nächsten Vorgebirge unbedingt würde landen können.

Es war höchste Zeit, denn der Durst begann mich zu quälen. Die glühende Sonne über mir, ihr tausendfacher Widerschein von den Wellen her, das Seewasser, das mich bespritzte und auf mir trocknete, das sogar meine Lippen mit Salz förmlich zusammenbuk, all das brannte mir in der Kehle und quälte mein Gehirn. Als ich die Bäume so nahe sah, wurde ich vor Sehnsucht beinahe krank. Doch die Strömung führte mich bald weiter und als ich wieder die offene See vor mir sah, hatte ich einen Augenblick, der meine Gedanken in ganz andere Bahnen lenkte.

Gerade vor mir sah ich die Hispaniola unter Segel. Doch war ich vor Durst so außer mir, daß ich kaum wußte, ob ich froh oder traurig wäre, wenn sie mich überfahren würde. Ehe ich aber zu einem Schlusse gekommen war, hatte mich die Überraschung ganz überwältigt und ich konnte nur hinstarren und staunen.

Die prachtvoll weiße Leinwand der Hispaniola blinkte wie Schnee oder Silber in der Sonne. Als ich sie zuerst sichtete waren alle Segel gespannt und sie nahm den Kurs ungefähr Nordwest. Ich nahm an, daß die Leute an Bord um die Insel herum wollten, um wieder zurück zum Ankerplatz zu gelangen. Plötzlich fing sie an sich mehr und mehr nach Westen zu wenden, so daß ich schon glaubte man habe mich von dort gesichtet und jage mir nach. Schließlich aber stand sie eine ganze Zeitlang hilflos vor dem Winde mit schlaffen Segeln.

„Ungeschickte Kerle,“ dachte ich mir, „die müssen noch immer ganz betrunken sein!“ Und ich stellte mir vor, wie Kapitän Smollett sie behandelt hätte. Inzwischen wiederholte sich immer wieder dasselbe Manöver: Das Schiff segelte ein paar Minuten rasch, blieb wieder liegen und pendelte dann wieder hin und her, hinauf und hinunter, nach Norden, Süden, Osten und Westen, und jede solche Bewegung endete wie sie begonnen hatte, mit schlaff herunterhängendem Segel. Es wurde mir nun klar, daß niemand steuerte. Doch wenn es so war, wo waren die Matrosen? Entweder tödlich besoffen oder sie hatten das Schiff verlassen, dachte ich, und vielleicht könnte ich, wenn ich an Bord gelangte, das Schiff seinem Kapitän zurückgeben.