Keiner rührte sich, keiner antwortete.
„Ihr wollt also nicht?“ fügte er hinzu, die Pfeife wieder zum Munde führend. „Na, ihr seid eine nette Gesellschaft zum Anschauen, aber zum Kämpfen nicht. Jetzt werde ich euch etwas sagen, falls ihr Englisch versteht: Ihr habt mich zum Kapitän gewählt. Ich bin euer Kapitän, weil ich der beste Mann auf eine Seemeile weit bin. Ihr wollt nicht wie ordentliche Glücksritter kämpfen, nicht wahr? Dann, in Teufelsnamen, werdet ihr gehorchen, das sage ich euch. Ich kann diesen Jungen gut leiden, ich hab’ nie einen besseren Jungen gesehen. Er ist mehr Mann, als irgendeiner von euch Ratten hier im Haus, und eins sage ich euch: Den möcht ich sehen, der ihn anrührt! Das hab’ ich zu sagen! Und ihr könnt mir’s glauben!“
Ein langes Stillschweigen folgte. Ich stand kerzengerade an der Mauer und mein Herz schlug wie ein Schmiedehammer, aber ich hatte wieder Hoffnung gefaßt. Silver lehnte sich an die Wand, mit gekreuzten Armen, die Pfeife noch immer im Mundwinkel und anscheinend vollkommen ruhig, als wäre er in der Kirche. Doch seine Augen wanderten unruhig hin und her und er beobachtete seine unbotmäßigen Genossen. Diese zogen sich allmählich an das andere Ende des Blockhauses zurück und das leise Zischen ihrer flüsternden Reden schlug an mein Ohr. Manchmal blickten sie auf, und das rote Licht der Fackel beleuchtete dann sekundenlang ihre nervigen Gesichter. Doch nicht mir, sondern Silver wandten sie ihre Blicke zu.
„Es scheint, ihr habt euch eine Menge zu sagen“, bemerkte Silver, weit in die Luft hinausspuckend. „Laßt hören, was ihr wollt.“
„Entschuldigung, Herr,“ erwiderte einer der Leute, „Ihr geht etwas frei mit den Regeln um, aber vielleicht werdet Ihr so freundlich sein und Euch an die übrigen Regeln halten. Die Mannschaft ist unzufrieden. Die Mannschaft mag sich nicht tyrannisieren lassen; die Mannschaft hat Rechte, wie jede andere Mannschaft, und ich bin schon so frei, aber es steht auch in Euern Regeln, daß wir miteinander reden können. Ich bitte um Entschuldigung, wir erkennen an, daß Ihr zurzeit Kapitän seid, aber ich verlange mein Recht und wir wollen draußen beratschlagen.“
Und mit umständlichem Seemannsgruß schritt der lange, übelaussehende, gelbäugige Kerl, der etwa fünfunddreißig Jahre alt sein mochte, gemächlich zur Tür und verschwand draußen. Einer nach dem anderen folgten die übrigen seinem Beispiel. Jeder salutierte, als er vorüberkam und sagte ein Wort der Entschuldigung. „Gemäß den Regeln“, sagte der eine. „Matrosenberatung“, sagte Morgan. Und so marschierten sie alle hinaus und ließen Silver und mich allein beim Licht der Fackel.
Der Schiffskoch legte sofort die Pfeife aus der Hand.
„Die Sache ist so, Jim Hawkins,“ sagte er in kaum hörbarem Flüsterton, „du stehst hart vor dem Tod, und, was viel ärger ist, vor dem Gemartertwerden. Sie wollen mich absetzen. Doch wohlgemerkt, ich stehe zu dir in Dick und Dünn. Das war vorher nicht meine Absicht, ich meine, ehe du gesprochen hattest. Ich verzweifelte schon an dieser ganzen Sache und dachte schon, daß ich auch noch gehängt werde. Aber ich sehe, du bist schon der Richtige, und nun sage ich: Du stehst zu Hawkins, John, und Hawkins wird zu dir stehen. Du bist seine letzte Karte, und, zum Donner John, er ist deine letzte! Rücken an Rücken, sage ich. Du rettest deinen Zeugen und er wird dir deinen Hals retten.“
Ich begann dunkel zu begreifen.