„Jim!“ sagte er schließlich, „du hast den Seemann heute gesehen?“

„Den schwarzen Hund?“ fragte ich.

„Oh, der schwarze Hund,“ sagte er, „das ist wohl ein schlechter Kerl, aber die, die ihn geschickt haben, sind noch ärger. Und jetzt, wenn ich nicht fort kann, werden sie mir den schwarzen Fleck anhängen und weißt du, warum? Hinter meinem alten Kajütenkoffer dort sind sie her! Hör zu! Du setzt dich auf ein Pferd — nicht wahr, du kannst reiten? — und reitest ja, zum Kuckuck! du reitest zu diesem Waschlappen von Doktor hin und sagst ihm, er soll alle seine Beamten zusammentrommeln und soll sie hier in den ‚Admiral Benbow‘ führen und alle niederpfeffern, die ganze Mannschaft des alten Flint, alle, die noch übrig sind. Ich war erster Maat, der erste Maat des alten Flint, und ich bin der einzige, der die Karte hat. Er gab sie mir in Savannah als er todkrank dalag, wie ich jetzt, siehst du. Aber du wirst nichts verraten, nur wenn sie mir den schwarzen Fleck geben oder wenn du den schwarzen Hund wiedersiehst oder einen Seemann, dem ein Bein fehlt, ja, Jim, dann vor allem.“

„Was ist denn das, der schwarze Fleck, Kapitän?“ fragte ich.

„Das ist eine Vorladung, Kamerad, ich werde es dir schon sagen, wenn es so weit ist. Du halte schön die Augen auf, Jim, dann werde ich, bei meiner Ehre, zu gleichen Teilen mit dir teilen.“

Er faselte noch eine Weile weiter, doch seine Stimme wurde schwächer und schwächer und als ich ihm seine Medizin eingeflößt hatte, die er gehorsam wie ein Kind einnahm, meinte er: „Wenn je ein Seemann Medizinen gebraucht hat, so brauch ich sie jetzt“, fiel schließlich in einen schweren, ohnmachtähnlichen Schlaf, und ich verließ ihn. Was ich hätte tun müssen, um alles zu einem guten Ausgang zu führen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hätte ich die ganze Geschichte dem Doktor erzählen sollen, denn ich war in Todesangst, daß der Kapitän seine Geständnisse bereuen und mich kaltmachen würde. Doch gerade an diesem Abend starb ganz plötzlich mein armer Vater und so war alles andere für mich in den Hintergrund getreten. Unser natürlicher Kummer, die Besuche der Nachbarn, die Vorbereitungen für das Leichenbegängnis und die tägliche Arbeit im Gasthof, alles zusammen nahm mich so in Anspruch, daß ich kaum dazu kam an den Kapitän zu denken, und noch weniger mich vor ihm zu fürchten.

Er kam am nächsten Morgen richtig herunter, bekam seine Mahlzeiten wie gewöhnlich, obwohl er wenig aß, trank aber, fürchte ich, mehr als die ihm erlaubte Dosis Rum, denn er holte ihn selbst aus dem Schankzimmer und schaute dabei so finster drein und brummte und schnaubte so wild, daß niemand dreinzureden wagte. Am Abend vor dem Leichenbegängnis war er so betrunken wie nur je, und es erregte Ärgernis, wie er da in einem Trauerhause sein häßliches altes Seemannslied grölte. Doch war er so schwach, daß wir alle für sein Leben fürchteten; dabei war der Doktor gerade von einem Schwerkranken sehr in Anspruch genommen, der viele Meilen entfernt wohnte, und kam nach meines Vaters Tode nie in die Nähe unseres Hauses. Ich habe schon gesagt, daß der Kapitän sichtlich abnahm, und seine Schwäche schien immer ärger zu werden, statt daß er sich erholte. Er klomm die Treppen hinauf und hinunter und ging vom Gastzimmer in den Schank und wieder zurück, und manchmal steckte er die Nase zur Türe hinaus, um den Seegeruch zu riechen und hielt sich dann an der Mauer fest und sein Atem ging schwer und rasch, wie wenn er einen steilen Berg besteigen würde. Er richtete niemals direkt das Wort an mich, und ich glaube er hatte seine Geständnisse so gut wie vergessen. Doch war seine Laune sehr wechselnd und trotz seiner körperlichen Schwäche war er heftiger als je. In der Trunkenheit hatte er eine beunruhigende Gewohnheit: sein Matrosenschnappmesser offen vor sich auf den Tisch zu legen. Aber trotz alledem kümmerte er sich weniger um die Leute und es machte den Eindruck, als sei er in seine eigenen Gedanken vertieft und ziemlich zerstreut. Einmal fing er beispielsweise zu unserem großen Erstaunen an, ein ganz neues Lied zu pfeifen, ein ländliches Liebeslied, das er in seiner Jugend gelernt haben mochte, ehe er zur See ging.

So standen die Dinge. Einmal, am Tage nach dem Leichenbegängnis, etwa um drei Uhr eines bitterkalten, nebligen, rauhen Nachmittags, als ich ein wenig vor der Tür stand und traurig an meinen Vater dachte, da sah ich auf einmal einen Mann langsam die Straße heraufkommen. Er war zweifellos blind, denn er tappte mit einem Stock vor sich her und trug einen grünen Schirm über Augen und Nase und ging gekrümmt, wie von Alter oder Schwäche gebeugt. Er trug einen alten, zerlumpten Matrosenkragen mit einer Kapuze, die ihn ganz bucklig erscheinen ließ. Nie in meinem Leben sah ich eine abstoßendere Erscheinung. Er blieb einige Schritte vor dem Gasthof stehen und erhob seine Stimme zu einem sonderbaren Singsang, in die leere Luft hineinfragend:

„Möchte ein guter Freund einem armen, blinden Mann, der sein kostbares Augenlicht bei der Verteidigung seines Vaterlandes England und seines Königs Georg — Gott segne ihn — verloren hat, sagen, wo und in welchem Teile des Landes er sich jetzt befinden mag?“

„Ihr seid beim ‚Admiral Benbow‘ an der Schwarzhügelbucht, mein guter Mann“, sagte ich.