„Der Ankergrund ist im Süden, hinter einer kleinen Insel, nicht wahr?“ fragte der Kapitän.

„Ja, Herr, sie heißt die Skelettinsel. Das war einmal ein Seeräubernest, und ein Matrose, den wir an Bord hatten, kannte alle Namen hier. Der Hügel nach Norden zu heißt der Kreuzmastberg, nach Süden zu laufen drei in einer Reihe, der große mit der Wolke darüber wird gewöhnlich das „Fernrohr“ genannt, weil sie dort eine Wachstation hielten, wenn sie am Ankerplatz putzten, denn dort reinigten sie ihre Schiffe, mit Verlaub, Herr.“

„Ich habe eine Karte hier, schaut nach, ob das der Platz ist.“

Die Augen des langen John brannten, als er die Karte in die Hand nahm, doch erkannte ich am neuen Aussehen des Papiers, daß er eine Enttäuschung erleben mußte. Das war nicht die Karte, die wir in Billy Bones’ Koffer gefunden hatten, sondern eine genaue Kopie, die in jeder Beziehung vollständig war — Namen, Höhen und Lotungen — mit alleiniger Ausnahme der roten Kreuze und der handschriftlichen Bemerkungen. So stark sein Verdruß auch gewesen sein mag, Silver hatte doch die Selbstbeherrschung ihn zu verbergen.

„Ja, Herr, sicher ist das der Ort, und wie schön gezeichnet, wer das nur gemacht hat? Dazu waren die Piraten zu unwissend, meine ich. Ja, ja, hier steht es: ‚Kapitän Kidds Ankerplatz‘ — gerade so nannte ihn mein Schiffskamerad. Eine starke Strömung läuft die Südspitze entlang zur Westküste. Ganz recht hatten Sie, Herr, den Kurs zu ändern und an der Wetterseite zu bleiben. Wenn es nämlich Ihre Absicht war hineinzufahren und Kiel zu holen, dafür gibt es in diesen Gewässern keinen besseren Platz —“.

„Ich danke Euch, Mann,“ sagte Kapitän Smollett, „ich werde Euch später rufen, damit Ihr uns helft, jetzt könnt Ihr gehen.“

Ich war überrascht über die Kaltblütigkeit, mit welcher John seine Kenntnis der Insel zugab, und ich muß gestehen, ich geriet in Furcht, als er näher an mich herantrat. Er wußte natürlich nicht, daß ich in dem Apfelfaß seinen Kriegsrat belauscht hatte, aber ich war nun schon von einem solchen Entsetzen über seine Grausamkeit, Doppelzüngigkeit und Stärke ergriffen, daß ich kaum einen Schauer verbergen konnte, als er seine Hand auf meinen Arm legte.

„Ah,“ sagte er, „das ist ein herrlicher Platz, diese Insel — ein wundervoller Platz für einen Jungen zum Herumstreifen! Du wirst baden und auf Bäume klettern und Ziegen jagen, wenn du willst und selber wie eine Ziege auf den Bergen herumsteigen. Ach, das macht mich wieder jung, ich habe beinahe mein Holzbein vergessen! Ja, es ist eine schöne Sache jung zu sein und seine zehn Zehen zu haben, sicherlich. Wenn du ein wenig auf Forschungsreisen gehen willst, sag es nur dem alten John und er wird dir einen Imbiß zum Mitnehmen vorbereiten.“

Und er klopfte mir freundlich auf die Schulter, humpelte fort und ging nach unten.

Kapitän Smollett, der Gutsherr und Dr. Livesay standen im Gespräch zusammen auf Achterdeck, und so sehr ich mich danach sehnte, ihnen meine Geschichte zu erzählen, wagte ich es doch nicht, sie einfach zu unterbrechen. Als ich immer noch nach irgendeiner anständigen Ausrede dafür suchte, rief mich Dr. Livesay an seine Seite. Er hatte seine Pfeife unten gelassen und da er ein leidenschaftlicher Raucher war, wollte er mich um sie schicken. Doch sobald ich ihm nahe genug gekommen war, um ihm unbelauscht ein Wort sagen zu können, beschwor ich ihn sofort: „Herr Doktor, hören Sie mich an. Gehen Sie mit dem Kapitän und dem Squire in die Kabine hinunter und dann lassen Sie mich unter irgendeinem Vorwand holen, ich habe furchtbare Neuigkeiten.“