„Silver, Herr,“ erwiderte der Kapitän, „ihm liegt so viel daran wie Ihnen und mir, die Sache zu unterdrücken. Er wird ihnen ihr Schmollen bald ausreden, wenn man ihm nur Gelegenheit dazu gibt, und ich schlage vor, ihm sie zu geben. Lassen wir die Leute einen Nachmittag an Land. Wenn sie alle gehen, nun, dann werden wir das Schiff verteidigen. Wenn keiner von ihnen geht, werden wir die Kabine halten und Gott beschütze dann das Recht. Wenn ein paar gehen, so passen Sie auf, Herr, wird Silver sie an Bord zurückbringen, sanft wie Lämmer.“
Das wurde beschlossen. An alle sicheren Männer wurden geladene Pistolen verteilt. Hunter, Joyce und Redruth wurden ins Vertrauen gezogen und nahmen die Mitteilung mit weniger Überraschung und in besserer Haltung auf als wir angenommen hatten, und dann ging der Kapitän auf Deck und sprach die Mannschaft an.
„Burschen,“ sagte er, „wir haben einen heißen Tag gehabt und sind alle müde und in schlechter Stimmung. Ein Ausflug ans Land wird niemandem schaden — die Boote sind noch im Wasser. Ihr könnt die leichten Ruderkähne nehmen und so viele wollen können am Nachmittag ans Land gehen. Eine Stunde vor Sonnenuntergang werde ich einen Schuß abfeuern lassen.“
Ich glaube die dummen Jungen müssen gedacht haben, daß sie sofort beim Landen über Schätze stolpern müßten, denn im Augenblick schwand ihr ganzer Trotz und sie brachen in ein Hurra aus, daß es laut widerhallte und die Vögel rings um den Ankerplatz wieder erschreckt aufflogen.
Der Kapitän war zu gescheit, um im Weg herumzustehen. Er war sofort verschwunden und überließ es Silver den Ausflug zu arrangieren. Und es scheint mir, daß er gut daran tat. Denn wenn er auf Deck geblieben wäre, hätte er nicht einmal vorgeben können die Lage nicht zu verstehen, denn sie war klar wie der Tag. Silver war der Kapitän und er hatte es mit einer recht rebellischen Mannschaft zu tun. Die verläßlichen Leute — und ich sollte es bald bestätigt sehen, daß es solche an Bord gab — müssen sehr dumme Kerle gewesen sein, oder vielmehr war die Sache, glaube ich, so, daß alle durch das Beispiel der Rädelsführer angesteckt waren — nur manche mehr, manche weniger, und einige, die im Wesen gute Kerle waren, konnten weder verleitet noch weiter vorwärtsgetrieben werden. Es ist ein anderes Ding, faul und trotzig zu sein, und wieder ein ganz anderes, ein Schiff zu rauben und eine Anzahl unschuldiger Leute niederzuhauen.
Endlich ordnete sich die Gesellschaft. Sechs Mann sollten an Bord bleiben und die übrigen dreizehn, Silver mit eingeschlossen, begannen sich einzubooten.
Gerade in diesem Augenblick ging mir der erste der verrückten Einfälle durch den Kopf, die so sehr dazu beigetragen haben, uns das Leben zu retten. Wenn Silver sechs Mann zurückließ, so war es klar, daß unsere Partei nicht das Schiff nehmen und verteidigen konnte, und da es nur sechs waren, war es ebenso klar, daß die Kabinenpartei gegenwärtig meine Hilfe nicht brauchte. Sofort kam ich auf die Idee ans Land zu gehen. In einem Nu war ich in eines der nächsten Boote geschlüpft, das fast im selben Augenblick abfuhr.
Niemand beachtete mich, nur der Ruderer am Bug fragte: „Bist du’s, Jim? Duck dich!“ Doch Silver schaute aus dem nächsten Boot scharf her und rief zu uns herüber, um zu erfahren, ob ich da sei. Und von diesem Augenblick an begann ich zu bedauern, daß ich mitgekommen war.
Die Boote fuhren um die Wette ans Ufer, doch das, in welchem ich saß, hatte einen kleinen Vorsprung, und da es auch leichter und besser bemannt war, schoß es den anderen weit voraus. Als der Bug die Uferbäume berührte, erfaßte ich einen Zweig, schwang mich hinaus und war im Dickicht verschwunden, als Silver und die übrigen noch hundert Meter hinter uns waren.
„Jim, Jim!“ hörte ich ihn rufen.