„Das genügt, Kapitän“, rief der lange John erfreut. „Ein Wort von Ihnen genügt, ich weiß, was ein Gentleman ist, das ist sicher.“
Wir konnten sehen wie der Mann, der die weiße Flagge trug, Silver zurückzuhalten versuchte, und das war weiter nicht verwunderlich nach der kavaliermäßigen Antwort des Kapitäns. Doch Silver lachte laut auf und klopfte ihm auf die Schulter, als ob der Gedanke an eine Gefahr rein lächerlich wäre, dann ging er zur Umzäunung vor, warf seine Krücke hinüber und brachte es mit großer Kraft und Geschicklichkeit zustande den Zaun zu übersteigen und sich glücklich an der anderen Seite herunterzulassen.
Ich muß gestehen, daß ich viel zu sehr beschäftigt war mit dem, was vorging, um als Schildwache zu etwas zu taugen. Tatsächlich verließ ich mein östliches Guckloch und schlich dem Kapitän nach, der sich nun auf der Schwelle niedersetzte, die Arme auf die Knie gestützt, den Kopf in der Hand, die Augen auf das Wasser gerichtet, das aus dem alten Eisenkessel in den Sand tropfte. Dabei pfiff er sich ein Liedchen: „Mädels und Burschen kommt heran....“
Silver wurde es furchtbar schwer den Abhang zu erklettern. Bei der Steilheit des Aufstieges, den dicken Baumstrünken und dem weichen Sand war er mitsamt seiner Krücke so hilflos wie ein Segler bei Windstille, doch er ließ nicht locker und arbeitete sich vorwärts bis er endlich beim Kapitän anlangte, den er liebenswürdig grüßte. Er hatte sich auf das schönste herausgeputzt: Ein enormer blauer Rock, ganz mit Metallknöpfen geschmückt, hing ihm bis zu den Knien und ein schöner verschnürter Hut saß auf seinem Hinterkopfe.
„Da seid Ihr ja“, sagte der Kapitän, den Kopf hebend. „Ihr solltet Euch lieber niedersetzen.“
„Ihr wollt mich nicht hereinlassen, Kapitän?“ klagte der lange John. „Es ist ein schrecklich kalter Morgen, Herr, um da draußen auf dem Sand zu sitzen.“
„Nun, Silver“, sagte der Kapitän, „wenn es Euch beliebt hätte ein anständiger Mensch zu sein, könntet Ihr jetzt in Eurer warmen Küche sitzen. Das habt Ihr Euch allein eingebrockt. Entweder Ihr seid mein Schiffskoch — und da wurdet Ihr nett behandelt — oder Ihr seid Kapitän Silver, ein gemeiner Meuterer und Seeräuber, dann könnt Ihr Euch aufhängen!“
„Gut, gut, Kapitän,“ erwiderte der Schiffskoch und setzte sich wie ihm der Kapitän geheißen hatte, auf den Sand, „Ihr werdet mir einfach dann zum Aufstehen die Hand geben müssen, das ist alles. Ein hübsches, nettes Plätzchen habt Ihr hier. Ah, da ist ja Jim! Schönsten guten Morgen, Jim! Herr Doktor, meine Hochachtung! Nun, da sind ja alle beisammen wie eine glückliche Familie sozusagen.“
„Wenn Ihr was zu sagen habt, dann sagt es lieber“, sagte der Kapitän.
„Freilich, freilich, Kapitän Smollett“, erwiderte Silver. „Pflicht ist Pflicht, natürlich. Schauen Sie, das war ein gutes Stückl von Ihnen heute Nacht, ich leugne nicht, daß es ein gutes Stückl war. Ein paar von euch müssen ganz tüchtig mit Hebestangen umzugehen verstehen. Ich leugne auch nicht, daß ein paar von meinen Leuten ganz erschrocken waren — vielleicht waren alle erschrocken, möglich, daß ich selbst erschrocken war, möglich, daß das der Grund ist, weshalb ich hier bin um zu verhandeln. Aber paßt auf Kapitän, ein zweites Mal passiert das nicht, zum Teufel! Wir werden eben Wachen ausstellen und ein bißchen den Rum einschränken. Vielleicht denkt Ihr, daß wir alle sternhagelvoll waren, aber ich sag’s Euch, ich war nüchtern. Ich war nur hundsmüde, und wenn ich nur eine Sekunde früher aufgewacht wäre, ich hätt’ Euch bestimmt mitten drin erwischt. Er war nicht tot, als ich zu ihm herüberkam, o nein.“