Das Schweizerland, wie kühn und klein steht es da, umarmt von den Staaten! Was ist es als Land allein für eine zugleich hehre und anmutige Erscheinung! Europas schneeige Pelzboa könnte man es nennen. Wundervoll wie seine Geschichte ist seine Natur. Merkwürdig wie sein Volk ist sein Bestand. Es ist, als ducke es sich. Doch scheint es auch nicht ein Panther, denn es hat keine Grenzenbeute zu machen. Seine Enthaltsamkeit ist seine Festigkeit, seine Bescheidenheit ist seine Schönheit, seine Beschränkung sein unvergleichliches Ideal. Wie ein politischer Felsen steht es da, umbrüllt von den politischen Wogen. So lange es bleibt, was es ist, schadet ihm, scheint es, nichts. Inwiefern es sich klein fühlt, darf es sich stark und eigen und unabhängig fühlen, abhängig nur von der Besonnenheit und Unerschrockenheit. Seine Würde ist seine Grenze; und solange es diese in ihrer Art unübersehbare Grenze zu bewahren weiß, ist es in seiner Art ein bedeutendes und großes Land, groß als Gedanke. Wie reizend und wie gefährlich ist seine Lage. Seine Menschen, wie heimatlich wissen sie, das Altertum bekräftigend, zu leben. Sein Handel geht hoch, seine Wissenschaften blühen. Doch wozu ihm schmeicheln? Daß es sein Eigen ist, schmeichelt ihm am tiefsten. Man will sie grob nennen im Ausland, die Schweizer. Das ist so, als nennte man den Franzosen unzuverlässig, den Deutschen anmaßend, den Türken unsauber, den Russen rückständig. Wie verpesten Redensarten die Erde! Wie vergiften gewisse Gerüchte das Leben!


Reisen, im Eisenbahnwagen sitzen, erster Klasse natürlich. Man ist eingestiegen und immer fährt man ins unbekannte, fremde Weite. Das ist reizend. Man beherrscht so ein bischen alle Sprachen. Kauderwelschen: Das ist so nett. Attachiert ist man als richtiger Reisender. Süß, einfach göttlich. Und nun sitzt man; draußen ist Winternacht, es schneit. Von der Wagendecke lächelt das Lämpchen wie ein unaufgeklärtes tiefes Menschenbrust-Geheimnis dich an. Tränen treten dir plötzlich in die Augen. Wie ist dir, du attachierter perfekter Reisender? Empfindest du Schmerzliches? Ja, ich bin versunken in ein Meer von wehmutvollen Erinnerungen. Ich werde in die fernen Länder davongetragen. Übrigens lese ich ja jetzt die Zeitung. Plötzlich ist mir vollkommenem Weltreisenden, als fahre ich zurück in die freudenüberströmte, liebe Kindheit. Die Eltern tauchen vor mir auf; und da schaue ich namentlich Mama tief in die Augen. Welch eine Wonne, welch ein Glück ist es, klein zu sein! Mir ist, als möchte ich gerade jetzt von Papa verprügelt werden. Doch weiter fährt es, weiter, weiter. Reisender sein: ach ja; und draußen der Mitternachtschnee. Ach ja, Reisender sein, ist hübsch. Aber richtiger attachierter Reisender muß man sein.


»Das alles ist nicht so schlimm«: finde ich hübsch gesagt. Mein lieber Bruder Hans sagte das immer. Er ist ein goldener Mensch, golden durch Treue. Ja, wenn es bei uns zu Haus oft schlimm aussah, sagte Hans: »Das alles ist nicht so schlimm. Es sieht nur so schlimm aus.« Mir scheint, Ehre und Liebe reden so. Tragisch die Dinge nehmen, ist ja plump. Wenn du keinen Erfolg in der Welt hast, so ist das gar nicht so schlimm. Der Humor ist die unübertreffliche Königin des Weltlebens. Hier wäre wieder ein Wörtchen vom Wesen des wahren Weltmannes zu sagen. Doch man muß sich diese Schreibfreude leider versagen; und das ist gar nicht so schlimm. Einen Hieb bekommen, ist gar nicht so schlimm. Verachtung wecken, wo man meinte, es recht getan zu haben, ist auch nicht so schlimm. Was ist schlimm? Mutlos und freudlos sein? Ist das wirklich so schlimm? Ja: das, das ist schlimm. Wenn ich falle und dazu lache, ist das gar nicht so schlimm. Wenn ich mich aber über die Niederlage ärgere, dann ist es schlimm. Doch ich habe noch allerlei anderes zu sagen. Das Leben enthält nicht nur einerlei, sondern gar mancherlei. Also auf ins Allerlei!


Wenn ich eine Weile nicht habe denken dürfen, sondern habe wirken müssen, wie sehne ich mich da wieder nach dem Leben in den Gedanken! Wenn es mir schlecht in der Welt geht, wie wünsche ich da wieder, geachtet, ausgezeichnet, gestreichelt, verwöhnt und geliebt zu werden! Wenn ich lange Zeit mit gewöhnlichen Menschen zu tun gehabt habe, wie schwebt mir da der Umgang mit feinen, ungewöhnlichen Menschen paradiesgartenähnlich wieder vor! Und wenn ich dahingesunken bin in den Abgrund der Verwilderung, ach, wie so gern betrage ich mich nachher wieder gesetzt und gesittet! Muß alles so sein Gegengewicht haben? Soll man immer und immer wieder durch die Schärfe der Gegensätze gerüttelt und geschüttelt werden? So scheint es; und so mache du dich nur stets auf Schwankungen, Unklarheiten und Unordnungen gefaßt. Trage es immer wieder, das Schwere, dulde es immer wieder, das Unangenehme, finde es immer wieder beherzigenswert und liebenswert, das Vielerlei. Pünktliche Ordnung schaffst du nie rund um dich und in dir. Deshalb sei doch ja nicht versessen auf die Ordentlichkeit. Dies stört, macht feig und blendet.


Wir stecken immer noch sehr im Mittelalter, und diejenigen, die über die Neuzeit murren, weil sie seelenarm sei, im Vergleich mit der Vorwelt, irren arg. Abschaffen ist der Lauf der Welt? Wie? Wenn alles so leer, so leicht würde, daß man an gar nichts mehr zu denken brauchte? Anzeichen, daß die Menschen der Kultur und ihrer Peinlichkeiten überdrüssig werden, sind vorhanden. Eine Welt glatt wie Glas, ein Leben sauber wie eine Stube am Sonntag. Keine Kirchen und keine Gedanken mehr. Puh, mich friert. Es sollte doch wohl immer noch allerlei in der Welt geben. Mich würde nichts bewegen, wenn nicht allerlei mich bewegte.