»Das müssen Sie selbst zugeben,« sagte Tobler, »daß von einer Wiederaufnahme unserer früheren, gegenseitigen Beziehungen vorläufig die Rede nicht mehr sein kann. Den Bruch haben Sie herbeigeführt, nicht ich, ich würde Sie gerne behalten haben. Nichts veranlaßt mich, den Marti wegzuschicken, er macht seine Sache auch ganz ordentlich. Es tut mir leid, Wirsich, glauben Sie mir das nur, aber Sie sind selbst schuld. Es hat Ihnen niemand befohlen, mich, Ihren Brotherrn, wie einen dummen Jungen zu behandeln. Machen Sie nun alles Weitere mit sich selber ab. Was ich anstandshalber tun kann, Ihnen zu einem anderweitigen Posten zu verhelfen, will ich gern tun. Hier ist noch eine Zigarre. Da. Nehmen Sie.«
Ob sich denn wirklich jetzt nichts mehr ändern ließe?
»Nein, nein, jetzt nicht mehr. Entsinnen Sie sich übrigens nur, was Sie mir in jener saubern Nacht zugebrüllt haben, und Sie werden begreifen, daß es zwischen uns keine Anknüpfungen mehr geben kann.«
»Aber Herr Tobler, das war doch alles die Trunkenheit, nicht ich selber.«
»Ach was Trunkenheit und nicht Sie selber! Das ist es ja gerade. Ich habe zu fünf oder sechs oder mehr Malen gedacht: Das ist nicht er selber! Freilich sind Sie das alles selber gewesen. Der Mensch besteht nicht aus zweierlei Dingen, sonst wäre wahrhaftig das ganze Erdenleben eine zu bequemliche Sache. Wenn da jeder kommen könnte mit: ›das bin nicht ich selber gewesen‹, wenn er einen Bock geschossen hat, was würden dann noch Ordnung und Unordnung zu bedeuten haben? Nein, nein, man sei in Gottesnamen der, der man ist. Ich habe Sie auf zweierlei Art kennen gelernt. Glauben Sie, die Welt sei verpflichtet, Sie als ein Kind, als ein Schoßhündchen zu betrachten? Sie sind ein erwachsener Mann, und man verlangt von Ihnen, daß Sie wissen, was man zu tun hat. Mit verborgenen Leidenschaften, oder wie die Dinger heißen mögen, von denen die Philosophen reden, sehe ich mich nicht zu rechnen genötigt. Ich bin Geschäftsmann und Familienvater und muß mich verpflichtet fühlen, der Torheit und dem Unanstand den Eingang in mein Haus zu verbieten. Sie waren so weit immer fleißig, warum sind Sie mir mit Unflätigkeiten gekommen? Sie würden mich ja auslachen. Einfach auslachen würden Sie mich, und hätten auch ein Recht dazu, wenn ich dumm genug wäre, Sie wieder anzunehmen. Ich habe Ihnen meine Meinung jetzt gesagt, lassen Sie uns Schluß machen.«
»Es ist also aus zwischen uns?«
»Vorläufig, ja!«
Mit diesem Wort trat Tobler zur Bureautüre hinaus, ging in den Garten, wo er seiner Frau einen bedeutenden Blick zuwarf, und stellte sich dann neben seiner geliebten Glaskugel auf. Die Zigarre zwischen den Zähnen schaute er abwärts sein Besitztum behaglich an und ergab auf diese Weise unbewußt das vollendete Bild herrschaftlicher Mittagsruhe.
Zu Wirsich, der noch immer im Bureau unbeweglich festwurzelte, da, wo er zufällig stehen geblieben war, kam unversehens Joseph hinein. Beide maßen sich einen Moment mit den offenen Augen. Danach aber hielten sie es für am passendsten, sich über die Fortentwicklung der Toblerschen technischen Unternehmungen zu unterhalten, welches Gespräch aber sehr rasch in ein unausstehliches Stocken und Brechen geriet, bis es vollständig abbrach. Wirsich bemühte sich, den oberhalb über den Tatsachen Stehenden zu spielen und erteilte seinem Nachfolger allerhand Ratschläge und praktische Winke, die jedoch nicht besonders lebhaft anschlugen.
Und nun nach dem Nachmittagskaffee. Es hieß jetzt für die beiden Besucher, sich zu entschließen und Abschied zu nehmen. Da gab man sich denn die Hände, und nachher sah man, insofern man oben auf dem Hügel zurückblieb, zwei unsicher gehende und auftretende Personen längs des brillanten, auf je einen Meter Abstand mit je einem vergoldeten Stern gezierten Gartengitters der Landstraße zusteuern. Ein wehmütiger Anblick war das. Frau Tobler seufzte wieder einmal. Gleich darauf aber brach sie über irgend etwas in ein Gelächter aus, und da war es deutlich zu hören, wie der Seufzer und das Gelächter ein und dieselbe Klangfarbe, ein und denselben Ton hatten.