Zwei bis drei Leser werden vielleicht in die Wahrscheinlichkeit dieses Plakates einige Zweifel setzen, indem sie sich sagen werden, daß man nicht recht daran glauben könne.
Vielleicht sind da oder dort Wiederholungen vorgekommen. Ich möchte aber bekennen, daß ich Natur und Menschenleben als eine ebenso schöne wie reizende Flucht von Wiederholungen anschaue, und ich möchte außerdem bekennen, daß ich eben diese Erscheinung als Schönheit und als Segen betrachte. Es gibt freilich manchenortes durch Überreizung verdorbene, sensationslüsterne Neuigkeitenschnapper und -Lecker, Menschen, die fast jede Minute nach irgend noch niedagewesenen Genüssen lüsten. Für solcherlei Leute dichtet der Dichter keinesfalls, wie der Musiker nicht Musik für sie macht und der Maler nicht für sie malt. Im großen und ganzen dünkt mich das stetige Bedürfnis nach Genuß und Kost von immer wieder gänzlich neuen Dingen ein Zug von Kleinheit, Mangel an innerem Leben, Naturentfremdung und mittelmäßiger oder mangelhafter Auffassungsgabe zu sein. Kleine Kinder sind es, denen man immer irgend etwas Neues und Anderes vorführen muß, damit sie nur nicht unzufrieden sind. Der ernsthafte Schriftsteller fühlt sich nicht berufen, Anhäufungen des Stofflichen zu besorgen, nervöser Gier behender Diener zu sein, und er fürchtet sich folgerichtigerweise nicht vor einigen natürlichen Wiederholungen, obgleich er sich selbstverständlich stets Mühe gibt, zu viele Ähnlichkeiten fleißig zu verhüten.
Es war nun Abend geworden, und da gelangte ich auf einem hübschen, stillen Weg oder Seitenweg, der unter Bäumen hinlief, zum See hinaus, und hier endete der Spaziergang. In einem Erlenwäldchen, am Rand des Wassers, war eine Knaben- und Mädchenschule versammelt, und der Herr Pfarrer oder Lehrer erteilte inmitten der Abendnatur Naturunterricht und Anschauungslehre. Mir fielen, indem ich langsam weiterging, zweierlei Menschengestalten ein. Vielleicht infolge gewisser umfassender Ermüdung dachte ich an ein schönes Mädchen und daran, wie ich so allein in der weiten Welt sei und daß das nicht ganz recht sein könne. Selbstvorwürfe rührten mich von hinten an und traten mir von vorn in den Weg, und ich hatte stark zu kämpfen. Gewisse böse Erinnerungen bemächtigten sich meiner. Selbstanklagen machten mir urplötzlich das Herz schwer. Indessen suchte und sammelte ich in der Umgebung, teils in einem Wäldchen, teils im Felde, Blumen. Sanft und leise fing es an zu regnen, wodurch das zarte Land noch zarter und stiller wurde. Mir war es, als weine es, und während ich Blumen sammelte, horchte ich auf das leise Weinen, das auf die Blätter herabrieselte. Warmer, schwacher Sommerregen, wie bist du süß! »Warum sammle ich hier Blumen«, fragte ich mich und schaute nachdenklich zu Boden, und der zarte Regen vergrößerte meine Nachdenklichkeit, die er bis zur Trauer steigerte. Alte vergangene Verfehlungen fielen mir ein, Treubruch, Haß, Trotz, Falschheit, Hinterlist, Bosheit und vielerlei heftige, unschöne Auftritte. Ungezügelte Leidenschaft, wilde Wünsche, und wie ich gar manchen Leuten wehgetan hatte, wie ich Unrecht getan hatte. Wie eine Schaubühne voll dramatischer Szenen öffnete sich mir das vorübergegangene Leben, und ich mußte über meine zahlreichen Schwächen, über alle Unfreundlichkeiten und Lieblosigkeiten, die ich hatte fühlen lassen, unwillkürlich staunen. Da trat mir die zweite Gestalt vor die Augen, und ich sah plötzlich den alten, müden, armen, verlassenen Mann wieder, den ich vor einigen Tagen in einem Wald am Boden liegen gesehen hatte, und zwar so erbärmlich, blaß und zum Sterben kläglich, so leidvoll und todesmatt, daß mich der traurige und seelenbeengende Anblick tief erschreckt hatte. Diesen müden Mann schaute ich jetzt im Geiste, und es wurde mir schwach davon. Ich fühlte das Bedürfnis, mich irgendwo hinzulegen, und da gerade ein freundliches, trauliches Uferplätzchen in der Nähe war, so machte ich es mir, gewissermaßen erschöpft wie ich war, auf dem weichen Boden unter dem treuherzigen Geäste eines Baumes bequem. Erde, Luft und Himmel anschauend, kam mich der betrübliche, unweigerliche Gedanke an, daß ich zwischen Himmel und Erde ein armer Gefangener sei, daß alle Menschen auf diese Art und Weise kläglich gefangen seien, daß es für alle nur den einen finsteren Weg gebe, nämlich in das Loch hinab, in die Erde, daß es keinen andern Weg in die andere Welt gebe als den, der durch das Grab geht. »So muß denn alles, alles, dieses ganze reiche Leben, die freundlichen, gedankenvollen Farben, dieses Entzücken, diese Lebensfreude und Lebenslust, alle diese menschlichen Bedeutungen, Familie, Freund und Geliebte, diese helle, zärtliche Luft voll göttlich schöner Bilder, die Vater- und Mutterhäuser und lieben, sanften Straßen eines Tages vergehen und sterben, die hohe Sonne, der Mond, und die Herzen und Augen der Menschen.« Lange dachte ich darüber nach und bat im stillen die Menschen, denen ich vielleicht weh getan haben mochte, um Verzeihung. Lange lag ich in undeutlichen Gedanken da, bis mir wieder das Mädchen einfiel, das so schön und jugendfrisch war, so süße, gute, reine Augen hatte. Ich stellte mir recht lebhaft vor, wie reizend ihr kindlich-hübscher Mund sei, wie hübsch ihre Wangen, und wie ihre körperliche Erscheinung mich mit ihrer melodischen Weichheit bezaubere, wie ich vor einiger Zeit sie etwas fragte, wie sie im Zweifel und Unglauben die schönen Augen niederschlug, und daran, wie sie »nein« sagte, als ich sie fragte, ob sie an meine aufrichtige Liebe, Zuneigung, Hingabe und Zärtlichkeit glaube. Die Umstände hatten ihr befohlen, zu reisen, und sie war fortgegangen. Vielleicht würde ich sie noch rechtzeitig haben überzeugen können, daß ich es gut mit ihr meine, daß ihre liebenswürdige Person mir wichtig und daß es mir aus vielen schönen Gründen daran gelegen sei, sie glücklich zu machen und damit mich selbst; aber ich gab mir weiter keine Mühe mehr, und sie ging fort. Wozu dann die Blumen? »Sammelte ich Blumen, um sie auf mein Unglück zu legen?«, fragte ich mich, und der Strauß fiel mir aus der Hand. Ich hatte mich erhoben, um nach Hause zu gehen; denn es war schon spät, und alles war dunkel.
[Von Robert Walser sind erschienen:]
Fritz Kochers Aufsätze / Inselverlag.
Geschwister Tanner, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.
Der Gehülfe, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.
Jakob v. Gunten, Roman / Bruno Cassirer, Berlin.
Gedichte / Bruno Cassirer, Berlin.
Aufsätze / Kurt Wolff, Leipzig.