Es käme jetzt und träte hervor ein Wirtshaus, und zwar ein sehr feines, reizendes, schmeichelhaftes, ein Wirtshaus, nah am Rand des Waldes gelegen, aus dem ich soeben erst herauskam, ein Wirtshaus mit köstlichem Garten voll erquicklichem Schatten. Der Garten läge auf einem aussichtsreichen niedlichen Hügel, und dicht daneben läge oder stände ein künstlicher Extra-Aussichtshügel oder Rondell, wo man stehen und ziemlich lang sich über die prächtige Aussicht freuen könnte. Ein Glas Bier oder Wein wäre sicher auch nicht schlecht; aber der Mensch, der hier spaziert, besinnt sich rechtzeitig, daß er sich ja auf keinem gar so sehr anstrengenden Ausmarsch befindet. Das mühereiche Gebirge liegt weit in der bläulich glänzenden, weißumhauchten Ferne. Er muß sich ehrlich gestehen, daß sein Durst weder mordsmäßig noch heidenmäßig ist, da er bis jetzt verhältnismäßig nur kleine Strecken zurückzulegen gehabt hat. Handelt es sich doch hier mehr um zartes, sanftes Spazierengehen als um eine Reise und Wanderung, und mehr um einen feinen Rundgang als um einen Gewaltritt und -Marsch, und daher verzichtet er gerechter- so gut wie vernünftigerweise auf den Eintritt ins Lusthaus und Erquickungshaus und nimmt Abgang. Alle ernsthaften Leute, die dies lesen, werden seinem schönen Entschluß und seinem guten Willen gewiß reichen Beifall zollen. Nahm ich nicht bereits vor einer Stunde Anlaß, eine jugendliche Sängerin anzumelden? Sie tritt jetzt auf.
Und zwar an einem Fenster zu ebener Erde.
Ich kam nämlich jetzt aus der Waldabschwenkung wieder in den Hauptweg zurück und da hörte ich – –
Doch halt! und eine kleine Anstandspause gemacht. Schriftsteller, die ihren Beruf verstehen, nehmen denselben möglichst ruhig. Sie legen gern von Zeit zu Zeit die Feder ein wenig aus der Hand. Anhaltendes Schreiben ermüdet wie Erdarbeit.
Was ich aus dem Fenster zu ebener Erde hörte, war der lieblichste, frischeste Volks- und Operngesang, der mir als Morgen-Ohrenschmaus und als Vormittagskonzert völlig unentgeltlich in die überraschten Ohren tönte. Ein junges Mädchen, das fast noch ein Schulmädchen und doch auch schon schlank und groß war, stand nämlich im hellen Kleid am ärmlichen Vorstadtfenster, und dieses Mädchen sang in die blaue Luft hinaus und hinauf einfach zum Entzücken. Auf das angenehmste betroffen und durch den unerwarteten Gesang bezaubert, blieb ich seitwärts stehen, um die Sängerin nicht zu stören und mich damit nicht der Zuhörerschaft sowie des Genusses zu berauben. Das Lied, das die Kleine sang, schien von glücklicher und lieblicher Art zu sein; die Töne klangen wie junges, unschuldiges Lebens- und Liebesglück selber; sie flogen, gleich Engelsgestalten mit schneeweißem Freudengefieder, in den Himmel, aus welchem sie wieder herunterzufallen und mit einem Lächeln zu sterben schienen. Es glich dem Sterben aus Kummer, dem Sterben vielleicht auch aus überzarter Freude, einem überglücklichen Lieben und Leben und einem Nichtlebenkönnen wegen zu reicher und schöner Vorstellung vom Leben, daß gewissermaßen der zärtliche, von Liebe und Glück überquellende, übermütig in das Dasein drängende Gedanke sich zu überstürzen und über sich selber zusammenzubrechen schien. Als das Mädchen mit dem ebenso einfachen wie reichen, reizenden Gesang, mit dem schmelzenden Mozart- oder Hirtinnen-Lied zu Ende gekommen war, trat ich zu ihr hin, grüßte sie, bat sie um Erlaubnis, ihr zu der schönen Stimme gratulieren zu dürfen, und machte ihr wegen des ungewöhnlich seelenvollen Vortrages mein Kompliment. Die kleine Gesangskünstlerin, die wie ein Reh oder wie eine Art Antilope in Mädchenform aussah, schaute mich mit schönen braunen Augen verwundert und fragend an. Sie hatte ein sehr feines, zartes Gesicht und lächelte einnehmend und artig. »Ihnen«, sagte ich zu ihr, »steht, wenn Sie Ihre schöne, junge, reiche Stimme zu pflegen und behutsam auszubilden wissen, wozu es sowohl Ihres eigenen wie des Verständnisses anderer bedarf, eine glänzende Zukunft und große Laufbahn bevor; denn Sie erscheinen mir, offen und ehrlich gestanden, wie die zukünftige große Opernsängerin selber! Ihr Wesen ist offenbar klug, Sie selber sind sanft und schmiegsam, und Sie besitzen, wenn mich meine Vermutungen nicht gänzlich trügen, eine ganz bestimmte Seelenkühnheit. Feuer und offensichtlicher Adel des Herzens sind Ihnen eigen; das hörte ich soeben aus dem Liede, das Sie so schön und wahrhaft gut gesungen haben. Sie haben Talent, noch mehr: Sie haben unzweifelhaft Genie! und ich rede Ihnen da durchaus nichts Leeres und Unwahres vor. Es ist mir darum zu tun, Sie zu bitten, recht sorgsam acht auf Ihre edle Begabung zu geben, sie vor Verunstaltung, Verstümmelung, vorzeitigem gedankenlosem Verbrauch zu hüten. Einstweilen kann ich Ihnen nur aufrichtig sagen, daß Sie überaus schön singen und daß das etwas sehr Ernstes ist; denn es will viel bedeuten; es will vor allen Dingen bedeuten, daß man Sie auffordern soll, fleißig jeden Tag ein wenig weiter zu singen. Üben und singen Sie mit klugem, schönem Maßhalten. Sie selber kennen die Ausdehnung und den Umfang des Schatzes, den Sie besitzen, ganz gewiß nicht. In Ihrer gesanglichen Leistung tönt bereits ein hoher Grad von Natur, eine reiche Summe ahnungslosen lebendigen Wesens und Lebens und eine Fülle von Poesie und Menschlichkeit. Man glaubt Ihnen sagen zu dürfen und Ihnen die Versicherung geben zu müssen, daß Sie eine echte Sängerin deshalb zu werden in jedem Sinn versprechen, weil man glaubt, daß Sie ein Mensch sind, den es wahrhaft aus dem Wesen heraus drängt zu singen und der erst zu leben, sich seines Lebens freuen zu können scheint, sobald er beginnt zu singen, alle vorhandene Lebenslust derart in die Kunst des Gesanges hinüberleitend, daß alles menschlich und persönlich Bedeutende, alles Seelenvolle, Verständnisvolle in ein höheres Etwas, in ein Ideal hinaufsteigt. In einem schönen Gesang ist immer ein gleichsam zusammengedrängtes und -gepreßtes Erfahren, Empfinden und Fühlen, eine zur Explosion fähige Summe von beengtem Leben und von bewegter Seele, und mit solcher Art von Gesang vermag eine Frau, wenn sie sich die guten Umstände zunutze macht und an der Leiter, die die Zufälligkeiten bilden, hinaufgelangt, als Stern am Himmel der Tonkunst viele Gemüter zu bewegen, große Reichtümer zu gewinnen, ein Publikum zu stürmischen und begeisterten Beifallskundgebungen hinzureißen und die aufrichtige Liebe und Bewunderung von Königen und Königinnen an sich zu ziehen.«
Ernst und staunend hörte das Mädchen den Worten, die ich sprach, zu, die ich indessen mehr nur zu meinem eigenen Vergnügen redete, als um von der Kleinen gewürdigt und begriffen zu werden, wozu ihr die nötige Reife fehlte.
Von weitem sehe ich bereits einen Bahnübergang, den ich zu überschreiten haben werde; aber einstweilen bin ich noch nicht so weit; denn ich habe, muß man unbedingt wissen, vorher noch zwei bis drei wichtige Kommissionen zu besorgen und einige notwendige unumgängliche Abmachungen zu treffen. Über diese Kommissionen soll so umständlich und so genau wie möglich Bericht abgelegt oder abgestattet werden. Man wird mir huldreich gestatten, zu bemerken, daß ich im Vorbeigehen in einem eleganten Herren-Maßgeschäft oder Schneideratelier wegen eines neuen Anzuges, den ich anprobieren oder umändern lassen muß, tunlich vorzusprechen habe. Zweitens habe ich im Gemeindehaus oder Amthaus schwere Steuern zu entrichten, und drittens soll ich ja einen bemerkenswerten Brief auf die Post tragen und in den Briefkasten hinab werfen. Man sieht, wie viel ich zu erledigen habe und wie dieser scheinbar so bummelige und behagliche Spaziergang voll praktischer geschäftlicher Verrichtungen ist, und man wird daher wohl die Güte haben, Verzögerungen zu verzeihen, Verspätungen zu billigen und langfädige Auseinandersetzungen mit Berufs- und Kanzleimenschen gutzuheißen, ja vielleicht sogar als willkommene Beigaben und Beiträge zur Unterhaltung zu begrüßen. Wegen aller hieraus entstehenden Längen, Weiten und Breiten bitte ich zum voraus gebührend um gefällige Entschuldigung. Ist je ein Provinz- und Hauptstadt-Autor gegenüber seinem Leserzirkel schüchterner und höflicher gewesen? Ich glaube kaum, und daher fahre ich mit äußerst ruhigem Gewissen im Erzählen und Plaudern fort und melde folgendes:
Um der tausend Gottes willen, es ist ja höchste Zeit, zu Frau Aebi zu springen, um zu dinieren oder mittag zu essen. Soeben schlägt es halb ein Uhr. Glücklicherweise wohnt mir die Dame in allernächster Nähe. Ich brauche nur glatt wie ein Aal ins Haus hinein zu schlüpfen wie in ein Schlupfloch und wie in eine Unterkunft für arme Hungrige und bedauerliche Heruntergekommene. Frau Aebi empfing mich aufs liebenswürdigste. Meine Pünktlichkeit war ein Meisterwerk. Man weiß, wie Meisterwerke selten sind. Frau Aebi lächelte, als sie mich auftauchen sah, überaus artig. Sie bot mir auf eine herzliche und gewinnende Art, die mich sozusagen bezauberte, ihre nette kleine Hand dar und führte mich sogleich ins Eßzimmer, wo sie mich ersuchte, mich zu Tisch zu setzen, was ich natürlich mit dem denkbar größten Vergnügen und völlig unbefangen ausführte. Ohne die mindesten lächerlichen Umstände zu machen, fing ich harmlos und zwanglos an zu essen und wacker zuzugreifen und ahnte nicht von weitem, was mir zu erleben bevorstand. Ich fing also an, wacker zuzugreifen und tapfer zu essen. Derlei Tapferkeit kostet ja bekanntlich wenig Überwindung. Mit einigem Erstaunen merkte ich indessen, daß mir Frau Aebi dabei fast andächtig zuschaute. Es war dies einigermaßen auffällig. Offenbar war es für sie ergreifend, mir zuzuschauen, wie ich zugriff und aß. Mich überraschte diese sonderbare Erscheinung, der ich jedoch keine große Bedeutung beilegte. Als ich plaudern und Unterhaltung machen wollte, wehrte mir Frau Aebi ab, indem sie sagte, daß sie auf jederlei Unterhaltung mit der größten Freude verzichte. Das seltsame Wort machte mich stutzig, und es begann mir angst und bang zu werden. Ganz im geheimen fing ich an, vor Frau Aebi zu erschrecken. Als ich aufhören wollte, abzuschneiden und einzustecken, weil ich deutlich fühlte, daß ich satt sei, sagte sie mir mit fast zärtlicher Miene und Stimme, die ein mütterlicher Vorwurf leise durchzitterte: »Sie essen ja gar nicht. Warten Sie, ich will Ihnen hier noch ein recht saftiges, großes Stück abschneiden.« Ein Grauen durchrieselte mich, und ich erkühnte mich, höflich und artig einzuwenden, daß ich hauptsächlich hergekommen sei, um einigen Geist zu entfalten, worauf Frau Aebi unter einem liebreizenden Lächeln sagte, daß sie das keineswegs für nötig halte. »Ich vermag unmöglich, weiter zu essen«, sagte ich dumpf und gepreßt. Ich war schon nahe am Ersticken und schwitzte bereits vor Angst. Frau Aebi sagte: »Ich darf unmöglich zugeben, daß Sie schon aufhören wollen, abzuschneiden und einzustecken, und nimmermehr glaube ich, daß Sie wirklich satt sind. Sie sagen ganz bestimmt nicht die Wahrheit, wenn Sie sagen, daß Sie bereits am Ersticken seien. Ich bin verpflichtet, zu glauben, daß das nur Höflichkeiten sind. Auf jederlei geistreiches Geplauder verzichte ich, wie ich Ihnen schon gesagt habe, mit Vergnügen. Sie sind sicherlich hauptsächlich zu mir gekommen, um zu beweisen und zu bekunden, daß Sie Appetit haben und ein starker Esser sind. Diese Anschauung darf ich unter keinen Umständen preisgeben. Ich möchte Sie recht herzlich bitten, sich in das Unvermeidliche gutwillig zu schicken; denn ich kann Ihnen versichern, daß es für Sie keine andere Möglichkeit gibt, vom Tisch aufzustehen, als die, die darin besteht, daß Sie alles, was ich Ihnen abgeschnitten habe und fernerhin noch abschneiden werde, säuberlich aufessen und einstecken. Ich fürchte, daß Sie rettungslos verloren sind; denn Sie müssen wissen, daß es Hausfrauen gibt, die ihre Gäste so lange nötigen, zuzugreifen und einzupacken, bis dieselben zerbrechen. Ein jämmerliches, klägliches Schicksal steht Ihnen bevor; aber Sie werden es mutig ertragen. Wir alle müssen eines Tages irgend ein großes Opfer bringen. Gehorchen Sie und essen Sie. Gehorsamkeit ist ja so süß. Was schadet es, wenn Sie dabei zugrunde gehen. Hier dieses höchst delikate, zarte und große Stück werden Sie mir ganz gewiß noch vertilgen, ich weiß es. Nur Mut, mein bester Freund! Uns allen tut Kühnheit not. Was sind wir wert, wenn wir nur immer auf dem eigenen Willen beharren wollen. Nehmen Sie alle Ihre Kraft zusammen und zwingen Sie sich, Höchstes zu leisten, Schwerstes zu ertragen und Härtestes auszuhalten. Sie glauben nicht, wie es mich freut, Sie essen zu sehen, bis Sie die Besinnung verlieren. Sie stellen sich gar nicht vor, wie ich mich grämen würde, wenn Sie das vermeiden wollten; aber nicht wahr, das tun Sie nicht; nicht wahr, Sie beißen und greifen zu, auch wenn Sie schon bis in den Hals hinauf voll sind.«
»Entsetzliche Frau, was muten Sie mir zu?« schrie ich, indem ich vom Tisch jählings aufsprang und Miene machte, auf und davon zu stürzen. Frau Aebi hielt mich jedoch zurück, lachte laut und herzlich und gestand mir, daß sie sich einen Scherz mit mir erlaubt habe, den ich so gut sein solle, ihr nicht übel zu nehmen. »Ich habe Ihnen nur ein Beispiel geben wollen, wie es gewisse Hausfrauen machen, die vor Liebenswürdigkeit gegenüber ihren Gästen fast überfließen.«
Auch ich mußte natürlich lachen, und ich darf gestehen, daß mir Frau Aebi in ihrem Übermut sehr gut gefiel. Sie wollte mich für den ganzen Nachmittag in ihrer Umgebung haben und war fast ein wenig ungehalten, als ich ihr sagte, daß es leider für mich ein Ding der Unmöglichkeit sei, ihr länger Gesellschaft zu leisten, weil ich gewisse wichtige Dinge zu erledigen hätte, die ich nicht aufschieben dürfte. Es war äußerst schmeichelhaft für mich, Frau Aebi lebhaft bedauern zu hören, daß ich so rasch wieder davongehen müsse und wolle. Sie fragte mich, ob es wirklich so dringend nötig sei, auszureißen und zu entwischen, worauf ich ihr die heilige Versicherung ablegte, daß nur äußerste Dringlichkeiten im stande seien und die Kraft hätten, mich von so angenehmem Ort und von so anziehender, verehrenswürdiger Persönlichkeit so schnell wegzuziehen, mit welchen Worten ich mich von ihr verabschiedete.