Er rauchte aber weiter, und sie ging wieder, etwas ärgerlich, hinaus. »Ich begreife allerdings, daß es ihr nicht lieb ist, aber, muß ihr denn alles lieb an mir sein? Das Rauchen gebe ich nicht auf. Nein! Zum Teufel, nein! Und wenn zwanzig Damen kämen und eine nach der andern es mir verböten.« Er war wütend, aber er wurde sofort wieder sanft und sprach zu sich: »Ich hätte die Zigarette wegwerfen sollen; das war unverschämt!«

In diesem Augenblick, den er dazu benutzen wollte, ein Selbstgespräch zu führen, tönte im Korridor ein Schrei und unmittelbar darauf ein heftiger Knall von einem zu Boden stürzenden Geschirr. Simon öffnete die Tür und erblickte die Frau, wie sie mit wehklagendem, stummem und betrübtem Gesicht zu Boden sah, wo die Scherben einer ihr gewiß teuer gewesenen Porzellanplatte herumlagen. Sie hatte die Platte mit einem Stück Torte drauf vom Eisschrank weg in ihr Zimmer tragen wollen und dieselbe fallen lassen, sie konnte selber nicht sagen, wie. Es brauchte ja nur eine kleine Täuschung der Sinne gewesen zu sein, oder sonst etwas, und das Unglück war eben geschehen. Als die Frau den Simon bemerkte, der hinter ihrem Rücken stand, verwandelte sich sogleich ihr betrübtes Gesicht in ein zürnendes und anklagendes, und sie sagte zu ihm, in einem Tone, der genug sagte, was sie empfand: »Lesen Sie zusammen!« Simon bückte sich zu Boden und las die Scherben zusammen. Während er es tat, streifte seine Wange das Kleid seiner Herrin und er dachte: »Verzeih mir, daß ich gerade dastehen mußte, um zu sehen, daß du dich ungeschickt benommen hast. Ich begreife deinen Zorn. Ich bekenne mich schuldig, die Platte, die du hast fallen lassen, zerbrochen zu haben. Ich habe sie zerbrochen. Wie muß es dir doch weh tun. Eine so schöne Platte. Gewiß war sie dir lieb. Du tust mir leid. Meine Wangen streifen dein Kleid. Jede Scherbe, die ich zusammenlese, sagt mir: »Elender,« und der Saum von deinem Rock sagt mir: »Glücklicher!« Ich lese absichtlich langsam zusammen. Versetzt es dich nicht in neuen Zorn, dies bemerken zu müssen? Es macht mir Spaß, der Übeltäter gewesen zu sein. Du gefällst mir, wenn du mir zürnst. Weißt du, warum mir dein Zorn gefällt? Weil er so zart ist, dein Zorn! Nur weil ich dich sah, wie du dich ungeschickt benahmst, zürnst du mir. Du mußt einige Achtung vor mir haben, da es dich kränken kann, wenn du dich vor mir blamierst. Du Hohe, vor mir Niedrigem. Wie entzückend zornig befahlst du mir, die Scherben zusammenzulesen. Und ich beeile mich damit gar nicht; denn ich möchte, daß du recht ärgerlich und böse würdest, weil ich so lange bei den Scherben verweile, die mir doch sagen müssen, wie ungeschickt du warst, die es dir auch sagen müssen. Du stehst immer noch da? Es muß jetzt eine Mischung von seltsamen Empfindungen in dir sein: Scham, Schmerz, Zorn, Ärger, Gleichmut, Gereiztheit, Gelassenheit, Überraschung und Hoheit und so viel kleines, nebenherschleichendes Unsagbares, das der Moment wegnimmt, ehe man es nur recht hat empfinden können, das da war wie ein Nadelstich oder wie ein Duft oder wie ein Blinzeln von einem Augenpaar. – Dein seidenes Kleid ist schön, wenn man denkt, daß es einen Frauenleib einhüllt, der vor Aufregung und vor Schwäche zittern kann. Deine Hände sind schön, die so lang zu mir herabhängen. Ich hoffe, daß du mir einmal eine Ohrfeige damit gibst. Jetzt gehst du schon weg, ohne mich gescholten zu haben. Wenn du gehst, kichert und flüstert dein Kleid auf dem Boden. Vorhin verbotest du mir zu rauchen. Aber ich werde die Frechheit besitzen, zu rauchen, wenn ich hinter dir auf den Markt gehe, um mit dir Einkäufe zu machen. Da sollst du mich rauchen sehen, weiße, blendende Zigaretten, und ich will hoffen, daß du alsdann die Geistesgegenwart besitzest, sie mir aus dem Mund zu schlagen. Jetzt eben mußte ich dich mit allen meinen mir zu Gebote stehenden Gebärden dafür um Verzeihung bitten, daß du eine Platte zerschlagen hast. Ich wollte, ich könnte Gelegenheit haben, etwas zu verüben, das dich veranlassen würde, mich zum Teufel zu jagen. O nein, nein! Was denke ich da. Ich bin schon verrückt. Wahrhaftig, diese Scherbenangelegenheit hat mich verrückt gemacht. Jetzt wird es Abend sein draußen auf der Straße. Die Laternen werden hellgelb brennen in den verlöschenden Tag hinein. Jetzt möchte ich auf die Straße. Es geht nicht anders, ich muß auf die Straße hinunter.« –

»Ich möchte einen kleinen Ausgang machen,« sagte er, in ihr Zimmer tretend, »darf ich?«

»Ja! Aber daß Sie mir nicht zu lange bleiben!«

Simon stürzte hinaus, die Treppe hinunter, wo ihm eine verschleierte Frauengestalt staunend nachblickte, zum Haus hinaus, auf die Straße, an die Luft, in die bewegliche, feuchte, glitzernde, abendliche Freiheit. Seltsam sei doch, dachte er, dieses Gehören an ein Haus, wo man recht wie ein Gefangener lebe. Seltsam sei es, ein erwachsener Mensch zu sein und als ein erwachsener Mensch hingehen zu müssen, zu einer Dame, in ein dunkles Zimmer, wo man die Frau nur halb im Dunkel sähe, und sie um Erlaubnis zu fragen, ausgehen zu dürfen. Als ob man ein Möbel von ihr wäre, ein Gegenstand, ein gekauftes Stück, ein Etwas, ein irgend Etwas, und als ob dieses Etwas nichts wäre, oder nur insofern etwas, als es sich dazu eigne, so ein Etwas zu sein, ihres zu sein! Seltsam sei es auch, daß man trotzdem diesen Zustand als eine Art Heimat und Zuhausesein fühle. Man liefe jetzt eigentlich zehnmal gehobener auf der Straße umher, weil jemand, den man darum bitten mußte, es einem erlaubt habe. Ein Erlaubnisbekommen, das sei allerdings etwas Schülerhaftes, aber es müßten, dachte er, selbst Greise oft noch, und unter kränkenderen Umständen, um eine Erlaubnis fragen. So sei alles wunderbar im Leben, und man müsse sich in das Wunderbare schicken, wenn es oft auch seltsam aussähe.

Er ging die Straße hinunter und verliebte sich in das süße Straßenbild mit den aufgehenden Sternen, mit den dichten Bäumen, die in langer, gerader Reihe davonliefen, mit den ruhiger gehenden Menschen, mit der Pracht des Abends, mit der tiefen, beweglichen Ahnung der Nacht. Auch er ging ruhig, beinahe träumerisch. Am Abend war es keine Schande, ein träumerisches Aussehen zu machen, wo unwillkürlich alle träumen mußten in dieser Atmosphäre voll von dem Duft des Frühsommerabends. Viele Frauen spazierten umher, mit kleinen, eleganten Täschchen in der behandschuhten Hand, mit Augen, in denen das Licht des Abends fortleuchtete, in engen Kleidern von englischem Schnitt oder in faltigen, schleppenden Röcken und Roben, die sich wundervoll breit in der Straße bewegten. Die Frau, dachte Simon, wie verherrlicht sie das Bild der städtischen Straße. Sie ist wie geschaffen zum promenieren. Man fühlt, sie promeniert, sie genießt ihr eigenes, wiegendes, schönes Gehen. Am Abend geben die Frauen den Ton des Abends an, dazu passen ihre Figuren mit diesen Armen voll Wehmut und Fülle und diesen Brüsten voll atmender Beweglichkeit. Ihre Hände in Handschuhen sehen wie Kinder in Masken aus, mit denen sie winken, in denen sie immer etwas halten. Ihre ganze Haltung setzt die abendliche Welt in tönende Musik um. Wenn man jetzt, so wie ich es tue, hinter ihnen hergeht, so gehört man schon zu ihnen, in Gedanken, in fühlenden Schwankungen, in schlagenden Wellen, die an das Herz schlagen. Sie winken nicht, und doch winken sie einem. Obschon sie keine Fächer tragen, sieht man in einer ihrer Hände einen Fächer und er blitzt und blendet wie getriebenes Silber in dem verlorenen, verschwommenen Abendlicht. Die reifen, üppigen Frauen passen besonders schön zum Abend, so wie Greisinnen in den Winter und blühende Mädchen in den eben erwachten Tag hineinpassen, wie Kinder in den dämmernden Morgen und junge Ehegattinnen in den heißen Mittag, wo die Sonne der Welt am glühendsten scheint.

Es war neun Uhr, als Simon wieder nach Hause kam. Er hatte sich verspätet und mußte Vorwürfe anhören, wie dieser: wenn das noch einmal, noch ein einziges Mal vorkomme, so – – dann –. Er hörte eigentlich nicht, sondern vernahm nur den Klang des Vorwurfes, innerlich lachte er, äußerlich schien er betrübt, das heißt, er setzte ein dummes Gesicht auf und fand es nicht für notwendig, den Mund aufzutun, um etwas zu erwidern. Er zog den Knaben aus, legte ihn in das Bett und zündete ein kleines Nachtlicht an.

»Dürfte ich um ein Licht für mich bitten,« fragte er die Dame.

»Was wollen Sie mit dem Licht?«

»Einen Brief schreiben.«