»Das kann sein. Der Wein macht mich immer dichterisch reden,« entgegnete Simon, »so wenig ich sonst Dichter bin. Ich pflege mir Vorschriften zu machen und bin im allgemeinen wenig geneigt, mich von Phantasieen und Idealen hinreißen zu lassen, da ich das für äußerst unklug und für anmaßend halte. Glauben Sie mir nur, ich kann ein sehr trockener Mensch sein. Es ist auch keineswegs statthaft, jeden Menschen, den man einmal von Schönheit reden hört, gleich für einen schwärmenden Dichter zu halten, wie Sie es zu tun scheinen; denn ich denke, daß es sogar einmal einem sonst ganz kalt überlegenden Pfandleihhändler oder Bankkassier einfallen kann, über anderes nachzudenken, als über Sachen seines geldzusammenkratzenden Berufes. Man nimmt in der Regel zu wenig gefühlsinnige und der Nachdenklichkeit fähige Menschen an, weil man sie nicht anders beobachten gelernt hat. Ich mache es mir zur Aufgabe, mit einem jeden Menschen ein kühnes, herzliches Gespräch zu führen, damit ich am schnellsten sehe, mit wem ich es zu tun habe. Man blamiert sich mit einer solchen Lebensregel des öftern, und manchmal kriegt man dafür sogar, beispielsweise von einer zarten Dame, eine Ohrfeige, aber was schadet das! Mir macht es Vergnügen, mich bloßzustellen, und ich darf immer überzeugt sein, daß die Achtung von solchen, bei denen man sich mit dem ersten freien Wort etwas vergibt, nicht gar so sehr viel wert ist, als daß man deshalb Ursache zum Betrübtsein hätte. Menschenachtung muß immer leiden unter der Menschenliebe. Das wollte ich Ihnen auf Ihre etwas spöttische Bemerkung sagen, womit Sie mich zu treffen meinten.«
»Ich wollte Sie keineswegs verletzen.«
»So war es hübsch von Ihnen,« sagte Simon und lachte dazu. Dann sagte er plötzlich nach einigem Stillschweigen: »Was übrigens Ihre Erzählung von meinem Bruder betrifft, so hat diese mich allerdings getroffen. Er lebt noch, mein Bruder, und kaum ein Mensch denkt jetzt an ihn; denn wer sich wegstiehlt, namentlich an einen so düsteren Ort, wie er, der wird gestrichen aus den Gedächtnissen. Armer Kerl! Sehen Sie, ich könnte sagen, daß es nur einer kleinen Änderung in seinem Herzen, vielleicht eines Pünktchens mehr in seiner Seele bedurft hätte, um ihn zum schaffenden Künstler zu machen, dessen Werke die Menschen entzückt hätten. So wenig braucht es, um stark zu werden, und so wenig wiederum, um sein Unglück zu vollenden. Was will man reden. Er ist krank und steht auf der Seite, wo keine Sonne mehr ist. Ich werde jetzt mehr an ihn denken, denn sein Unglück ist doch ein zu grausames. Es ist ein Elend, das zehn Verbrecher nicht einmal verdienen, geschweige denn er, der solch ein Herz hatte. Ja, das Unglück ist manchmal nicht schön, jetzt bekenne ich es gerne. Sie müssen wissen, mein Herr, ich bin trotzig und behaupte gern etwas wild in die Welt hinein, was gar keine Art hat. Mein Herz ist zuweilen ganz hart, besonders hart ist es, wenn ich andere Menschen voll Mitleid sehe. Da möchte ich immer so hineinwettern, hineinlachen in das warme Mitleid. Sehr schlecht von mir, sehr, sehr schlecht! Ich bin überhaupt noch lange kein guter Mensch, aber ich hoffe es noch zu werden. Es hat mich sehr gefreut, mit Ihnen haben reden zu dürfen. Das Zufällige ist immer das Wertvollste. Ich scheine etwas viel getrunken zu haben, und es ist hier so heiß im Lokale, mich verlangt hinaus. Leben Sie wohl, meine Herren. Nein! Nicht auf Wiedersehen. Durchaus nicht. Das habe ich nicht im Sinne. Mich verlangt durchaus nicht darnach. Viele Menschen habe ich noch kennen zu lernen, da darf ich nicht so frivol sagen: auf Wiedersehen. Das hieße nur lügen; denn ich begehre Sie nicht wiederzusehen, außer zufällig, und dann wird es mir eine Freude sein, wenn auch eine maßvolle. Ich mache nicht gern Umstände, und bin gern wahr, und das zeichnet mich vielleicht aus. Ich hoffe, daß es mich auch in Ihren Augen auszeichnet, wiewohl Sie mich jetzt ziemlich erstaunt und dumm ansehen, als wären Sie beleidigt. Gut, seien Sie es. Zum Teufel noch einmal, womit habe ich Sie beleidigt. Sie?«
Der Wirt trat herzu und mahnte Simon zur Ruhe:
»Gehen Sie lieber, es ist Zeit mit Ihnen.«
Und er ließ sich sanft in die dunkle Gasse hinausbefördern.
Es war eine tiefe, schwarze, schwüle Nacht. Es war, als schleiche sie als etwas Schleichendes die Wände entlang. Bisweilen stand ein hohes Haus ganz dunkel da, und dann war wieder eines, das gelblich und weißlich leuchtete, als besäße es den besonderen Zauber, in einer so dunklen Nacht zu leuchten. Die Mauern der Häuser rochen so seltsam. Es war etwas Feuchtes und Dumpfiges, das ihnen entströmte. Einzelne Lichter erhellten zuweilen einen Fleck der Gasse. Oben ragten die kühnen Dächer über die glatte, hohe Wand der Häuser hinaus. Die ganze weite Nacht schien sich in dieses kleine Gassengewirr gelegt zu haben, um hier zu schlafen, oder um hier zu träumen. Es gingen noch einzelne späte Menschen umher. Hier taumelte einer und sang dabei, ein anderer fluchte, daß es den Himmel zerreißen mochte, ein dritter lag schon am Boden, während der Tschako eines Polizisten hinter einer Hausecke hervorblitzte. Wenn man schritt, tönten einem die Schritte unter den Füßen. Simon begegnete einem alten, betrunkenen Mann, der in der ganzen Breite der Gasse hin und her schwankte. Es war ein elendes und zugleich fröhliches Bild: wie die dunkle, plumpe Gestalt so hin und her geschleudert wurde, als bekäme sie Stöße von einer geschmeidigen, unsichtbaren Hand. Da ließ der alte, weißbärtige Mann seinen Stock fallen, wollte denselben vom Boden wieder aufheben, was ja für den Betrunkenen eine schreckliche Aufgabe sein mußte, und schien infolgedessen selber zu Boden stürzen zu wollen. Aber Simon, von einem lächelnden Erbarmen ergriffen, eilte auf den Mann und auf den Stock zu, hob diesen auf und drückte ihn dem Mann in die Hand, der einen Dank in der merkwürdigen Sprache der Betrunkenen murmelte, in einem Ton, als hätte er Grund, noch beleidigt zu sein. Dieser Anblick wirkte sofort ernüchternd auf Simon, und er bog aus dem alten Stadtviertel ab in die neuere, elegantere Gegend. Als er über eine Brücke, die beide Stadtteile voneinander trennte, hinüberging, sog er den seltsamen Duft des fließenden Flußwassers ein. Er schritt die Straße hinunter, in der er vor drei Wochen von jener Dame vor dem Schaufenster angesprochen wurde, sah in dem Haus seiner früheren Herrin noch Licht brennen, dachte daran, daß sie noch gestern seine Herrin gewesen war, schritt weiter unter den Bäumen, bis er zu dem breit und dunkel liegenden See kam, der zu schlafen schien in seiner ganzen, herrlichen Ausdehnung. Ein solcher Schlaf! Wenn so ein ganzer See schlief mit all seinen Abgründen, das machte Eindruck. Ja, das war doch etwas Seltsames, kaum zu Verstehendes. Simon schaute noch eine Zeitlang hinaus, bis er Sehnsucht bekam, selber zu schlafen. O, er würde jetzt herrlich schlafen. So ruhig würde es über ihn kommen, und morgen würde er lang im Bett bleiben, morgen war ja Sonntag. Simon ging heim.
Fünfzehntes Kapitel.
Am nächsten Morgen erwachte er erst, als die Glocken klangen. Er bemerkte von seinem Bette aus, daß ein herrlicher, blauer Tag draußen sein mußte. In den Fensterscheiben blitzte so ein Licht, das auf einen wunderbaren Morgenhimmel hoch über der Gasse schließen ließ. Etwas Hellgoldenes ließ sich ahnen, wenn man die gegenüberliegende Hausmauer länger ansah. Man mußte bedenken, wie schwarz und düster diese fleckige Wand bei beflecktem Himmel aussehen mußte. Man sah lange dahin und stellte sich vor, wie jetzt der See, mit den Segeln darauf, sich ausnähme, in dem goldenen, blauen Morgenwetter. Gewisse Waldwiesen, gewisse Aussichten und gewisse Bänke unter den grünen, üppigen Bäumen, der Wald, die Straßen, die Promenaden, die Wiesen auf dem Rücken des breiten Berges, vollbesetzt mit Bäumen, die Abhänge und Waldschluchten, in denen das Grün nur so wucherte, die Quelle und der Waldbach mit den großen Steinen und dem leise singenden Wasser, wenn man daran saß und sich davon einschläfern ließ. Das alles war zu sehen, deutlich, wenn Simon auf die Wand hinüberblickte, die doch nur eine Wand war, aber die heute das ganze Bild eines seligen Menschensonntages widerspiegelte, nur weil etwas wie ein Hauch von blauem Himmel darauf auf und ab schwebte. Dazu klangen ja die Glocken in den bekannten Tönen, und Glocken, ja, die verstanden es, Bilder aufzuwecken.
Er nahm sich, immer noch im Bett liegend, vor, von jetzt ab fleißiger zu sein, etwas zu studieren, zum Beispiel eine Sprache, und überhaupt geregelter zu leben. Wie viel hatte er versäumt! Das Lernen mußte einem doch viel Freude machen. Es war so schön, sich das vorzustellen, recht innig und lebhaft, wie das wäre, wenn man emsig lernte und lernte, und gar nicht aus dem Lernen herauskäme. Er fühlte eine gewisse menschliche Reife in sich: nun wohl, um so schöner müßte das Lernen werden, wenn mit der ganzen, bereits erworbenen Reife gelernt würde. Ja, das wollte er nun tun: lernen, sich Aufgaben stellen, und einen Reiz darin finden, Lehrer und Schüler in eigener Person zu sein. Zum Beispiel, wie würde es mit einer fremden, wohlklingenden Sprache sein, etwa mit der französischen? »Ich würde Wörter lernen und sie meinem Gedächtnisse fest einprägen. Wie käme mir da meine allezeit lebhafte Einbildungskraft zu Hilfe. Der Baum: l'arbre. Ich würde in meinem ganzen Gefühl den Baum sehen. Klara käme mir in den Sinn. Ich würde sie in einem weißen, weitgefalteten Kleid unter einem breiten, schattigen, dunkelgrünen Baum sehen. So käme mir wieder vieles, beinahe schon ganz vergessenes in den Sinn. Der Sinn würde stärker und lebhafter im Erfassen. So, wenn man nichts lernt, stumpft man zusammen. Wie süß ist gerade die Kleinheit, das Anfängerische! Ich erblicke jetzt einen hohen Reiz darin und begreife nicht, wie ich so lange, so lange trotzig und träge sein konnte. O, die ganze Trägheit liegt nur im Trotz des Mehrwissen-wollens und des vermeintlichen Besser-wissens. Wenn man nur recht weiß, wie wenig man weiß, kann es noch gut kommen. Ich würde mir bei dem Klang des fremden Wortes das deutsche inniger denken und mir seinen Sinn weiter ausbreiten in Gedanken, so würde mir auch die eigene Sprache ein neuer, reicherer Laut voll ungekannter Bilder werden. Le jardin: der Garten. Hier würde ich an den ländlichen Garten Hedwigs denken, den ich doch mitgeholfen habe, anzupflanzen, als es Frühling wurde. Hedwig! Alles würde mir wieder einfallen, blitzschnell, was sie gesagt, getan, gelitten und gedacht hat, während all der Tage, die ich bei ihr verbracht habe. Ich habe keine Ursache, so schnell Menschen und Dinge zu vergessen und meine Schwester erst recht nicht. Damals, als wir den Garten schon bepflanzt hatten, schneite es nachts wieder, und wir hatten großen Kummer, es würde uns nichts wachsen in unserem Garten. Für uns bedeutete das viel; denn wir versprachen uns aus dem Garten recht viel schönes Gemüse. Wie schön ist es doch, mit einem Menschen den gleichen Kummer teilen zu können. Wie müßte es erst sein, wenn man die Schmerzen und das Ringen eines ganzen Volkes mitlitte und mitkämpfte. Ja, das alles würde mir einfallen beim Lernen einer Sprache, und noch so viel mehr, so vieles, das ich mir jetzt noch gar nicht ausdenken kann. Nur lernen, nur lernen, gleichviel, was! Ich will mich auch in die Naturgeschichte versenken, ich ganz allein, ohne Lehrer, an Hand eines billigen Buches, das ich gleich morgen kaufen werde, denn heute ist Sonntag, da sind freilich alle Läden geschlossen. Das geht alles, ganz gewiß. Wozu ist man auf der Welt. Bin ich mir etwa seit einiger Zeit gar nichts mehr schuldig? Aufraffen muß ich mich endlich, es ist wahrlich die höchste Zeit.«