Es schien eine stille Veränderung mit ihr vorgegangen zu sein. Sie erfaßte Simons Hand: das war etwas Unerwartetes. – Darauf sprach sie leise, von niemandem gehört und von niemandem beobachtet:
»Jetzt wird man mich wohl kaum noch stören, bei Ihnen zu sitzen, die Leute entfernen sich allmählich. Sagen Sie mir, wer sind Sie, wie heißen Sie, woher kommen Sie? Sie sehen so aus, als ob man das fragen müßte. Ein Fragen und ein Verwundern geht von Ihnen aus, nicht ein Verwundern, das Sie selbst haben, sondern der, der Ihnen gegenübersitzt, und über Sie. Man fragt sich und verwundert sich über Sie, und dann bekommt man eine Sehnsucht darnach, Sie reden zu hören, und stellt sich vor, daß es etwas sein müßte, was da aus Ihnen herausspräche. Man macht sich unwillkürlich Kummer wegen Ihnen. Man geht von Ihnen fort, macht seine Arbeit, und plötzlich erbarmt man sich Ihrer, indem man an Sie denkt. Mitleid ist es nicht, denn das fordern Sie absolut nicht heraus, und Erbarmen schlechtweg ebenfalls nicht. Ich weiß nicht, was es sein kann: Neugierde vielleicht? Lassen Sie mich einen Moment nachdenken. Neugierde? Ein Begehren, etwas über Sie zu wissen, nur etwas, nur einen Ton oder einen Laut. Man glaubt Sie bereits zu kennen, findet Sie nicht sehr interessant und lauscht und lauscht doch, ob Sie da etwas gesagt haben, was vielleicht wert gewesen wäre, noch einmal zu Ihrem Mund heraus vernommen zu werden. Wenn man Sie anblickt, bedauert man Sie unwillkürlich leichthin, obenhin, von oben herab. Sie müssen etwas Tiefes an sich haben, und das scheint niemand zu bemerken, weil Sie sich keinerlei Mühe geben, es hervortreten und leuchten zu lassen. Ich möchte Sie erzählen hören. Haben Sie noch Eltern, und haben Sie Geschwister? Von Ihnen vermutet man, wenn man Sie bloß erblickt, daß Sie bedeutende Menschen zu Geschwistern haben müssen. Sie selbst aber hält man und muß man für unbedeutend halten. Wie kommt das? Man fühlt sich Ihnen gegenüber leicht als Überlegener. Und doch, wenn man sich mit Ihnen eingelassen hat, sieht man, daß man einen jener Fehler begangen hat, der deshalb vorkam, weil man es mit einem durchaus gelassenen Menschen zu tun gehabt hat, der es nur verschmähte, sich in Position zu werfen, und nicht wollte besser und gefährlicher aussehen, als er ist. Sie sehen wenig interessant und noch weniger gefährlich aus, und die Frauen, das ist so ein Gemengsel von Zartheitsbedürfnis und Lust an der rohen Gefahr, die sie beständig bedrohen soll. Sie nehmen natürlich nicht übel, was ich Ihnen soeben gesagt habe, denn Sie nehmen nichts übel. Man weiß nicht, wie man mit Ihnen dran ist. Möchten Sie mir erzählen, ich bin so gespannt darauf! Wissen Sie, ich möchte gerne Ihre Vertraute sein, wenn auch nur für eine Stunde, meinetwegen in der Einbildung bloß. Als ich oben war, eben vorhin, hatte ich einen solchen Drang darnach, zu Ihnen hinunterzueilen, als wären Sie gar eine Persönlichkeit von Belang, die man unter keinen Umständen warten lassen darf, vor der man froh sein muß, in Gnade und in einiger herablassender Achtung zu stehen. Und sitzt da einer, dessen Wangen höher glühen, wenn ich daher zu springen komme! Welch eine Verwechslung, aber ist es nicht seltsam? So, jetzt will ich still sitzen und Ihnen zuhören.« –
Simon erzählte:
»Ich heiße Tanner, Simon Tanner, und habe vier Geschwister, von denen ich der Jüngste bin und derjenige, der zu den wenigsten Hoffnungen berechtigt. Ein Bruder ist Maler, der lebt in Paris, und er lebt dort stiller und zurückgezogener als in einem Dorf; denn er malt. Jetzt muß er sich schon ein wenig verändert haben, es ist über ein Jahr her, daß ich ihn zuletzt gesehen habe, aber ich denke, wenn Sie ihm begegnen würden, bekämen Sie den Eindruck von einem bedeutenden und in sich abgeschlossenen Menschen. Es ist nicht ohne Gefahr, mit ihm zu tun zu haben, er bestrickt, und das in einer Weise, daß man um seinetwillen Torheiten begehen kann. Er ist ganz und gar Künstler, und wenn ich, sein Bruder, etwas von der Kunst verstehe, so ist er daran schuld, nicht mein Verständnis, das sich nur, angezogen von ihm, einigermaßen entfalten konnte. Ich glaube, er trägt jetzt lange Locken, aber die Locken stehen ihm so natürlich, wie einem Offizier der kurzgeschorene Kopf, man findet es nicht auffällig. Unter den Menschen verschwindet er, und er begehrt auch, unter ihnen zu verschwinden, um ruhig arbeiten zu können. Früher einmal hat er mir in einem Briefe etwas von einem Adler geschrieben, der seine Schwingen breite über Felsenkanten und der sich über Abgründen am wohlsten fühle, und ein anderes Mal schrieb er mir, der Mensch und Künstler müsse arbeiten, wie ein Pferd, umsinken sei noch gar nichts, umsinken müsse er und sogleich wieder aufstehen und frisch ans Werk gehen. Er war damals noch ein Knabe, und jetzt malt er Bilder. Wenn er nicht mehr wird malen können, wird er auch kaum noch leben. Er heißt Kaspar und ist als Schulknabe in der Schule und im elterlichen Hause fortwährend für einen faulen Bengel angesehen worden, glauben Sie das nur, und nur deshalb, weil sein ganzes Wesen ein gelassenes und mildes war. Er wurde früh aus der Schule genommen, weil er darin nicht reüssierte, und mußte Schachteln und Kisten herumschleppen, und dann kam er aus der Heimat fort und lernte dort draußen, den Menschen die Achtung, die er verdiente, abzunötigen. Das ist einer meiner Brüder, ein anderer heißt Klaus. Dieser ist der Älteste, und ich halte ihn für den besten und bedachtsamsten Menschen auf der Welt. Die Nachsicht, das Bedenkentragen und das Nachdenken schauen ihm zu den Augen heraus. Er ist ein tüchtiger Mensch, so tüchtig, daß niemand jemals hinter seine bescheidene, verborgene Tüchtigkeit kommen wird. Er hat uns Jüngere aufwachsen und uns unsern Begierden und Leidenschaften nachhängen sehen, er hat geschwiegen dazu und gewartet, bisweilen ein Wort der Sorge und des Rates gesprochen, aber er hat immerfort eingesehen, daß jeder seinen eigenen Weg gehen muß, er hat nur Schlimmes zu verhüten gesucht, und das Gute an einem hat er stets mit sonderbarem Scharfblick herausgefunden. Dieser Bruder macht sich wegen mir stille Sorgen, ich weiß das ganz genau; denn er liebt mich, er liebt überhaupt die Menschen und hat eine sonderbar schüchterne Achtung vor ihnen, die wir Jüngere nicht besitzen. Obschon er eine bedeutende Stellung in der Gelehrtenwelt einnimmt, bin ich doch überzeugt, daß nur seine Gewissenhaftigkeit, die immer mit Schüchternheit verbunden ist, daran schuld ist, daß er eine nicht noch höhere bekleidet; denn er verdiente die höchste und verantwortungsreichste. Nun habe ich noch einen dritten Bruder, der nur unglücklich ist, weiter nichts, und der nur noch das ist, was die Erinnerung von ihm an seine früheren Tage einem erzählen kann. Er ist im Irrenhaus. – Sollte ich das vielleicht vor Ihnen nicht offen haben heraussagen dürfen? Sie haben sicher ein Interesse daran, wenn Sie nun schon dasitzen und mir mit so aufmerksam lauschendem Ohr zuhören, alles der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht wahr! Sie nicken und sagen mir damit, daß ich Sie schon ziemlich kenne, wenn ich den Mut habe, von Ihnen anzunehmen, daß Sie eine tapfere und zugleich herzensgütige Frau sind. Hören Sie weiter. Dieser unglückliche Bruder war wohl, ich darf es ruhig sagen, das Ideal eines jungen schönen Mannes, und Talente besaß er, die eher in das galante, zierliche achtzehnte Jahrhundert hineingepaßt haben würden, als in unsere Zeit mit den viel härteren und trockneren Anforderungen. Lassen Sie mich über sein Unglück schweigen; denn erstens würde ich Sie damit verstimmen, und zweitens und drittens und meinetwegen auch sechstens schickt es sich nicht, die Falten des Unglücks auseinander zu ziehen, alle Feierlichkeit wegzunehmen, alle schöne, verschleierte Trauer, die nur dann ist, wenn man schweigt über solches. Ich habe Ihnen nun leise und skizzenhaft meine Brüder gezeigt, es tritt jetzt ein Mädchen auf, eine einsame, in einem Dörfchen mit Strohdächern vergrabene Schullehrerin, meine Schwester Hedwig. Möchten Sie sie kennen lernen? Sie würden mit Ihrer ganzen Empfindung Freude an dem Mädchen haben. Es gibt kein stolzeres Geschöpf als sie auf der Erde. Ich lebte drei volle Monate lang als Müßiggänger bei ihr auf dem Lande, sie hat geweint, als ich ankam und mich ausgelacht, als ich, mit dem Reisekoffer in der Hand, zärtlich Abschied nehmen wollte. Fortgejagt hat sie mich und mir zugleich einen Kuß gegeben. Sie hat mir gesagt, daß sie für mich nur eine leise, nicht abzuwehrende Verachtung hege, aber sie hat es so schön gesagt, daß ich mich wie geliebkost geglaubt habe. Denken Sie, sie hat mich bei ihr geduldet, als ich zu ihr kam, bettelhafter und frecher als ein aufdringlicher Landstreicher, der sich nur seiner Schwester einmal erinnerte, weil er dachte: »da kannst du hingehen, bis du wieder auf zwei Füßen stehst«. – Aber wir haben die drei Monate hindurch wie in einem heiteren Lustgarten voll Laubengänge zusammen gelebt. So etwas kann man niemals vergessen. Wenn ich ausging und im Walde spazierte und nicht wußte vor Trägheit, ob ich mich am Kinn oder hinter den Ohren kratzen sollte, träumte ich von ihr, nur von ihr, als von dem Nächsten und dem Fernsten zugleich. Sie war mir fern aus Ehrfurcht und nahe aus Liebe. Sie war so stolz, wissen Sie, daß sie mich niemals fühlen ließ, wie lumpig ich ihr vorkommen mußte. Sie hat sich nur gefreut, als ich mich bei ihr wohlgefühlt und eingenistet hatte. Das dauerte bis zu der letzten Stunde, den Abschied schnitt sie mir einfach vom Munde weg, in dem Vorausgefühl, daß ich nur Kränkendes und Dummes sagen würde. Als ich, schon weggegangen, hinter mich den Hügel herabblickte, sah ich sie mir mit der Hand nachwinken, so freundlich und einfach, als ginge ich nur bis zum nächsten Dorfschuhmacher und käme nach einer Stunde wieder zurück. Und doch wußte sie, daß sie allein in der Verlassenheit zurückbleiben und die Aufgabe vorfinden würde, sich eines Gesellschafters zu entwöhnen, was immerhin eine Aufgabe und ein Stück innerlicher Arbeit war. Wir haben uns, wenn wir abends zusammensaßen, das Leben erzählt und haben die Flügel der Kindheit wieder rauschen hören, wie das Kleid unserer Mutter auf dem Zimmerboden rauschte, wenn sie den Kindern entgegenkam. Meine Mutter und meine Schwester Hedwig ergeben in meinem Kopf immer ein innig verbundenes und zusammengewobenes Bild. Hedwig hat die Mutter, als diese krank wurde, besorgt und gepflegt, wie man ein kleines Kind pflegen muß. Denken Sie: ein Kind sieht seine Mutter zum Kinde werden und wird Mutter an der Mutter. Welche seltsame Verschiebung der Gefühle. Meine Mutter war eine hochgeachtete Frau, und die Hochachtung, die man ihr allgemein entgegenbrachte, war rein und kam aus dem Herzen heraus. Sie hat immer den Eindruck des Ländlichen und zugleich Vornehmen gemacht. Demutvoll und zugleich abweisend, wußte sie jeden Ungehorsam und jede Lieblosigkeit zu dämpfen. Der Ausdruck ihres Gesichts bat und gebot zu gleicher Zeit. Wie scharten sich die Damen in unserer Stadt um sie, und wenn sie spazieren ging, wie viele Herrenhüte wurden vor ihr gelüftet. Dann, als sie krank wurde, fiel sie in Vergessenheit und wurde der Gegenstand der Sorge und der Scham. Man schämt sich eben kranker Familienglieder wegen und ist beinahe zornig, wenn man der Tage gedenkt, wo man die Gesunde und ringsumher Achtunggebietende gesehen hat. Kurz vor ihrem Tode, ich war damals vierzehn Jahre alt, schrieb sie eines Mittags einen Brief: »Mein lieber Sohn!« Aber glauben Sie, sie wäre mit ihrer wunderlich-schlanken Handschrift weiter gekommen als über die Anrede hinaus? Nein, sie lächelte müde und irr, murmelte etwas und war gezwungen, die Feder wieder wegzulegen. Da saß sie, da lag der angefangene Sohnesbrief, da die Feder, die Sonne schien draußen, und ich beobachtete das alles. Eines Nachts dann klopfte Hedwig an meiner Kammertüre: ich solle aufstehen, Mutter sei gestorben! Ein dünner Lichtstrahl fiel durch die Türritze zu mir hinein, während ich zum Bett hinaussprang. Meine Mutter war als Mädchen unglücklich und schlecht bestellt gewesen. Sie kam aus dem abgelegenen Gebirge zu ihrer Schwester, meiner Tante, in die Stadt, wo sie beinahe Magdsdienste verrichten mußte. Als Kind ging sie einen weiten, tief mit Schnee bedeckten Weg in die Schule, und ihre Schulaufgaben machte sie in einer kleinen Stube, bei einem armseligen Lichtstümpfchen, daß ihr die Augen weh taten, weil sie die Buchstaben im Buch kaum lesen konnte. Ihre Eltern waren nicht gut zu ihr, so lernte sie früh die Schwermut kennen und stand, als sie Mädchen war, eines Tages an ein Brückengeländer angelehnt und dachte darüber nach, ob es nicht besser wäre, in den Fluß hinab zu springen. Man muß sie vernachlässigt, hin und her geschoben und auf diese Art mißhandelt haben. Als ich als Knabe einmal von ihrer bösen Jugend hörte, schoß mir der Zorn ins Gesicht, ich bebte vor Empörung und haßte von nun an die unbekannten Gestalten meiner Großeltern. Für uns Kinder hatte die Mutter, als sie noch gesund war, etwas beinahe Majestätisches, vor dem wir uns fürchteten und zurückscheuten; als sie krank im Geist wurde, bemitleideten wir sie. Es war ein toller Sprung, so von der ängstlichen, geheimnisvollen Ehrfurcht ins Mitleid überspringen zu müssen. Was dazwischen lag: die Zärtlichkeit und Vertraulichkeit zu ihr, war uns unbekannt geblieben. So kam es, daß unser Mitleid mit einem unsäglichen Bedauern über das Nie-Empfundene stark gemischt wurde, was uns dann eigentlich sie um so inniger bemitleiden ließ. Alle Flegeleien fielen mir wieder ein und alles unehrerbietige Betragen, und dann die Stimme der Mutter, mit der sie einen schon aus der Entfernung strafte, so daß die nachher erfolgende, handliche und wirkliche Abstrafung nur noch süßes, lächerliches Zuckerzeug dagegen war. Sie hat solch eine Stimme anzuschlagen gewußt, die einen im Nu den begangenen Fehler bereuen und einen wünschen ließ, die heftig Gekränkte so schnell wie nur möglich wieder besänftigt zu sehen. Ihre Sanftheit hatte etwas wunderbar Sanftes für uns, es war ein Geschenk; denn wir sahen es selten. Gereizt und allzu empfindlich war meine Mutter immer. Unsern Vater fürchteten wir alle lange nicht so, wie die Mutter, wir fürchteten nur immer, daß er etwas gesagt oder getan haben mochte, worüber Mutter in Zorn geraten konnte. Er war ihr gegenüber machtlos, eine Natur, die das Energische nicht so sehr liebte wie das Sich-wohl-sein-lassen. Als munterer Gesellschafter war er gerne gesehen, aber zu schweren Geschäften war er nicht der Mann. Jetzt ist er achtzig Jahre alt, und wenn er sterben wird, so stirbt ein Stück Stadtgeschichte mit ihm; die alten Leute werden ihren Kopf bedenklicher und müder schütteln, wenn sie den alten Mann nicht mehr sehen seinen Geschäften nachgehen, was er immer noch, und mit ziemlich rüstigen Beinen, tut. In seiner Jugend war er ein ziemlich wilder Geselle gewesen, den das Stadtleben allmählich abschliff, aber auch zum Wohlleben verführte. Beide Eltern, Mutter sowohl wie Vater, kamen aus rauhen, stillen Gebirgsgegenden her, in eine Stadt, die schon damals ihrer Großzügigkeit und Lebensfreude wegen im ganzen Lande einen gemischten Ruhm genoß. Die Industrie blühte damals wie eine feurige Pflanze auf und gestattete ein leichtes, gedankenloses Leben, viel Geld wurde verdient, viel ausgegeben. Wenn in der Woche fünf bis sechs Tage gearbeitet wurde, so galt das als fleißiges Wesen. Der Arbeiter lag tagelang am sonnigen Flußufer und angelte Fische, wenn er nichts Schlimmeres trieb. Sobald er Geld nötig hatte, zum Weiterleben, arbeitete er ein paar Tage und verdiente soviel, daß er wieder müßig gehen konnte. Der Handwerker verdiente vom Arbeiter, denn wenn die armen Leute Geld haben, so kann es den Wohlhabenden um so weniger fehlen. Die Stadt schien in einer Nacht zehntausend Einwohner mehr bekommen zu haben, alles strömte aus dem umliegenden Lande herbei, in die Häuser, die schon besetzt und bewohnt wurden, sobald sie nur äußerlich das fertige Aussehen hatten, mochten sie innen feucht und schmutzig sein, so viel sie wollten. Die Bauunternehmer hatten eine prachtvolle Zeit, sie brauchten nur immer bauen zu lassen, und sie taten es so liederlich, als es nur anging. Die Fabrikanten ritten zu Pferd und ihre Damen fuhren in Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. An Festtagen tat sich die Stadt, wie keine andere, hervor und entfaltete bei solcher Gelegenheit alles, was ihr zu Gebote stand, um sich überall als die beste Feststadt rühmen zu lassen. Die Kaufleute konnten unter solchen Umständen nicht klagen, die Schulkinder ebensowenig, nur einige Einsichtsvolle, die nicht den Mut fanden, sich auf dem schwankenden, rosenbestreuten Boden der Lust und Oberflächlichkeit mit fortzubewegen. In solche Verhältnisse hinein kamen meine Eltern, Mutter mit ihrer empfindlichen Reizbarkeit und mit ihrem Sinn für das Einfach-Vornehme, und Vater mit seinem Anpassungstalent an alles Bestehende. Für Kinder ist eine jede Gegend lieblich und reizvoll, aber diese, die uns empfing, war ihrer Lage nach für Kinder, die gerne Schlupfwinkel, wie Felsen, Höhlen, Flüsseufer, Weiden, Niederungen, Schluchten und Waldstürze zu ihren Spielen haben, wie geschaffen. So genoß man die ganze Gegend spielend und Spiele erfindend, bis man aus der Schule kam. Ich wurde, als die Mutter starb, in eine Bank als Lehrling gegeben. Im ersten Jahr hielt ich mich vortrefflich; denn das Neue, das mir begegnete in dieser Welt, jagte mir Furcht und Scheu ein. Das zweite Jahr sah mich als Muster-Lehrling, aber im dritten Lehrjahr jagte mich der Direktor in Forma zum Teufel und behielt mich nur gnadenshalber aus Rücksicht auf meinen Vater, dem er seit vielen Jahren ein guter Bekannter war. Ich war unlustig geworden zu jeder Arbeit und frech zu den Vorgesetzten, die ich nicht für würdig befand, mir Befehle zu erteilen. Es war etwas mir jetzt Unbegreifliches in mir. Ich besinne mich, daß mir alles, jedes Möbel, jeder Gegenstand, jedes Wort weh tat. Ich war so scheu geworden, daß es Zeit war, mich fortzuschicken, und man tat es. Man suchte mir eine Stelle in einer entfernten Stadt, nur um mich loszuwerden, mit dem doch nichts anzufangen war. So kam ich fort. – Aber jetzt will ich nicht mehr an all das Frühere denken, auch nicht mehr sprechen davon. Es ist etwas Wunderbares, der frühen Jugend entronnen zu sein; denn sie ist nicht das gar nur Schöne, Liebliche und Leichte, sondern oft schwerer und gedankenvoller als manches alten Mannes Leben. Je mehr man gelebt hat, desto sanfter lebt man. Wer heftig in der Jugend gelebt hat, der mag sich später nur noch selten, am liebsten nie mehr wieder heftig gebärden. Wenn ich so denke, wie wir Kinder, immer eines dem andern nach, so durch mußten, durch den Irrtum und durch die jähe, schnelle Empfindung hindurch, und daß das alle Kinder der Erde müssen, mit so viel jugendlicher Gefahr, so möchte ich die Kindheit nicht so voreilig als etwas Süßes preisen, und doch preisen; denn sie ist doch eine kostbare Erinnerung. Wie schwer wird es oft Eltern gemacht, gute und behütende Eltern zu sein; und ein artiges, folgsames Kind zu sein, das ist für die meisten Kinder nur eine billige, oberflächliche Phrase. Sie wissen das übrigens besser; denn Sie sind eine Frau. Was mich betrifft, so bin ich bis jetzt noch der untüchtigste aller Menschen geblieben. Ich besitze nicht einmal einen Anzug am Leibe, der von mir aussagen könnte, daß ich einigermaßen mein Leben geordnet hätte. Sie erblicken nichts an mir, das auf eine bestimmte Wahl im Leben hindeutete. Ich stehe noch immer vor der Türe des Lebens, klopfe und klopfe, allerdings mit wenig Ungestüm, und horche nur gespannt, ob jemand komme, der mir den Riegel zurückschieben möchte. So ein Riegel ist etwas schwer, und es kommt nicht gern jemand, wenn er die Empfindung hat, daß es ein Bettler ist, der draußen steht und anklopft. Ich bin nichts als ein Horchender und Wartender, als solcher allerdings vollendet, denn ich habe es gelernt, zu träumen, während ich warte. Das geht Hand in Hand, und tut wohl, und man bleibt dabei anständig. Ob ich meinen Beruf etwa verfehlt habe, darnach frage ich mich nicht mehr, das fragt sich der Jüngling, aber der Mann nicht. Ich wäre mit jedem Beruf so weit gekommen, wie ich jetzt bin. Was kümmert mich das! Ich bin mir meiner Tugenden und Schwächen bewußt und verhüte es, mit der Tugend sowohl, als mit der Schwäche zu prahlen. Ich biete einem jeden mein Wissen, meine Kraft, meine Gedanken, meine Leistungen und meine Liebe an, wenn er einen Gebrauch davon machen kann. Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der vielleicht in einem solchen Falle heranhumpeln würde, ich aber springe, sehen Sie, so wie der Wind pfeift, und überschlage und trete achtlos auf alle Erinnerungen, nur um noch ungehinderter laufen zu können. Die ganze Welt saust mit, das ganze Leben! So ist es schön. Nur so! Nichts in der Welt ist mein, aber ich sehne mich auch nach nichts mehr. Ich kenne keine Sehnsucht mehr. Als ich noch eine bestimmte Sehnsucht trug, waren mir die Menschen gleichgültig und hinderlich, und ich verabscheute sie bisweilen, jetzt liebe ich sie, weil ich sie brauche und weil ich mich zum Verbrauchen ihnen anbiete. Dazu ist man da. Es kommt einer und sagt zu mir: »Du da! Komm! Ich brauche dich. Ich kann dir Arbeit geben!« Der macht mich glücklich. Dann weiß ich, was Glück ist! Glück und Schmerz sind vollständig verändert, sie sind mir deutlicher und ersichtlicher geworden, sie erklären sich mir, sie gestatten mir, in Liebe und Weh mit ihnen zu buhlen, um sie zu werben. Wenn ich jemandem eine Dienst-Offerte einzureichen habe, so weise ich immer auf meine Brüder und deute an, daß, wenn diese sich als nützliche und schaffensfreudige Menschen erwiesen haben, ich vielleicht auch noch zu gebrauchen sei, worüber ich jedesmal lachen muß. Es ist mir keineswegs bange, daß aus mir nicht auch noch eine Form wird, aber mich endgültig formen möchte ich so spät als nur möglich. Und dann sollte das besser von selber, ohne, daß man es gerade beabsichtigte, kommen. Nun habe ich mir vorläufig ein paar grobe, breite Schuhe anmessen lassen, um fester aufzutreten und den Menschen schon mit meinen Schritten zeigen zu können, daß ich einer bin, der etwas will und wahrscheinlich auch etwas kann. Erprobt zu werden, das ist mir eine Lust! Kaum eine höhere kenne ich. Daß ich augenblicklich arm bin, was heißt das? Das will gar nichts heißen, das ist nur eine kleine Verzeichnung in der äußeren Komposition, der mit ein paar energischen Strichen abgeholfen werden kann. Es setzt höchstens einen gesunden Menschen in Verlegenheit, in einigen Kummer vielleicht, aber in keine Aufregung. Sie lachen. Nein? Sie wollen nicht gelacht haben? Dann wäre es schade; denn Ihr Lachen ist etwas Schönes. Eine Zeitlang war es immer mein Gedanke, unter die Soldaten zu gehen, aber ich traue diesem romantischen Gedanken nicht mehr recht. Warum nicht bleiben, wo man ist! Kann sich mir hier im Lande etwa keine Gelegenheit bieten, wenn ich Gelegenheit haben will, unterzugehen? Ich kann hier einen würdigeren Anlaß finden, meine Gesundheit, Kraft und Lebenslust aufs Spiel zu setzen. Zunächst bin ich meiner Gesundheit froh, der Lust, meine Beine und Arme nach Belieben zu gebrauchen, dann meines Geistes, der mir immer noch sehr munter erscheint, dann endlich des aufreizenden Bewußtseins, daß ich der Welt gegenüber als tief belasteter Schuldner dastehe, der alle Ursache hat, den Atem endlich anzuspannen, um sich in der Liebe der Welt hinaufzuarbeiten. Ich bin gern Schuldner! Wenn ich mir sagen müßte, daß mich die Menschen gekränkt hätten, das wäre trostlos für mich. Da müßte ich mich ja in Stumpfheit und Abneigung und Bitternis versteifen. Nein, die Sache steht anders, sie steht glänzend, wie sie glänzender für einen angehenden Mann nicht stehen kann: ich, ich bin es, der die Welt gekränkt hat. Sie steht mir gegenüber wie eine erzürnte, beleidigte Mutter: wundervolles Antlitz, in das ich vernarrt bin: das Antlitz der Sühne fordernden, mütterlichen Erde! Ich zahle ab, was ich vernachlässigt, verspielt, verträumt, versäumt und verbrochen habe. Ich werde die Beleidigte zufriedenstellen und meinen Geschwistern dann einmal, einer schönen, traulichen Abendstunde erzählen, wie ich es gemacht habe, daß es gekommen ist, daß ich den Kopf so hoch trage. Es kann Jahre dauern, aber eine Arbeit ist mir nur um so viel entzückender, je längere und je schwerere Anspannung der Kräfte sie fordert. Jetzt kennen Sie mich einigermaßen.«
Die Dame küßte ihn.
»Nein,« sagte sie, »Sie werden nicht untersinken. Sonst, wenn das geschähe, wäre es schade, schade für Sie. Sie dürfen niemals wieder so verbrecherisch, so sündhaft über Sie selber aburteilen. Sie achten sich zu wenig und andere zu hoch. Ich will Sie davor behüten, gegen sich selber so allzustreng vorzugehen. Wissen Sie, was Ihnen fehlt? Sie müssen es eine Zeitlang ein bißchen wieder gut haben. Sie müssen in ein Ohr hineinflüstern und Zärtlichkeiten erwidern lernen. Sie werden sonst zu zart. Ich will Sie lehren; das alles, was Ihnen fehlt, will ich Sie lehren. Kommen Sie. Wir gehen hinaus in die Winternacht. In den brausenden Wald. Ich muß Ihnen so viel sagen. Wissen Sie, daß ich Ihre arme, glückliche Gefangene bin? Kein Wort mehr, kein Wort mehr. Kommen Sie nur.« –
Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.
[Anmerkungen zur Transkription:]
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.
- [Seite 2]:
das so hübsch sprach einen guten Eindruck auf ihn
das so hübsch sprach, einen guten Eindruck auf ihn - [Seite 3]:
von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn sie gedenken,
von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn Sie gedenken, - [Seite 14]:
Gewiß, mein Herr.«
»Gewiß, mein Herr.« - [Seite 21]:
geht wohl nicht gut. Wieviel kostet es?
geht wohl nicht gut. Wieviel kostet es?« - [Seite 31]:
nicht empfinden, er stört mich.
nicht empfinden, er stört mich.« - [Seite 35]:
ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre, es auch, um
ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um - [Seite 41]:
lebendig werden zu wollen und den Lorber, den sie in
lebendig werden zu wollen und den Lorbeer, den sie in - [Seite 48]:
schon: hinhorchen uud beinahe das eigene Horchen
schon: hinhorchen und beinahe das eigene Horchen - [Seite 57]:
bescheidene und meine Kulter eine delikatere, denn ich
bescheidene und meine Kultur eine delikatere, denn ich - [Seite 58]:
»Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem
Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem - [Seite 60]:
setzte sich mit der größen Freude neben ihn nieder, auf
setzte sich mit der größten Freude neben ihn nieder, auf - [Seite 63]:
Rede redetete sich solch eine Seele ja so leicht in eine
Rede redete sich solch eine Seele ja so leicht in eine - [Seite 63]:
in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennnoch
in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennoch - [Seite 79]:
Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars,
»Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, - [Seite 84]:
sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zukungen
sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen - [Seite 85]:
Ich sehe die Fische schwimmmen. Ich bin ganz still, ich
Ich sehe die Fische schwimmen. Ich bin ganz still, ich - [Seite 98]:
und paßte besser auf seine Schritte auf; dem er stieß
und paßte besser auf seine Schritte auf; denn er stieß - [Seite 112]:
wollte, kränkte es sie, und wenn man ihre Vorwürfe
wollte, kränkte es sie, und wenn man ihr Vorwürfe - [Seite 117]:
käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahrene
käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahren, - [Seite 126]:
Bettstelle wurde auf einem breitem Schlitten in der Nacht
Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht - [Seite 127]:
sowie Lustbarkeiten fröhlich miteiander.
sowie Lustbarkeiten fröhlich miteinander. - [Seite 172]:
In der Tat, er ließ die Häfte davon stehen,
In der Tat, er ließ die Hälfte davon stehen, - [Seite 180]:
sagte die Fau.
sagte die Frau. - [Seite 181]:
man begangen hat; und Simon nahm sich im stillen vor,
man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor, - [Seite 214]:
Tränen der Widersehensfreude weinen werden. Es wird
Tränen der Wiedersehensfreude weinen werden. Es wird - [Seite 215]:
aus der er schließlich erwachte.«
aus der er schließlich erwachte. - [Seite 219]:
haben. Es war der Wagen, den diese herumziehendie
haben. Es war der Wagen, den diese herumziehenden - [Seite 240]:
Karrossen rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn
Karossen rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn - [Seite 248]:
haben muße. Einer riß beständig Witze, es war
haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war - [Seite 266]:
acht-, ein-, zwei- oder vierzehntätige Anstellung gefunden.
acht-, ein-, zwei- oder vierzehntägige Anstellung gefunden. - [Seite 272]:
die ich mir verbunden wissen will, Geld auf Dahrlehn
die ich mir verbunden wissen will, Geld auf Darlehn - [Seite 288]:
im, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem
ihm, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem - [Seite 289]:
Ihnen dann der Spaß verleien müßte. Ziehen Sie sich
Ihnen dann der Spaß verleiden müßte. Ziehen Sie sich - [Seite 298]:
um zu fragen, was er wünsche Aber es kam
um zu fragen, was er wünsche. Aber es kam - [Seite 298]:
Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte
»Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte - [Seite 302]:
einem ganz jungen, scheinbar etwas vorkommenen Menschen,
einem ganz jungen, scheinbar etwas verkommenen Menschen, - [Seite 304]:
sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke
sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke, - [Seite 309]:
lieber gar nichts, nicht war! Sie nicken und sagen mir
lieber gar nichts, nicht wahr! Sie nicken und sagen mir - [Seite 314]:
die Nase dazu rümpfte. Am Festtagen tat sich die Stadt,
die Nase dazu rümpfte. An Festtagen tat sich die Stadt, - [Seite 317]:
machen kann Streckt er den Finger aus und winkt
machen kann. Streckt er den Finger aus und winkt