»Soll ich Ihnen, trotzdem Sie es eigentlich nicht verdient haben, ein Zeugnis ausstellen?«

»Ein Zeugnis? Nein, stellen Sie mir keines aus. Wenn ich kein Zeugnis, als höchstens ein schlechtes verdient habe, will ich gar keines. Ich selbst stelle mir von jetzt an meine Zeugnisse aus. Ich will mich von nun an nur noch auf mich selbst berufen, wenn jemand nach meinen Zeugnissen fragt, das wird bei vernünftigen, klarblickenden Menschen den allerbesten Eindruck hervorrufen. Ich freue mich, zeugnislos von Ihnen wegzugehen, denn ein Zeugnis von Ihnen würde mich nur an meine eigene Feigheit und Furcht erinnern, an einen Zustand der Trägheit und Kraftentäußerung, an die Zeit der nutzlos dahingelebten Tage, an die Nachmittage voll wütender Befreiungsversuche, an die Abende der schönen, aber zwecklosen Sehnsucht. Ich danke Ihnen, daß Sie die Absicht hatten, mich in freundlicher Weise zu entlassen, das zeigt mir, daß ich einem Manne gegenübergestanden bin, der vielleicht einiges von dem, was ich sprach, begriffen hat.«

»Junger Mann, Sie sind viel zu heftig,« sprach der Direktor, »Sie untergraben sich Ihre Zukunft!«

»Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart haben. Das erscheint mir wertvoller. Eine Zukunft hat man nur, wenn man keine Gegenwart hat, und hat man eine Gegenwart, so vergißt man, an eine Zukunft überhaupt nur zu denken.«

»Leben Sie wohl. Ich fürchte, Sie werden etwas Schlimmes erleben. Sie interessierten mich, deshalb habe ich Ihre Worte angehört. Sonst würde ich mit Ihnen nicht so viel Zeit verloren haben. Vielleicht haben Sie Ihren Beruf verfehlt, vielleicht wird etwas aus Ihnen. Lassen Sie es sich immerhin gut gehen.«

Mit einer Neigung des Kopfes war Simon entlassen, und er befand sich bald draußen auf der Straße. Vor einer Konditorei erblickte er einen Mann auf- und abgehen, wahrscheinlich in Erwartung von irgend jemandem, vielleicht einer Frau, was konnte er wissen. Aber der Mann erweckte sein Interesse. Es war, auf den ersten Blick, ein abschreckend häßlicher Mensch, mit einem ganz ungewöhnlich großen und gebogenen Schädel, einem Vollbart im Gesicht und etwas müdem, ja tierischem Ausdruck in den Augen. Sein Gang war geziert, aber edel, seine Kleidung fein und geschmackvoll. In der Hand trug er einen gelben Spazierstock; er schien ein Gelehrter zu sein, aber ein noch junger Gelehrter. Der ganze Mann, wie er sich bewegte, hatte etwas Sanftes, Herzenbewegendes. Es schien, daß man es wagen durfte, diesen Herrn ohne weiteres anzusprechen, und Simon tat es.

»Verzeihen Sie, mein Herr, Sie so ohne weiteres anzureden. Ich habe eine Vorliebe für Sie gewonnen, sowie ich Sie nur anblickte. Ich wünsche ihre Bekanntschaft zu machen. Sollte dieser lebhafte Wunsch nicht genügender Anlaß sein, um einen Menschen, wie Sie sind, auf offener Straße anzusprechen? Sie sehen so aus, als ob Sie jemand suchten, als ob Sie irgend jemanden vermuteten, der auf diesem Platze Sie erwartete. Es ist ein solches Gewimmel von Menschen hier, daß es schwer sein wird für Sie allein, die betreffende Person zu entdecken. Ich will Ihnen suchen helfen, wenn Sie das Vertrauen haben, mir mit einigen Merkmalen den Menschen zu schildern, zu dem es Sie hinzieht. Ist es eine Dame?«

»Es ist allerdings eine Dame,« erwiderte der Herr lächelnd.

»Wie sieht sie aus?«

»Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen. Große, schlanke Erscheinung. Große Augen, die, wenn Sie sie erblicken, Ihnen noch nachsehen, lange, lange, wenn es auch gar nicht der Fall ist. Um den Hals trägt sie eine Kette von großen, weißen Perlen, an den Ohren lange, herabhängende Ohrringe. Ihre Knöchel sind von goldenen, einfachen Reifen umschlossen. Ich meine die Knöchel der Hände; das Gesicht hat etwas Volles, Ovales, Üppiges. Sie werden es schon sehen. Um ihren Mund, obgleich man sich darin täuscht, spielt etwas Verschlossenes und Listiges, es ist ein etwas zugekniffener Mund. Übrigens trägt sie gern einen breiten Hut mit herabhängenden Federn. Der Hut scheint dem Kopf und dem Haar nur so angeflogen. Genügt Ihnen diese Beschreibung noch nicht, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß sie ein Windspiel bei sich an einer dünnen, schwarzen Leine führt. Sie geht nie aus ohne den Hund. Ich werde auf diesen Posten bleiben und Sie zurückerwarten. Ich bin Ihnen dankbar für Ihr Anerbieten, ganz abgesehen davon, daß Sie mich schon Ihrer Anrede halber lebhaft interessieren. Das Gewirr von Menschen wird wirklich immer größer. Es scheint hier ein Fest zu sein.«