Es scheint, daß das Institut Benjamenta früher mehr Ruf und Zuspruch genossen hat. An einer der vier Wände unseres Schulzimmers hängt eine große Photographie, auf der man die Abbildungen einer ganzen Anzahl Knaben eines früheren Schuljahrganges sehen kann. Unser Schulzimmer ist im übrigen sehr trocken ausstaffiert. Außer dem länglichen Tisch, einigen zehn bis zwölf Stühlen, einem großen Wandschrank, einem kleineren Nebentisch, einem kleineren zweiten Schrank, einem alten Reisekoffer und ein paar anderen geringfügigen Gegenständen enthält es kein Möbel. Über der Türe, die in die geheimnisvolle unbekannte Welt der innern Gemächer führt, hängt als Wandschmuck ein ziemlich langweilig aussehender Schutzmannssäbel mit dito quer darüber gelegtem Futteral. Darüber thront der Helm. Diese Dekoration mutet wie eine Zeichnung oder wie ein zierlicher Beweis der Vorschriften an, die hier gelten. Was mich betrifft, ich möchte diese wahrscheinlich bei einem alten Trödler erhandelten Schmuckstücke nicht geschenkt erhalten. Alle vierzehn Tage werden Säbel und Helm heruntergenommen, um geputzt zu werden, was eine sehr nette, obwohl sicher ganz stupide Arbeit genannt werden muß. Außer diesen Verzierungen hängen im Schulzimmer noch die Bilder des verstorbenen Kaiserpaares. Der alte Kaiser sieht unglaublich friedlich aus, und die Kaiserin hat etwas Schlicht-Mütterliches. Oft putzen und waschen wir Zöglinge das Schulzimmer mit Seife und Warmwasser aus, daß nachher alles von Sauberkeit duftet und glänzt. Alles müssen wir selber machen, und jeder von uns hat zu dieser Zimmermädchenarbeit eine Schürze umgebunden, in welchem an die Weiblichkeit gemahnenden Kleidungsstück wir alle ohne Ausnahme komisch aussehen. Aber es geht lustig zu an solchen Aufräumetagen. Der Fußboden wird fröhlich poliert, die Gegenstände, auch die der Küche, werden blank gerieben, wozu es Lappen und Putzpuder in Menge gibt, Tisch und Stühle werden mit Wasser überschüttet, Türklinken werden glänzend gemacht, Fensterscheiben angehaucht und abgeputzt, jeder hat seine kleine Aufgabe, jeder erledigt etwas. Wir erinnern an solchen Putz-, Reib- und Waschtagen an die märchenhaften Heinzelmännchen, die, wie es bekannt ist, alles Grobe und Mühselige aus reiner übernatürlicher Herzensgüte getan haben. Was wir Zöglinge tun, tun wir, weil wir müssen, aber warum wir müssen, das weiß keiner von uns recht. Wir gehorchen, ohne zu überlegen, was aus all dem gedankenlosen Gehorsam noch eines Tages wird, und wir schaffen, ohne zu denken, ob es recht und billig ist, daß wir Arbeiten verrichten müssen. An solch einem Putztag hat sich mir einmal Tremala, einer der Kameraden, der älteste unter uns allen, mit einem häßlichen Unfug genähert. Er stellte sich leise hinter mich und griff mir mit der abscheulichen Hand (Hände, die das tun, sind roh und abscheulich) nach dem intimen Glied, in der Absicht, mir eine widerliche, an den Kitzel eines Tieres grenzende Wohltat zu erweisen. Ich drehe mich jäh um und schlage den Verruchten zu Boden. Ich bin sonst gar nicht so stark. Tremala ist viel stärker. Aber der Zorn verlieh mir unwiderstehliche Kräfte. Tremala hebt sich empor und wirft sich auf mich, da geht die Türe auf, und Herr Benjamenta steht auf der Schwelle derselben. »Jakob, Schlingel!« ruft er, »Komm einmal her!« Ich trete zu meinem Vorsteher hin, und er frägt gar nicht, wer den Streit angefangen habe, sondern gibt mir einen Schlag an den Kopf und geht weg. Ich will ihm nachlaufen, um es ihm entgegenzubrüllen, wie ungerecht er ist, doch ich beherrsche mich, besinne mich, werfe einen Blick über die gesamte Knabenschar und gehe wieder an meine Arbeit. Mit Tremala rede ich seither kein Wort mehr, und auch er weicht mir stets aus, und er weiß warum. Aber ob es ihm leid tut oder dergleichen, das ist mir vollkommen gleichgültig. Die unzarte Angelegenheit ist schon längst, wie soll man sagen, vergessen. Tremala ist früher schon auf den Meerschiffen gewesen. Er ist ein verdorbener Mensch, und es scheint, er freut sich seiner schändlichen Anlagen. Übrigens ist er rasend ungebildet, daher interessiert er mich nicht. Verschmitzt und zugleich unglaublich dumm: wie uninteressant. Aber das Eine hat mir dieser Tremala zu erfahren gegeben: man muß auf alle möglichen Angriffe und Kränkungen stets ein wenig gefaßt sein.

Oft gehe ich aus, auf die Straße, und da meine ich, in einem ganz wild anmutenden Märchen zu leben. Welch ein Geschiebe und Gedränge, welch ein Rasseln und Prasseln. Welch ein Geschrei, Gestampf, Gesurr und Gesumme. Und alles so eng zusammengepfercht. Dicht neben den Rädern der Wagen gehen die Menschen, die Kinder, Mädchen, Männer und eleganten Frauen; Greise und Krüppel, und solche, die den Kopf verbunden haben, sieht man in der Menge. Und immer neue Züge von Menschen und Fuhrwerken. Die Wagen der elektrischen Trambahn sehen wie figurenvollgepfropfte Schachteln aus. Die Omnibusse humpeln wie große, ungeschlachte Käfer vorüber. Dann sind Wagen da, die wie fahrende Aussichtstürme aussehen. Menschen sitzen auf den hocherhobenen Sitzplätzen und fahren allem, was unten geht, springt und läuft über den Kopf weg. In die vorhandenen Mengen schieben sich neue, und es geht, kommt, erscheint und verläuft sich in einem fort. Pferde trampeln. Wundervolle Hüte mit Zierfedern nicken aus offenen, schnell vorbeifahrenden Herrschaftsdroschken. Ganz Europa sendet hierher seine Menschenexemplare. Vornehmes geht dicht neben Niedrigem und Schlechtem, die Leute gehen, man weiß nicht wohin, und da kommen sie wieder, und es sind ganz andere Menschen, und man weiß nicht, woher sie kommen. Man meint, es ein wenig erraten zu können und freut sich über die Mühe, die man sich gibt, es zu enträtseln. Und die Sonne blitzt noch auf dem allem. Dem einen beglänzt sie die Nase, dem andern die Fußspitze. Spitzen treten an Röcken zum glitzernden und sinnverwirrenden Vorschein. Hündchen fahren in Wagen, auf dem Schoß alter, vornehmer Frauen, spazieren. Brüste prallen einem entgegen, in Kleidern und Fassonen eingepreßte, weibliche Brüste. Und dann sind wieder die dummen vielen Zigarren in den vielen Schlitzen von männlichen Mundteilen. Und ungeahnte Straßen denkt man sich, unsichtbare neue und ebenso sehr menschenwimmelnde Gegenden. Abends zwischen sechs und acht wimmelt es am graziösesten und dichtesten. Zu dieser Zeit promeniert die beste Gesellschaft. Was ist man eigentlich in dieser Flut, in diesem bunten, nicht endenwollenden Strom von Menschen? Manchmal sind alle diese beweglichen Gesichter rötlich angezärtelt und gemalt von untergehenden Abendsonnengluten. Und wenn es grau ist und regnet? Dann gehen alle diese Figuren, und ich selber mit, wie Traumfiguren rasch unter dem trüben Flor dahin, etwas suchend, und wie es scheint, fast nie etwas Schönes und Rechtes findend. Es sucht hier alles, alles sehnt sich nach Reichtümern und fabelhaften Glücksgütern. Hastig geht man. Nein, sie beherrschen sich alle, aber die Hast, das Sehnen, die Qual und die Unruhe glänzen schimmernd zu den begehrlichen Augen heraus. Dann ist wieder alles ein Baden in der heißen, mittäglichen Sonne. Alles scheint zu schlafen, auch die Wagen, die Pferde, die Räder, die Geräusche. Und die Menschen blicken so verständnislos. Die hohen, scheinbar umstürzenden Häuser scheinen zu träumen. Mädchen eilen dahin, Pakete werden getragen. Man möchte sich jemandem an den Hals werfen. Komme ich heim, so sitzt Kraus da und spottet mich aus. Ich sage ihm, man müsse doch ein wenig die Welt kennen lernen. »Welt kennen lernen?« sagt er, wie in tiefe Gedanken versunken. Und er lächelt verächtlich.

Ungefähr vierzehn Tage nach meinem Eintritt in die Schule ist Hans in unsern Räumen erschienen. Hans ist der rechte Bauernjunge, wie er in Grimms Märchenbuch steht. Er kommt tief aus Mecklenburg, und er duftet nach blumigen üppigen Wiesen, nach Kuhstall und Bauernhof. Schlank, grob und knochig ist er, und er spricht eine wunderliche, gutmütig-bäuerische Sprache, die mir eigentlich gefällt, wenn ich mir Mühe gebe, die Nasenlöcher zuzuhalten. Nicht als ob Hans etwa übel dünste und dufte. Und doch tut man irgend welche empfindlichen Nasen zu, meinetwegen geistige, kulturelle, seelische Nasen, und ganz unwillkürlich, womit man den guten Hans auch gar nicht kränken will. Und er merkt so etwas ja gar nicht, dazu sieht, horcht und empfindet dieser Land-Mensch viel zu gesund und zu schlicht. Etwas wie die Erde selber und Erdrinnen- und Krümmungen tritt einem entgegen, wenn man sich in den Anblick dieses Burschen vertieft, aber zu vertiefen braucht man sich gar nicht. Hans fordert keinen gedankenvollen Tiefsinn heraus. Er ist mir nicht gleichgültig, durchaus nicht, aber, wie soll ich sagen, ein wenig fern und leicht. Man nimmt ihn ganz leicht, weil er nichts hat, das schwer zu ertragen wäre, weil es Empfindungen wachriefe. Der Grimmsche Märchenbauernjunge. Etwas Uralt-Deutsches und Angenehmes, verständlich und wesentlich auf den ersten, flüchtigen Blick. Sehr wert, dem Ding ein guter Kamerad zu sein. Hans wird im späteren Leben schwer arbeiten, ohne zu seufzen. Er wird Mühen und Sorgen und Mißgeschicke kaum recht wahrnehmen. Er strotzt ja von Kraft und Gesundheit. Und dazu ist er nicht unhübsch. Überhaupt: ich muß bald lachen über mich selber: ich finde an allem und in allem irgend etwas Geringfügig-Hübsches. Ich mag sie alle so gern leiden, meine Zöglinge da, die Schulkameraden.

Bin ich der geborne Großstädter? Sehr leicht möglich. Ich lasse mich fast nie betäuben oder überraschen. Etwas unsagbar Kühles ist trotz der Aufregungen, die mich überfallen können, an mir. Ich habe die Provinz in sechs Tagen abgestreift. Übrigens bin ich in einer allerdings ganz, ganz kleinen Weltstadt aufgewachsen. Ich habe Stadtwesen und -empfinden mit der mütterlichen Milch eingesogen. Ich sah als Kind johlende, betrunkene Arbeiter hin und her taumeln. Die Natur ist mir schon als ganz klein als etwas Himmlisch-Entferntes vorgekommen. So kann ich die Natur entbehren. Muß man denn nicht auch Gott entbehren? Das Gute, Reine und Hohe irgend, irgendwo versteckt in Nebeln zu wissen und es leise, ganz, ganz still zu verehren und anzubeten, mit gleichsam total kühler und schattenhafter Inbrunst: daran bin ich gewöhnt. Ich sah als Kind eines Tages einen im Blut schwimmenden, von zahlreichen Messerstichen durchbohrten wälschen Fabrikarbeiter an einer Mauer tot daliegen. Und ein anderes Mal, es war zu Ravachols Zeiten, hieß es unter der Jugend, es werden auch bei uns bald Bomben geschleudert werden usw. Alte Zeiten. Ich wollte von etwas ganz anderem sprechen, nämlich von Kamerad Peter, dem langen Peter. Dieser hochaufgeschossene Knabe ist zu drollig, er stammt aus Teplitz in Böhmen und kann slawisch und deutsch sprechen. Sein Vater ist Schutzmann, und Peter ist in einem Seilergeschäft kaufmännisch erzogen worden, er scheint aber den Unwissenden, Unbrauchbaren und Ungeratenen gespielt zu haben, was ich, ganz für mich, sehr niedlich finde. Er sagt, er rede auch ungarisch und polnisch, wenn es von ihm verlangt werde. Aber hier verlangt kein Mensch so etwas von ihm. Was für ausgedehnte Sprachenkenntnisse! Peter ist ganz entschieden der Dümmste und Unbeholfenste unter uns Eleven, und das belegt und bekränzt ihn in meinen unmaßgeblichen Augen mit Auszeichnungen, denn unglaublich lieb sind mir die Dummen. Ich hasse das alles verstehenwollende, mit Wissen und Witz glänzende, und sich breitmachende Wesen. Verschmitzte und gewitzigte Menschen sind mir ein unnennbarer Greuel. Wie nett ist doch gerade in diesem Punkt Peter. Schon, daß er so lang ist, zum Mittenentzweibrechen lang, ist schön, aber noch viel schöner ist die Gutherzigkeit, die ihm beständig einflüstert, er sei Kavalier und habe das Aussehen eines edlen und eleganten Verbummelten. Zum Kugeln ist das. Er redet immer von erlebten, aber sehr wahrscheinlich nicht erlebten Abenteuern. Nun, das ist wahr, Peter besitzt den feinsten und zierlichsten Spazierstock der Welt. Und nun zieht er stets los und geht in den belebtesten Straßen mit seinem Spazierstock spazieren. Ich traf ihn einmal in der F…straße. Die F…straße ist der entzückende Brennpunkt des hiesigen Großstadtweltlebens. Schon aus weiter Ferne winkte er mir mit Hand, Kopfnicken und Spazierstockschwenken. Dann, wie ich in seiner Nähe war, schaute er mich väterlich-sorgenvoll an, als hätte er sagen wollen: »Was, du auch hier? Jakob, Jakob, das ist noch nichts für dich.« – Und dann verabschiedete er sich wie einer der Großen dieses Erdenlebens, wie ein Weltblattredakteur, der die hochkostbare Zeit nicht zu verlieren hat. Und dann sah ich sein rundes dummes nettes Hütchen in der Menge anderer Köpfe und Hüte verschwinden. Er tauchte, wie man so sagt, in der Masse unter. Peter lernt absolut nichts, obgleich er es in so humorvoller Weise nötig hätte, und in das Institut Benjamenta ist er scheinbar nur deshalb eingetreten, um hier mit köstlichen Dummheiten zu glänzen. Vielleicht wird er hier sogar noch um wesentliche Portionen dümmer, als er war, und warum sollte sich seine Dummheit denn eigentlich nicht entfalten dürfen? Ich z. B. bin überzeugt, daß Peter im Leben unverschämt viel Erfolg davontragen wird, und seltsam: ich gönne es ihm. Ja, ich gehe noch weiter. Ich habe das Gefühl, und es ist ein sehr trostreiches, prickelndes und angenehmes, daß ich später einmal solch einen Herrn, Gebieter und Vorgesetzten bekommen werde, wie Peter einer sein wird, denn solche Dummen, wie er einer ist, sind zum Avancieren, Hochkommen, Wohlleben und Befehlen geschaffen, und solche in gewissem Sinn Gescheite, wie ich, sollen den guten Drang, den sie besitzen, im Dienst anderer blühen und entkräften lassen. Ich, ich werde etwas sehr Niedriges und Kleines sein. Die Empfindung, die mir das sagt, gleicht einer vollendeten, unantastbaren Tatsache. Mein Gott, und ich habe trotzdem so viel, so viel Mut, zu leben? Was ist mit mir? Oft habe ich ein wenig Angst vor mir, aber nicht lange. Nein, nein, ich vertraue mir. Aber ist das nicht geradezu komisch?

Für meinen Mitschüler Fuchs habe ich nur einen einzigen sprachlichen Ausdruck: Fuchs ist schräg, Fuchs ist schief. Er spricht wie ein mißlungener Purzelbaum und benimmt sich wie eine große, zu Menschenform zusammengeknetete Unwahrscheinlichkeit. Alles an ihm ist unsympathisch, daher unbeherzigenswert. Über Fuchs etwas zu wissen, das ist Mißbrauch, unfeiner, störender Überfluß. Man kennt solche Schlingel nur, um sie zu verachten; da man aber überhaupt nicht gern irgend etwas verächtlich finden will, vergißt oder übersieht man das Ding. Ein Ding, ja, das ist er. O Gott, muß ich heute böse reden? Fast möchte ich mich dafür hassen. Fort, zu irgend etwas Schönerem. – Herrn Benjamenta sehe ich sehr selten. Zuweilen trete ich in das Bureau ein, verbeuge mich bis zur Erde, sage »guten Tag, Herr Vorsteher« und frage den Herrscherähnlichen, ob ich ausgehen darf. »Hast du den Lebenslauf geschrieben? Wie?« werde ich gefragt. Ich antworte: »Noch nicht. Aber ich werde es tun.« Herr Benjamenta tritt auf mich zu, d. h. bis zum Schalter, an welchem ich stehe, und drückt mir die riesige Faust vor die Nase. »Du wirst pünktlich sein, Bursch, oder – – – du weißt, was es absetzt.« – Ich verstehe ihn, ich verbeuge mich wieder und verschwinde. Seltsam, wie viel Lust es mir bereitet, Gewaltausübende zu Zornesausbrüchen zu reizen. Sehne ich mich denn eigentlich danach, von diesem Herrn Benjamenta gezüchtigt zu werden? Leben in mir frivole Instinkte? Alles, alles, selbst das Niederträchtigste und Unwürdigste, ist möglich. Nun gut, bald werde ich den Lebenslauf ja schreiben. Ich finde Herrn Benjamenta geradezu schön. Ein herrlicher brauner Bart – was? Herrlicher brauner Bart? Ich bin ein Dummkopf. Nein, am Herrn Vorsteher ist nichts schön, nichts herrlich, aber man ahnt hinter diesem Menschen schwere Schicksalswege und -schläge, und dieses Menschliche ist es, dieses beinahe Göttliche ist es, was ihn schön macht. Wahre Menschen und Männer sind nie sichtbar schön. Ein Mann, der einen wirklich schönen Bart trägt, ist ein Opernsänger oder der gutbezahlte Abteilungschef eines Warenhauses. Scheinmänner sind in der Regel schön. Immerhin kann es auch Ausnahmen und männliche Schönheiten, erfüllt von Tüchtigkeit, geben. Herrn Benjamentas Gesicht und Hand (die ich schon zu spüren bekommen habe) haben Ähnlichkeit mit knorrigen Wurzeln, mit Wurzeln, die zu irgend einer traurigen Stunde schon irgendwelchen unbarmherzigen Beilhieben haben widerstehen müssen. Wäre ich eine Dame von Noblesse und Geist, ich wüßte Männer, wie diesen scheinbar so armseligen Institutsvorsteher, unbedingt auszuzeichnen, aber wie ich vermute, verkehrt Herr Benjamenta gar nicht in der Gesellschaft, die die Welt bedeutet. Er sitzt eigentlich immer zu Hause, er hält sich ohne Zweifel so auf eine Art im Verborgenen auf, er verkriecht sich »in der Einsamkeit«, und in der Tat, schauderhaft einsam muß dieser sicher edle und kluge Mann dahinleben. Irgend welche Ereignisse müssen auf diesen Charakter einen tiefen, vielleicht sogar vernichtenden Eindruck gemacht haben, aber was weiß man? Ein Eleve des Institutes Benjamenta, was, was kann ein solcher wissen? Aber ich forsche wenigstens immer. Um zu forschen, sonst um nichts anderen willen trete ich öfters in das Kontor und richte so läppische Fragen, wie die: »Darf ich ausgehen, Herr Vorsteher?« an den Mann. Ja, dieser Mensch hat es mir angetan, er interessiert mich. Auch die Lehrerin erweckt mein höchstes Interesse. Ja, und deshalb, um etwas herauszukriegen aus all diesem Geheimnisvollen, reize ich ihn, damit ihm etwas wie eine unvorsichtige Bemerkung entfahre. Was schadet es mir, wenn er mich schlägt? Mein Wunsch, Erfahrungen zu machen, wächst zu einer herrischen Leidenschaft heran, und der Schmerz, den mir der Unwille dieses seltsamen Mannes verursacht, ist nur klein gegen die bebende Begierde, ihn zu verleiten, sich ein wenig mir gegenüber auszusprechen. O ich träume davon, – herrlich, herrlich, – dieses Menschen hervorbrechendes Vertrauen zu besitzen. Nun, es wird noch lange dauern, aber ich glaube, ich glaube, ich bringe es fertig, in das Geheimnis der Benjamentas endlich noch einzudringen. Geheimnisse lassen einen unerträglichen Zauber vorausahnen, sie duften nach etwas ganz, ganz unsäglich Schönem. Wer weiß, wer weiß. Ah – – –.

Ich liebe den Lärm und die fortlaufende Bewegung der Großstadt. Was unaufhörlich fortläuft, zwingt zur Sitte. Dem Dieb z. B., wenn er all die regsamen Menschen sieht, muß unwillkürlich einfallen, was für ein Spitzbube er ist, nun, und der fröhlich-bewegliche Anblick kann Besserung in sein verfallenes, ruinenartiges Wesen schütten. Der Prahlhans wird vielleicht etwas bescheidener und nachdenklicher, wenn er all die Kräfte, die sich schaffend zeigen, erblickt, und der Unschickliche sagt sich möglicherweise, wenn ihm die Schmiegsamkeit der Vielen ins Auge fällt, er sei doch ein entsetzlicher Wicht, derart auf der Breitspurigkeit und Anmaßung dumm und eitel zu thronen. Die Großstadt erzieht, sie bildet, und zwar durch Beispiele, nicht durch trockene, den Büchern entnommene Lehrsätze. Es ist nichts Professorales da, und das schmeichelt, denn die aufgetürmte Wissenswürde entmutigt. Und dann ist hier noch so vieles, was fördert, hält und hilft. Man kann es kaum sagen. Wie schwer ist es, Feinem und Gutem lebendigen Ausdruck zu geben. Man ist hier dem bescheidenen Leben schon dankbar, man dankt immer ein wenig, indem es einen treibt, indem man es eilig hat. Wer Zeit zu verschwenden hat, weiß nicht, was sie bedeutet, und er ist der natürliche, blöde Undankbare. In der Großstadt fühlt jeder Laufbursche, daß Zeit etwas wert ist, und jeder Zeitungsverkäufer will seine Zeit nicht vertrödeln. Und dann das Traumhafte, das Malerische und Dichterische! Menschen eilen und wirken immer an einem vorbei. Nun, das hat etwas zu bedeuten, das regt an, das setzt den Geist in einen lebhafteren Schwung. Während man zaudernd steht, sind schon Hunderte, ist bereits hunderterlei einem am Kopf und Blick vorübergegangen, das beweist einem so recht deutlich, welch ein Versäumer und träger Verschieber man ist. Man hat es hier allgemein eilig, weil man jeden Augenblick der Meinung ist, es sei hübsch, etwas erkämpfen und erhaschen zu gehen. Das Leben erhält einen reizenderen Atem. Die Wunden und Schmerzen werden tiefer, die Freude frohlockt fröhlicher und länger als anderswo, denn wer sich hier freut, der scheint es stets sauer und rechtschaffen durch Arbeit und Mühe verdient zu haben. Dann sind wieder die Gärten, die so still und verloren hinter den zierlichen Gittern liegen wie heimliche Winkel in englischen Parklandschaften. Dicht daneben rauscht und poltert der geschäftliche Verkehr, als wenn es nie Landschaften oder Träumereien im Leben gegeben hätte. Die Eisenbahnzüge donnern über die zitternden Brücken. Abends glitzern die märchenhaft reichen und eleganten Schaufenster, und Ströme, Schlangen und Wellen von Menschen wälzen sich am ausgestellten, lockenden Industrie-Reichtum vorbei. Ja, das alles erscheint mir gut und groß. Man gewinnt, indem man mitten im Gestrudel und Gesprudel ist. Man empfindet etwas Gutes an den Beinen, an den Armen und in der Brust, indem man sich Mühe gibt, sich schicklich und ohne viel Federlesens durch all den lebendigen Kram hindurchzuwinden. Am Morgen scheint alles neu zu leben, und am Abend sinkt alles einer neuen, nie empfundenen Träumerei in die wildumschlingenden Arme. Das ist sehr dichterisch. Fräulein Benjamenta würde mich ganz gehörig zurechtweisen, wenn sie lesen würde, was ich hier schreibe. Von Kraus nicht zu reden, der macht zwischen Dorf und Stadt keinen so leidenschaftlichen Unterschied. Kraus erblickt erstens Menschen, zweitens Pflichten und drittens höchstens noch Ersparnisse, die er zurücklegen wird, wie er denkt, um sie seiner Mutter zu schicken. Kraus schreibt immer nach Hause. Er besitzt eine ebenso einfache wie rein menschliche Bildung. Das Großstadtgetriebe mit all seinen vielen törichten glitzernden Versprechungen läßt ihn vollständig kalt. Welch eine rechtschaffene, zarte, feste Menschenseele.

Endlich sind meine Photographien fertig geworden. Ich blicke sehr, sehr energisch in die Welt hinein auf dem wirklich gut gelungenen Bild. Kraus will mich ärgern und sagt, ich sehe wie ein Jude aus. Endlich, endlich lacht er ein wenig. »Kraus,« sage ich, »bitte, bedenke, auch die Juden sind Menschen.« Wir zanken über den Wert und über den Unwert der Juden und unterhalten uns damit prachtvoll. Ich wundere mich, welche guten Meinungen er hat. »Die Juden haben alles Geld,« meint er. Ich nicke dazu, ich bin einverstanden, und ich sage: »Das Geld macht die Menschen erst zu Juden. Ein armer Jude ist kein Jude, und reiche Christen, ich pfeife, das sind noch die ärgsten Juden.« – Er nickt. Endlich, endlich einmal habe ich dieses Menschen Beifall gefunden. Aber er ärgert sich schon wieder und sagt sehr ernsthaft: »Schwatz' nicht immer. Was soll das mit den Juden und mit den Christen. Das gibt es gar nicht. Es gibt liederliche und brave Menschen. Das ist es. Und was glaubst du, Jakob? Zu welcher Sorte gehörst du?« – Und nun unterhalten wir uns erst recht noch lange. O, Kraus redet sehr gern mit mir, ich weiß es. Die gute, feine Seele. Er mag es nur nicht zugeben. Wie liebe ich Menschen, die sich nicht gern Geständnisse machen. Kraus hat Charakter: Wie deutlich man das fühlt. – Den Lebenslauf habe ich allerdings geschrieben, aber ich habe ihn wieder zerrissen. Fräulein Benjamenta ermahnte mich gestern, aufmerksamer und folgsamer zu sein. Ich habe die schönsten Vorstellungen von Gehorsamkeit und Aufmerksamkeit, und sonderbar: es entwischt mir. Ich bin tugendhaft in der Einbildung, aber wenn es darauf ankommt, Tugenden auszuüben? Wie dann? Nicht wahr, ja, dann ist es eben etwas ganz anderes, dann versagt man, dann ist man unwillig. Übrigens bin ich unhöflich. Ich schwärme sehr für die Ritterlichkeit und Höflichkeit, wenn es aber gilt, der Lehrerin vorauszueilen und ihr die Türe ehrfürchtig zu öffnen, wer ist dann der Flegel, der am Tisch sitzen bleibt? Und wer springt wie der Sturmwind, um sich artig zu erweisen? Ei, Kraus. Kraus ist Ritter von Kopf bis zu Fuß. Er gehört eigentlich ins Mittelalter, und es ist sehr schade, daß ihm kein zwölftes Jahrhundert zur Verfügung steht. Er ist die Treue, der Diensteifer und das unauffällige, selbstlose Entgegenkommen selber. Über Frauen hat er kein Urteil, er verehrt sie bloß. Wer hebt das Fallengelassene vom Boden auf und reicht es eichhornhaft schnell dem Fräulein? Wer springt zum Haus hinaus auf Kommissionen? Wer trägt der Lehrerin die Markttasche nach? Wer scheuert die Treppe und Küche, ohne daß man es ihm hat befehlen müssen? Wer tut das alles und frägt nicht nach Dank? Wer ist so herrlich, so gewaltig in sich selbst froh? Wie heißt er? Ah, ich weiß es schon. Manchmal möchte ich von diesem Kraus gehauen sein. Aber Menschen wie er, wie könnten sie hauen. Kraus will nur Rechtes und Gutes. Das ist durchaus nicht übertrieben gesprochen. Er hat nie schlechte Absichten. Seine Augen sind erschreckend gut. Dieser Mensch, was will er eigentlich in solch einer auf die Phrase, Lüge und Eitelkeit gestellten und abgerichteten Welt? Sieht man Kraus an, dann fühlt man unwillkürlich, wie unrettbar verloren die Bescheidenheit in der Welt ist.

Ich habe meine Uhr verkauft, um Zigarettentabak kaufen zu können. Ich kann ohne Uhr, aber nicht ohne Tabak leben, das ist schändlich, aber es ist zwingend. Ich muß irgendwie zu ein wenig Geld gelangen, sonst wird es mir bald an reiner Wäsche fehlen. Saubere Hemdkragen sind mir ein Bedürfnis. Das Glück eines Menschen hängt nicht und hängt doch von solchen Dingen ab. Glück? Nein. Aber man soll anständig sein. Reinlichkeit allein ist ein Glück. Ich schwatze. Wie hasse ich all die treffenden Worte. Heute hat Fräulein geweint. Warum? Mitten in der Schulstunde stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den Augen. Das berührt mich seltsam. Jedenfalls werde ich die Augen offen behalten. Es macht mir Spaß, auf irgend etwas, was keinen Ton geben will, zu horchen. Ich passe auf, und das verschönert das Leben, denn ohne aufpassen zu müssen, gibt es eigentlich gar kein Leben. Es ist klar, Fräulein Benjamenta hat einen Kummer, und es muß ein heftiger Kummer sein, da sich unsere Lehrerin sonst sehr gut zu beherrschen weiß. Ich muß Geld haben. Übrigens habe ich den Lebenslauf jetzt geschrieben. Er lautet folgendermaßen:

Lebenslauf.

Unterzeichneter, Jakob von Gunten, Sohn rechtschaffener Eltern, den und den Tag geboren, da und da aufgewachsen, ist als Eleve in das Institut Benjamenta eingetreten, um sich die paar Kenntnisse anzueignen, die nötig sind, in irgend jemandes Dienste zu treten. Ebenderselbe macht sich durchaus vom Leben keine Hoffnungen. Er wünscht, streng behandelt zu werden, um zu erfahren, was es heißt, sich zusammenraffen müssen. Jakob von Gunten verspricht nicht viel, aber er nimmt sich vor, sich brav und redlich zu verhalten. Die von Gunten sind ein altes Geschlecht. In früheren Zeiten waren sie Krieger, aber die Rauflust hat nachgelassen, und heute sind sie Großräte und Handelsleute, und der Jüngste des Hauses, Gegenstand dieses Berichtes, hat sich entschlossen, gänzlich von aller hochmütigen Tradition abzufallen. Er will, daß das Leben ihn erziehe, nicht erbliche oder irgend adlige Grundsätze. Allerdings ist er stolz, denn es ist ihm unmöglich, die angeborne Natur zu verleugnen, aber er versteht unter Stolz etwas ganz Neues, gewissermaßen der Zeit, in der er lebt, Entsprechendes. Er hofft, daß er modern, einigermaßen geschickt zu Dienstleistungen und nicht ganz dumm und unbrauchbar ist, aber er lügt, er hofft das nicht nur, sondern er behauptet und weiß es. Er hat einen Trotzkopf, in ihm leben eben noch ein wenig die ungebändigten Geister seiner Vorfahren, doch er bittet, ihn zu ermahnen, wenn er trotzt, und wenn das nichts nützt, zu züchtigen, denn dann glaubt er, nützt es. Im übrigen wird man ihn zu behandeln wissen müssen. Der Unterzeichnete glaubt, sich in jede Lage schicken zu können, es ist ihm daher gleichgültig, was man ihm zu tun befehlen wird, er ist der festen Überzeugung, daß jede sorgsam ausgeführte Arbeit für ihn eine größere Ehre sein wird als das müßig und ängstlich zu Hause Hinter-dem-Ofen-Sitzen. Ein von Gunten sitzt nicht hinter dem Ofen. Wenn die Ahnen des gehorsam Unterzeichneten das ritterliche Schwert geführt haben, so handelt der Nachkomme traditionell, wenn er glühend heiß begehrt, sich irgendwie nützlich zu erweisen. Seine Bescheidenheit kennt keine Grenzen, wenn man seinem Mut schmeichelt, und sein Eifer, zu dienen, gleicht seinem Ehrgeiz, der ihm befiehlt, hinderliche und schädliche Ehrgefühle zu verachten. Zu Hause hat Immerderselbe seinen Geschichtslehrer, den ehrenwerten Herrn Doktor Merz, durchgeprügelt, eine Schandtat, die er bedauert. Heute sehnt er sich danach, den Hochmut und die Überhebung, die ihn vielleicht zum Teil noch beseelen, am unerbittlichen Felsen harter Arbeit zerschmettern zu dürfen. Er ist wortkarg und wird Vertraulichkeiten niemals ausplaudern. Er glaubt weder an ein Himmelreich noch an eine Hölle. Die Zufriedenheit desjenigen, der ihn engagiert, wird sein Himmel, und das traurige Gegenteil seine vernichtende Hölle sein, aber er ist überzeugt, daß man mit ihm und dem, was er leistet, zufrieden sein wird. Dieser feste Glaube gibt ihm den Mut, der zu sein, der er ist.

Jakob von Gunten.

Ich habe den Lebenslauf Herrn Vorsteher überreicht. Er hat ihn durchgelesen, ich glaube, sogar zweimal, und das Schreiben scheint ihm gefallen zu haben, denn es trat etwas wie ein schimmerndes Lächeln auf seine Lippen. O gewiß, ich habe meinen Mann scharf beobachtet. Ein wenig gelächelt hat er, das ist und bleibt Tatsache. Also endlich ein Zeichen von etwas Menschlichem. Was muß man doch für Sprünge machen, Menschen, denen man die Hände küssen möchte, zu einer nur ganz flüchtigen freundlichen Regung zu bewegen. Absichtlich, absichtlich habe ich den Lauf meines Lebens so stolz und frech geschrieben: »Da lies es. Wie? Reizt es dich nicht, mir das Ding ins Gesicht zu schmeißen?« – Das sind meine Gedanken gewesen. Und da hat er ganz schlau und fein gelächelt, dieser schlaue und feine Herr Vorsteher, den ich leider, leider Gottes über alles verehre. Und ich hab' es bemerkt. Es ist ein Vorpostengefecht gewonnen. Heute muß ich unbedingt noch irgend einen Streich verüben. Ich muß mich sonst kaputtfreuen, kaputtlachen. Aber Fräulein Vorsteher weint? Was ist das? Warum bin ich so seltsam glücklich? Bin ich verrückt?