Ich habe einen kleinen sorgfältigen Streifzug in die Gegend hinaus gemacht, damit ich dir mitteilen könne, was ich Schönes gesehen habe. Auf dem Weg hatte ich allerlei Einfälle, doch sie mußten sich alle wieder auf und davon machen und mußten verschwinden neben dem Gedanken, der sich nur mit dir beschäftigte, du liebes Mädchen, du süßes, liebes Wesen. In meinen Gedanken gingest du neben mir und vor mir her. Ich war, indem ich so ging, ganz nur Denken, ganz nur Sinnen, ganz nur Gedanke, ganz nur treues, zartes Bei-dir-sein. Lächelst du? Bald sollst du noch mehr über mich zu lächeln haben mit deinem lieben Mund. Es ist schön für einen Mann, treu an seinem Mädchen zu hängen und sich zu sehnen mit leiser immerwährender Sehnsucht nach der Gegenwart der Holden. Ich kam in einen wunderhübschen kleinen Wald hinein, wo es still und weich und artig war, und wo die goldenen Vormittagssonnenstrahlen zwischen den Ästen und Stämmen ins grüne Heiligtum, ins grüne Waldesinnere hereinbrachen. Da ich so bei deinem Bilde war, kams mich an, die Sonnenstrahlen mit deinem hellen, wogenden Haar zu vergleichen, und als ich hinauskam aus dem zarten, kühlen, schüchtern-stillen Waldesdunkel in das helle, blaue, weite Freie, stand ich Wanderer wieder still. Der Himmel mit seinem sanften, lieben Blau erinnerte mich an deine Augen. Weiter ging ich, und da stand ich bald vor einem Haus mit Garten, und im Garten standen die schönsten Blumen, die ihre leichten Köpfchen so zierlich-schwankend trugen. Da stand dein Köpfchen vor mir mit seiner Stirne, Wangen und Lippen, und indem ich das Haus betrachtete, das so lieblich nach Behaglichkeit und Wohnlichkeit duftete, dachte ich, es müsse süß sein, mit dir zusammen häuslich darin zu hausen. Bald nachher traf ich Äpfel an, die an den Zweigen eines Apfelbaumes hingen und mich mit ihren roten und gelben Backen freundlich anlachten. Ich bildete mir ein, dein rundes Gesicht mit seinen roten, blaßroten Wangen lächele zauberisch aus dem Blätterwerk zu mir herab. Reizende Illusionen. Ruhig, wie es meine Art ist, und von Träumereien umfangen, ging ich meinen bescheidenen Weg weiter, der mich hügelabwärts zu einem blauen, breiten, sonnigen Strome führte. Mit sanfter, wohliger Gewalt floß das schöne Wasser dahin zwischen grünen glücklichen Ländereien. Ich dachte, wie dein sanftes, zartes Wesen mich mit Gewalt zu dir ziehe und wie ich glücklich sei darüber. Bist du glücklich? Wenn du es bist, bin ich es auch.

Der Hanswurst

Da ist einer, sie nennen ihn Hanswurst, weil er so ein dummer Mensch ist, der zu nichts Rechtem zu gebrauchen ist. Ich kenne ihn wohl, den liederlichen, unklugen Burschen. Es ist mir im Leben noch keiner begegnet, zu dem ich rascher hätte sagen mögen: »Du bist ein Schelm«, und keiner, der mich mehr nötigte, über ihn zu lachen. Wenn dumme und ungesunde Einfälle Zinsen eintragen, so gehört er zu den reichen Leuten, aber die Wahrheit ist: er ist arm wie eine Spitzmaus. Ein Sperling hat nicht so wenig Aussicht, es in der Welt zu etwas zu bringen als er, und dennoch kennt er nur Fröhlichkeit, und es ist mir noch nie gegönnt gewesen, einen Zug von Unlust in seinem Spitzbubengesicht zu entdecken. Einmal wollte ihn jemand befördern, Hanswurst aber ergriff die Flucht vor der Beförderung, als wenn sie ein Unheil sei; so dumm benahm er sich im wichtigsten Moment seines Lebens. Er ist und bleibt ein Kind, ein Dummkopf, der das Bedeutende vom Unbedeutenden, das Schätzenswerte vom Wertlosen nicht zu unterscheiden vermag. Oder sollte er am Ende klüger sein, als er selber ahnt, sollte er mehr Witz haben, als er fähig ist zu verantworten? Liebe Frage, ich bitte dich, bleibe hübsch unbeantwortet. Hanswurst ist jedenfalls glücklich in seiner Haut. Eine Zukunft hat er nicht, aber er begehrt auch gar nicht, etwas derartiges zu haben. Was soll aus ihm werden? Bete doch einer für ihn! Er selber ist zu dumm dazu.

Sonntagmorgen

Heute, am Sonntag, ging ich früh ins nahegelegene Land hinaus. In unserer Gegend berühren sich Stadt und Land wie zwei gute wackere Freunde. Ich machte nur hundert Schritte, oder vielleicht noch hundert dazu, und da lag schon der ländliche, zarte Winter vor mir mit seinen strubbligen Bäumen und seinem lieblichen Wiesengrün. Ich kam zum Wald, der so schön, so still in der grauen, kalten Luft dastand mit graziösen Tannenwipfeln. Aus einem entfernteren Pfarrdorf klangen die Sonntagsglocken laut und doch leis und still daher über den Waldsaum hinüber. Kälte und hartgefrorener Weg und ein schönes breites Bauernhaus in dem Gewirr von schwärzlichen Winterbäumen. Ein zarter, friedlicher Rauch stieg wie lächelnd aus dem Kamin, und ein kleiner, lustiger, kecker Feldweg schlängelte sich quer durch den Acker in den Wald hinein. Ich ging an sonntäglich gekleideten Menschen vorbei in meinen alten, lieben Wunderwald hinein, später jenseits wieder hinaus, wo wieder Weg und Feld, grauer Himmel, Baum und Haus und andre Leute mir begegneten. Es lag in aller Winterkälte und -gestorbenheit so viel warmer Friede, so viel uraltes und ewig wieder junges und frohes Leben. Eine grüne Anhöhe guckte schelmisch zu mir hernieder. Ich liebe, liebe mein Land mit seinen Pfaden, Ecken, Kreisen und Winkeln. Bald war ich zu Hause im angenehm geheizten Zimmer. Ich setzte mich an den Tisch, ergriff die Feder und schrieb dieses.

Ausgang

Ich ging hinaus in das kalte Morgengrauen. Bäume und Häuser schwarz und Rauch in der Straße. Nach und nach hellte es sich auf. In den Stuben brannten die Lampen. Wovon ich aber besonders sprechen will: ich ging hinter drei Mädchen, die zur Schule liefen. Viele andere kleine Kinder liefen ebenfalls zur Schule. Eines der drei Mädchen ging so schön. Ihre kleinen, weichen und schon so vollen Beine machten die lieblichste Musik. Ich konnte mich nicht satt daran schauen. Zwei winzige Zöpfe hingen ihr den Nacken herab über den Rücken. Die Kleine war schon so weiblich bei der Jugendlichkeit, schon so reif bei der unschuldigen Unreife. Herrlich sah es aus, wie die Schuhe so weich, mild und voll waren mit dem Fuß, und wie die ganze Figur so leicht und doch so angenehm schwer vor mir hinlief, und wie das kleine zierliche Stiefelabsätzchen sich so anmutig krümmte unter der schönen, leichten, weichen Last. Die Formen an dem Kind waren so groß, redeten so weich. Bald traten indessen die Mädchen in das Schulhaus, und ich ging meines Weges durch den kalten, dunklen Wintermorgen weiter. Ein paar Häuser und ein paar Bäume und wenige Menschen. Es tat mir alles so wohl. Der Weg und die Wiese waren hartgefroren, und die Berge entlang lag eine graue Wolkenschicht, so fest, als könne sie nicht mehr weggehen. Zierlich wie Kinder standen kleine Bäume im Wiesengrün, und dann sah ich eine zarte, liebe, feine, grüne Anhöhe und das altersgraue Dach von einem Bauernhaus, zwei Hunde, noch einen anderen Hund, der mich mit seiner warm-nassen Nase antupfte, als sei es ihm darum zu tun, mir guten Morgen in aller frischen, kalten Frühe zu wünschen, Arbeiter, die Steine abluden. Einmal sah ich zu einem niedrigen Fenster hinein. Eine schöne junge Frau im schneeweißen, reizenden Morgengewand stand hinter den Fensterscheiben und schaute mich an. Manches schaute auch ich an. Man sieht immer etwas.

Die Millionärin

In ihrer fünfzimmerigen Wohnung wohnte ganz allein eine reiche Dame. Ich sage da Dame, aber die Frau verdiente nicht, Dame genannt zu werden, die Arme. Sie lief unordentlich daher, und die Nachbarsleute titulierten sie Hexe und Zigeunerin. Ihre eigene Person erschien ihr wertlos, am Leben hatte sie keine Freude. Sie kämmte und wusch sich oft nicht einmal, und dazu trug sie alte und schlechte Kleider, so sehr gefiel sie sich in der Vernachlässigung ihrer selber. Reich war sie, wie eine Fürstin hätte sie leben können, aber sie hatte keinen Sinn für den Luxus und auch keine Zeit dazu. Reich, wie sie war, war sie die Ärmste. Ganz allein mußte sie ihre Tage und ihre Abende zubringen. Kein Mensch, außer etwa der Emma, ihrem ehemaligen Dienstmädchen, leistete ihr Gesellschaft. Mit allen ihren Verwandten war sie verfeindet. Etwa noch Frau Polizeirat Stumpfnas besuchte sie zuweilen, sonst niemand. Die Leute hatten einen Abscheu vor ihr, weil sie wie eine Bettlerin daherkam, sie nannten sie eine Geizhalsin, und freilich war sie geizig. Der Geiz war ihr zur Leidenschaft geworden. Sie hatte kein Kind. So war der Geiz ihr Kind. Der Geiz ist kein schönes, kein liebes Kind. Wahrhaftig nicht. Aber irgend etwas muß der Mensch haben zum Herzen und Liebkosen. Die arme reiche Dame mußte oft in der stillen Nacht, wenn sie so allein saß im freudelosen Zimmer, in ihr Taschentuch weinen. Die Tränen, die sie weinte, meinten es noch am ehrlichsten mit ihr. Sonst wurde sie nur gehaßt und betrogen. Der Schmerz, den sie in der Seele fühlte, war der einzige aufrichtige Freund, den sie hatte. Sonst hatte sie weder Freund noch Freundin, noch Sohn, noch Tochter. Sie sehnte sich umsonst nach einem Sohne, der sie kindlich würde getröstet haben. Ihr Wohnzimmer war kein Wohnzimmer, sondern ein Bureau, überladen mit Geschäftspapieren, und in ihrem Schlafzimmer stand der gold- und juwelengefüllte eiserne Kassenschrank. Wahrlich: ein unheimliches, ein trauriges Schlafzimmer für eine Frau. Ich lernte diese Frau kennen, und sie interessierte mich lebhaft. Ich erzählte ihr mein Leben, und sie erzählte mir das ihrige. Bald darauf starb sie. Sie hinterließ mehrere Millionen. Die Erben kamen und warfen sich über die Erbschaft. Arme Millionärin! In der Stadt, wo sie lebte, sind viele, viele arme kleine Kinder, die nicht einmal genügend zu essen haben. In was für einer sonderbaren Welt leben wir?

Erinnerung