Die Mörderin.
Es fällt mir ein, dass ich neulich mit einem Landwirt über den Berg ging. Wie wir so von allerlei Dingen plauderten, trat uns auf der Strasse, mitten im hübschen Bergdorf, eine stämmige Frau entgegen. Diese Bauernfrau war mir durch weiter nichts als durch ihre feste kerngesunde Erscheinung aufgefallen. Näher war mir nicht eingefallen, sie zu betrachten. Als die Frau an uns vorübergegangen war, hielt es der Wirt für erlaubt (worin er ganz recht hatte) die ruhige Bemerkung zu machen: »Der Frau, die da soeben an uns vorüberging, haben Sie gewiss nicht angemerkt, dass sie fünfundzwanzig Jahre Zuchthaus hinter sich hat.« Erstaunt fragte ich: »Warum?« Mein Wirt beeilte sich mit Aussagen in keiner Weise. Es verging eine Pause, nach deren Verlauf er sagte: »Sie hat einst ihren Mann totgeschlagen.« Entsetzt erkundigte ich mich nach den näheren Umständen. Wieder schwieg der Landmann, der über den Berg ging, um seine Matten zu beschauen, eine kleine Weile, worauf er mit sonderbarer Behaglichkeit, als sei er ein überlegener Erzähler, und als erzähle er eine halbverschollene Ballade oder Schauergeschichte, Folgendes vorbrachte: »Eines Morgens trat sie mit einer Hacke oder Karst in der Hand in das Schlafzimmer ihres Mannes, der im Bett lag. Als derselbe die Augen aufmachte und sie so sah, fragte er, weil ihn offenbar die Hacke erschreckte: »Was willst du hier im Zimmer mit der Hacke?« Darauf erwiderte die Mörderin: »Das will ich dir eben jetzt zeigen.« Mit diesen furchtbaren, gewissermassen trocken-humoristischen Worten, holte sie zum Schlag aus und schlug ihm den Kopf ein.« Ich bat den Wirt, mir zu sagen, weshalb die Frau eine so grässliche Tat verübt habe. »Es ist nicht bekannt«, antwortete er, »man hat es vergessen. Möglich ist, dass der Mann ein Trinker war, der nicht schaffen wollte und damit seine Ehefrau in die Erbitterung trieb.« Da ihn seine Absichten einen andern Weg als den, den ich verfolgte, gehen hiessen, so verabschiedete er sich, und ich ging allein weiter, indem ich über das Verbrechen noch allerlei stille Betrachtungen anstellte und mich besonders über das gute unbefangene Aussehen der Frau wunderte, die wir so still und ohne alles Auffallen an uns hatten vorbeigehen sehen, als sei sie nicht sie selbst, sondern eine beliebige Andere, nicht eine Mörderin, sondern irgend eine wackere rechtschaffene fleissige Frau. »Erstaunliche Kraft muss jedenfalls in ihr liegen«, dachte ich, »eine Untat und fünfundzwanzig Jahre Zuchthaus und von allem dem nicht das geringste Kennzeichen zu offenbaren: Welche Summe von Unbeugsamkeit.« –
Die Brüder.
Darf ich dich, o du Guter, leise und gewiss ganz zaghaft an die Zeit erinnern, wo wir Beide, du als beginnender schaffender Maler und ich als heimlich beginnender angehender Poet, uns mit unserer jugendlich anstrebenden Kunstburschen- oder Kunstlehrlingschaft und was alles hübsch damit zusammenhing, zu S.... aufhielten? Meines Wissens schrieb und schickte ich dir, bevor ich in Person bei dir anlangte und auftauchte, ein ziemlich langes Sehnsuchts- und Freundschaftsgedicht, das du empfingest und mit Genuss lasest. Himmlisch dünkt mich das, wenn ich daran denke, obgleich es natürlich zum Lachen ist. Göttlich schön und gross ist es, junge Wangen und junge Lebensanschauungen zu haben, ein unaussprechliches Sehnen nach dem Leben zu empfinden und achtzehn Jahre alt zu sein, denn ungefähr so alt waren wir damals beide. Herrlich kamen mir die Residenzstadt S.... und du selbst vor; du warest in den Augen des frischen Ankömmlings nichts geringeres als ein imposanter Haupt- und Weltstädter. O wie sind jugendliche Unwissenheit und Unerfahrenheit schön! Was Gutes und Schönes erwirbt man denn eigentlich mit der Erfahrung? Sehr viel Wertvolles sicher nicht. Du geleitetest mich freundlich durch die Strassen in eine gewisse Gerbergasse hinein und dann hinein in die berühmte und sicher uns allen beiden unvergessliche Herberge zur Heimat, wo wir gemeinsam ein Zelt aufschlugen oder mit andern Worten eine Stube bezogen, um gemeinschaftlich darin zu wohnen und zu hausen, was sicher nur unser Vorteil und nicht unser Nachteil war. Entzückend, so schwöre und behaupte ich, sind erste kühne Künstler-Flugversuche, die mit öfteren Abstürzen verbunden sind. Aber ist das Hüte aus dem Fenster hinaus- und auf Passanten in die Strasse herabwerfen nicht vielleicht noch fast schöner als alles Malen, Musizieren und Dichten? Waren wir nicht im Hutwerfen erlesene erste Meister und wahre dämonische Virtuosen, und sah sich der gute freundliche Wirt oder Herbergsvater nicht genötigt, uns vor Fortsetzungen des reizenden Unfuges väterlich zu warnen? Ach es ist vielleicht, von einem gewissen Gesichtspunkt aus gesehen, hundert-, wenn nicht gar tausendmal schöner, seinen oder seines Bruders Hut aus dem Fenster fliegen und wirbeln zu lassen, damit Vorübergehende unten staunen, als ein vollendetes Gedicht zu schreiben, damit das liebe Publikum staune. Gab es nicht in unserer Kunststube eines schönen Tages einen überraschenden Hofpredigerbesuch, über den wir Beide einen Monat lang lachten? Ich stand gerade nackt da, dir als Modell zu einem Cäsars Leichnam beweinenden Markus Antonius dienend, als die Türe des Studier- und Aktzimmers unerwarteterweise aufging und dicht und urplötzlich vor uns strebenden armen Sündern wer stand? Der Herr Hofpfarrer. »O Gott, was muss ich mit meinen Augen erblicken? Was geht hier vor?« rief er aus und trat unverzüglich den Rückzug an, der in wilde Flucht ausartete. Wie gab uns das Entsetzen des guten Herrn, der künstlerischen Übungen offenbar fremd gegenüberstand, zu lachen. Lebten wir zwei Jünger und Brüder, Neulinge, Anfänglinge und Novizen nicht wie auf einer reizenden Freundschafts- und Verbrüderungsinsel, auf der alles gut und schön und sorglos ist, wo in ununterbrochenem freundlichem Gelispel und Gesäusel und in einem fortwährenden süssen Frieden die lebendigen Geschöpfe sich des zutrauenreichen, gütigen Daseins erfreuen, Himmel und Erde und Kreatur zusammengewachsen sind, und wo der Mensch so harmlos und gutherzig wächst und hinlebt vom Tag in die Nacht und von der Nacht in den Tag hinein wie die duftenden Blumen, die Pflanzen und die treuen guten Bäume. Wateten wir nicht ganze schöne Sonntage und sonstige Tage lang im üppig-grünen Landschaftsgras und in der göttlich weichen, träumerischen Mai-Landschaft umher, um dann da und dort unter blühenden Apfel- und Birnenbäumen vom Streifen und »Landschaften«, vom schwierigen Malen und Versemachen köstlich auszuruhen, wobei wir oft einzuschlummern geruhten wie Grafen und Fürsten, um später wieder zu erwachen wie Prinzen? Wir lasen noch nicht Verlaine, aber wir lasen dafür doch Heinrich Heine und Uhland, und die mundeten und schmeckten uns nicht schlecht. War nicht auch das freie gliedererfrischende Baden im Neckar herrlich und beglückte uns nicht in Dorfgasthäusern der Genuss von Birnenmost? Wenn wir vom kühnen Ausmarsch grässlich staubig und hungrig wieder in unsere Herberge zurückkamen, so bestellten wir ja bekanntlich jeweilen je einen Rostbraten mit gemischtem Salat für die Wanderer und Herren Gebrüder, worüber die ganze Stube höchlich staunte. Soupieren und dinieren grosse und reiche Herren reicher und besser als wir Zwei damals? Das finde ich sehr fraglich, denn für uns war der Rostbraten ein Götterschmaus nach trefflich überstandenen Wanderanstrengungen. Wie ist es schön, arm und jung und unbekannt zu sein. Wie gerne gäbe mancher Schwerberühmte seinen Ruhm und all sein Ansehen für einen Achtel oder auch nur Achtzigstel, für einen Drittel oder Dreissigstel des Jugendzustandes her. Die Jungen sehnen sich nach Ehre, Ruhm, Erfolg und Ansehen, aber die Berühmten und die Mächtigen sehnen sich wieder in das arme wilde Jugendsehnen und in das heisse beglückende Ringen mit der Existenz zurück. Der Erfolg macht nicht glücklich, aber es muss ja eine Arbeit und ein Streben auf dieser armen, widerspruchsvollen Erde sein. Es muss ja einen Ruhm und einen Reichtum geben, aber Ruhm und Reichtum vermögen nur niedrige und flache Seelen zu beglücken. Es muss auf dieser Erde ein ewiges Auf und Ab und eine ewige Niebefriedigung sein. Ist nicht auch dir, ganz so wie mir, die Gestalt der gütigen, liebenswürdigen Opernsängerin B... in Erinnerung geblieben, die die hohe Freundlichkeit hatte, uns zwei doch sicher ziemlich arme Teufel, wahre Muster und Vorbilder an Unbeachtetheit, zu einem graziösen schöngeistigen Tee huldreich einzuladen? Sprangen und liefen wir nicht eine Zeitlang fast allabendlich mittels uns vom gnädigen und freigebigen Freiherrn-Intendanten gütig verabreichten und freundlich gegönnten Freikarten in das schimmernde Hoftheater, wo wir unter zahlreichen andern reichen Stehparterregenüssen den Genuss hatten, die Eysoldt als zierliche Desdemona und den kraftvollen Matkowsky als dieselbe im Sturm der Mohreneifersucht tötenden und abmordenden Othello zu sehen, und gab es für uns etwas Höheres und Schöneres als das? Nicht von ferne! Und die dürren oder gedörrten Zwetschgen, die wie unglückliche arme Ertrunkene auf dem Mittagstisch im Teller voll Wasser schwammen, könnte es denkbar sein, dass du sie vergessen hättest oder dass du sie je würdest vergessen können? Ebenso des knorrigen Betknechtes und -Bruders Knoop schrille Andachtstimme und Worte? Was vermöchtest du mir entgegenzustellen, wenn ich auf die Tribüne der Beredsamkeit stiege und laut sagte, dass nach dem Gefühl derjenigen, die vermöge einer erreichten Altersstufe in das abendsonnen- und morgensonnenbeschienene Land der Vergangenheit blicken, vergangene schöne Stunden ein Heiligtum seien? Ergreift nicht dich auch Rührung bei dem Gedanken an das fröhliche Frühe, an das heitere Einst?
Schüler und Lehrer.
Ein Lehrer, den seine Schüler um seines lebhaften Wesens willen hochachteten und lieb hatten, ertappte eines Tages in der Stunde einen von denselben bei einer Schlingelei, worüber er ausserordentlich zornig wurde. Der Schüler, der das Unglück hatte, seines Lehrers Unmut in so hohem Mass auf sich zu lenken, war bis dahin der Lieblingsschüler des Mannes gewesen, den er unvorsichtigerweise tief gekränkt hatte, aber von nun an war er in des Lehrers Augen ein Abscheuling, den derselbe Tag für Tag vor der ganzen Klasse grausam herabsetzte und erbärmlich verprügelte, eine Behandlung, die der Erzürnte dem armen Jungen versprach pünktlich und getreulich fortzusetzen. Zweifellos hatte der Lehrer einen persönlichen Hass auf ihn geworfen, und der Erwachsene ging hierin dem Kleinen gegenüber zu weit. Der Knabe, der sich so urplötzlich aus dem weichen Sitz des Wohlwollens auf die harte Bank der Ungnade herabgeworfen und sich so unvermutetermassen vom gepriesenen Schüler in einen notorischen Bösewicht verwandelt sah, wusste sich nicht zu helfen. Nachdem er indessen durch Wochen so tapfer als er vermochte, das traurige Los eines gesunkenen Bevorzugten und die damit verbundene grausame und verachtungsvolle Behandlung ertragen hatte, griff er eines Tages, vom Bedürfnis gedrängt, eine Veränderung der schier unerträglichen Lage herbeizuführen, zur Feder und schrieb an seinen grimmigen Verfolger und Peiniger Folgendes: »Ich kann mich, da ich meinen lieben Eltern kein Geständnis machen darf, weil ich ihnen nicht zu den vielen Sorgen, die sie haben, noch eine neue bereiten will, an niemand anderes als an Sie selber wenden, um zu versuchen, ob es mir möglich sei, wieder einige Gunst von Ihnen zu erlangen. Vielleicht wird dieser Brief Sie veranlassen, aufzuhören, mich mit Schmach zu bedecken. Da ich, wie ich bereits sagte, meinen Eltern mein Leid nicht klagen kann, so klage ich es Ihnen. Da ich diejenigen nicht bitten will, mich in Schutz zu nehmen, die mich lieben, so trage ich die Bitte dem vor, der mich hasst und an mir seinen Zorn auslässt. Also bitte ich den um Schutz, dem ich schutzlos preisgegeben zu sein scheine und ersuche den um Schonung, der, weil er sich durch mein Betragen beleidigt fühlt, schonungslos mit mir verfährt. Ich habe den Mut, wie Sie sehen, dem mein Leid zu klagen, der es mir zufügt und dem meinen Schmerz anzuvertrauen, der ihn verursacht. An der Schule habe ich keine Freude mehr.« Der Lehrer, dem der Inhalt des Briefes allerlei zu betrachten und zu bedenken gab, verhielt sich gegenüber dem Schüler von da an wieder milder.
Sohn und Mutter.
Ein liebes, gutes Mütterchen, wahrhaftig: ich meine, man sollte ihr ein Denkmal errichten! führte durch fleissige Sparsamkeit und durch nächtelanges, emsiges Nähen die schöne Möglichkeit herbei, dass ihr Sohn, den sie fast wie einen Abgott liebte, die hohe Schule besuchen und sich dadurch die beste Bildung erwerben konnte. Merke dir, lieber aufmerksamer Leser, was nun geschah. Der grosse Sohn, Gegenstand der mütterlichen Aufopferung, blitzendes Juwel und köstlicher Edelstein von Sohn, machte freilich mit der Zeit so grosse Fortschritte, dass er in jungen Jahren schon hoch hinaufkletterte und es zu einer Stellung brachte, die ihm nicht nur erlaubte, die ihn vielmehr geradezu nötigte, sich aufzublasen, hochmütiges Wesen kalt und nachlässig zur Schau zu tragen und den grossen Herrn zu spielen, als welcher er sich rasch über seine arme bescheidene Herkunft hinwegsetzen lernte. Vorzüglich dickes, fettes und hochangesehenes Tier, wie man so sagt, fühlte er sich über alle kleinen engen Nöte des täglichen Lebens erhaben, und mit der stets höher und höher steigenden Wertschätzung der eigenen werten und wichtigen Person vergass er den mütterlichen Menschen. Das arme gute Mütterchen! Ei, die soll doch nur hübsch brav in ihrem Sorgen- und Dachstübchen stillsitzen, denn derlei Personen kann man ja unmöglich in die feine Gesellschaft einführen. In der hohen Atmosphäre und in den glänzenden Verhältnissen, in denen Emporkömmlinge leben, redet bekanntlich niemand ein Wörtchen über Kindesdankbarkeit und -Liebe. Von schwüler, genussreicher Liebe wird dort wohl gesprochen, aber über schlichte Liebe zuckt man bestenfalles mitleidig die stolze Achsel. Wenn wir nun auch den Fall setzen und annehmen, dass der grosse Sohn sein Mütterchen einmal habe besuchen wollen, so müssen wir doch sogleich bedenken, dass ein solcher Besuch unmöglich war, weil der Vortreffliche ja für den Eintritt in die Armutstube durch den engen ärmlichen Rahmen der bescheidenen Stubentüre viel zu breit und breitspurig, viel zu dick und zu geschwollen, viel zu stolz und zu reich war. Für den Stolz und für den Hochmut gibt es Palast- und hohe breite Salontüren. Mehr zu sagen, ist wohl überflüssig, und man wird schon verstehen, wie ich es meine. Der Weg zum Mütterchen und damit zur menschlichen Bescheidenheit war und blieb dem Parvenü versperrt, wegen des Rahmens und wegen der kleinlichen Verhältnisse, in die er sich wieder zu schicken gehabt hätte. Vielleicht erlaubt man mir die freilich scheinbar etwas gefühlvolle Bemerkung, dass ich grosse Lust hätte, zu sagen, ich wolle vor dem lieben alten Mütterchen niederknien und dass es mich fast hinreissen möchte, das Geld, das die Mutter für den stolzen Tölpel in mühseliger Nachtarbeit zusammenrackerte, ehrfürchtig zu küssen. Der Tölpel mag nur immerhin mit Seinesgleichen spazieren gehen, wo es ihm beliebt. Vor ihm und Seinesgleichen beuge ich mich nicht, und ich werde für ihn und Seinesgleichen weder eine Artigkeit, noch irgend eine Achtung übrig haben.
Die böse Frau.
Eine Frau, die eines Tages, so wie die Dinge lagen, den Traum, den sie sich von ihrem Leben machen zu dürfen gemeint hatte, begraben musste, weinte ganze lange Tage und Wochen lang über den Verlust desselben. Als sie aber endlich ihren Schmerz ausgeweint hatte, war sie, fast zu ihrem eigenen Erstaunen, eine böse Frau geworden, die von nun an kein so lebhaftes Bedürfnis mehr wie dieses hatte, andere Frauen recht bestürzt, verlegen und niedergeschlagen zu sehen, indem sie sie unglücklich zu machen versuchte. Sie fing mehr und mehr an, jedes fröhliche weibliche Gesicht zu hassen, weil sie sich durch jede glückliche Miene gekränkt und beleidigt fühlte. Es drängte sie, gegen jederlei Vergnügen, das sie erblickte, Ränke und Bosheitspläne zu schmieden, da jeder heitere Anblick ihr weh zu tun schien. Darf ein unglücklicher Mensch es im Menschenhass so weit treiben? Nun und nimmer! muss entschieden geantwortet werden. Die durch vielerlei Leid, durch gescheitertes Streben nach Lebensglück verdorbene böse Frau machte es sich zur traurigen Aufgabe, junge Mädchen mit jungen Männern geschickt zusammenzuführen, sie gegenseitig aufeinander aufmerksam zu machen, sie enger und enger zusammen zu befreunden und, wenn dann die holde Freundschaft ihr reif zu sein schien, dieselbe durch listige Verrätereien, rohe Künste, grausame Verleumdung und Verwirrung, wieder zu zerreissen. Der Anblick einer weinenden verratenen Angehörigen ihres Geschlechts tat ihr dann wohl und war für sie ein Genuss. So und ähnlich trieb sie es ziemlich lange, währenddessen die um ihre Freude und ihre Zufriedenheit betrogenen Mädchen sie für eine edle und feine Frau hielten. Nach und nach aber merkte jedermann, wie böse sie sei, und sobald die Leute sich hierüber Gewissheit verschafft hatten, so wurde die gefährliche Gesellschaft fortan sorgfältig vermieden, derart, dass die böse Frau bald keinerlei Gelegenheit mehr erhielt, Unglück anzustiften, Böses zu tun und Unfrieden und Unbehagen zu verbreiten.