77. Wie das Schöne nach dieser Auffassung nur eine dem Wissen parallele Auffassung des Wahren und Guten, die Kunst nur eine der Wissenschaft parallele Darstellung von beiden, so ist die Aesthetik als Wissenschaft von der Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntniss nach dieser zuerst von Baumgarten aufgebrachten, von den platonisirenden Aesthetikern des nachkantischen Idealismus (Schelling, Hegel und ihren Schulen) adoptirten Auffassung eine Paralleldisciplin der Logik als Wissenschaft von der Vollkommenheit der reinen Vernunft- und Verstandeserkenntniss. Indem sich dieselbe zur Aufgabe setzt, das niedere Erkenntnissvermögen, den Sinn, als Erkenntnissorgan zur Vollkommenheit zu bringen, steckt sich dieselbe ein Ziel, welches nachher die von Mill und Anderen sogenannte inductive Logik mit ungleich grösserem Recht und Erfolg sich vorgesetzt hat. Indem dieselbe das Schöne als sinnliche d. i. zugleich ver- und entschleiernde Hülle desselben Wahren und Guten betrachtet, von welchem die Wissenschaft durch Vernunft (Philosophie) die nackte und schleierlose Erkenntniss ist, setzt sie dasselbe zu einem Nothbehelf, zu einer Staarbrille herab, da das operirte Auge des Sehendgewordenen den selbst leuchtenden Glanz der Idee nicht aushält.

78. Weder Beliebigkeit des Gehalts, noch dessen an sich vorhandene Trefflichkeit, also überhaupt nicht Beschaffenheit des Gehalts macht den Schein zum Schönen. Ersteres nicht, weil sonst jeder Schein schön, das Zweite nicht, weil der Schein, um schön zu sein, aufhören müsste zu scheinen, das Dritte nicht, weil der Schein, wenn er Gehalt besässe, nicht Schein sondern Erscheinung wäre. Sehen wir aber beim Schein (Bild) von der Forderung eines hinter demselben verborgenen Gehaltes (Sinn) ab, so dass nur jener (das vorschwebende Bild) und der, dem er scheint (das Subject, dem das Bild vorschwebt), übrig bleibt, so kann, da nicht jeder Schein schön ist, der Grund, um deswillen einiger Schein schön ist, anderer nicht, nur entweder in der Beschaffenheit des Scheins als Schein, oder in der Desjenigen, dem er scheint (des ästhetischen Subjects) gefunden werden.

79. Ersterer Fall schliesst in sich, dass der schöne Schein als Schein gewisse Eigenschaften besitze, die dem nichtschönen abgehen; letzterer Fall erheischt, dass das ästhetische Subject, dem nur schöner Schein scheint, von demjenigen, dem auch unschöner vorschwebt, der Art nach verschieden, beziehungsweise das erstere vor dem letzteren bevorzugt, sozusagen ein ästhetisches „Sonntagskind” sei. Aus dem ersteren folgt, dass der Aesthetik die Aufgabe erwachse, die dem Schein als Schein nothwendigen Eigenschaften, um schön zu sein, aufzuspüren; aus dem letzteren folgt, dass es ein Mittel geben müsse, das wirkliche von dem vermeintlichen, entweder sich selbst betrogener- oder betrügerischerweise dafür ausgebenden oder von Anderen fälschlicherweise dafür gehaltenen „Sonntagskind” d. h. das echte, geborene Genie (den künstlerischen Edelstein) von dem unechten, nachgemachten oder sich selbst dazu machenden Aftergenie (dem pierre-de-Strass der Kunst) zu unterscheiden.

80. Letzteres kann in nichts anderem bestehen, als in dem Nachweis, dass das einem gewissen Subject schön Scheinende wirklich schön d. h. dass das für ein ästhetisches Genie sich ausgebende oder dafür gehaltene Subject wirklich ein solches sei. Dieser Nachweis kann aber nicht dadurch geführt werden, dass der Ursprung des fraglichen Scheins aus diesem fraglichen Subject erwiesen wird, denn eben, ob dieses Subject als solches Genie sei, ist die Frage. Die Schönheit des dem genannten Subject vorschwebenden Scheins muss daher unabhängig von dessen Ursprung aus jenem Subject d. h. dieselbe kann nicht (historisch) durch den Hinweis auf den Ursprung, sondern sie muss (philosophisch) durch den Hinweis auf die Beschaffenheit des Scheins dargethan werden.

81. Nicht die Person des Gesetzgebers rechtfertigt das Gesetz; die Güte des Gesetzes bewährt vielmehr den Gesetzgeber. Ist diejenige Beschaffenheit, welche den Schein zum Schönen macht, an sich erkannt, so ist damit auch der Massstab zur Beurtheilung des Anspruchs des Subjects, dem er scheint, gegeben, für ein aesthetisches zu gelten: nicht umgekehrt. Wie diejenige Aesthetik, die den durch die sinnliche Hülle hindurchscheinenden Gehalt zum Massstab der Schönheit nimmt, didaktischen, so nimmt diejenige Form derselben, welche die Offenbarungen des wahren oder blos vermeintlichen Genius zur Norm für die Nachahmung erhebt, positiven (historischen) Charakter an. Jene bewundert das Schöne, weil es wahr oder gut, diese, weil es Product dieses oder jenes (mit Recht oder Unrecht) bewunderten Geistes ist. Der wahre Grund der Bewunderung des Schönen kann aber weder in dem Umstand, dass es Erscheinung eines Gehalts, noch in dem, dass es Schöpfung eines gewissen (Einzel-, Volks-, Zeit-) Geistes ist, sondern muss in dem Besitz derjenigen Eigenschaften gesucht werden, die es zum Schönen machen.

82. Weder die theologisirende, noch die metaphysicirende, am wenigsten die moralisirende Aesthetik, welche einen der Kunst fremden, und ebensowenig der ästhetische Positivismus oder Historismus, welcher eine einzelne positive oder geschichtlich gegebene Erscheinung der Kunst (z. B. die Antike oder die mittelalterliche Kunst) zum allgemein giltigen Massstab des Schönen erheben will, stellt die wahre Form dieser Wissenschaft dar. Diese kann nur von der Betrachtung derjenigen Eigenschaften, welche das Schöne als Schein — abgesehen ebenso von dessen möglicher oder wirklicher Bedeutung für einen ausserhalb desselben gelegenen Gehalt, wie von dessen Ursprung aus einem schöpferischen Subject — an sich (objectiv) besitzt, ihren streng wissenschaftlichen Ausgang nehmen.

83. Aesthetik als Wissenschaft ist daher weder materiale, den Schein auf ein Sein beziehende, noch historische, den Schein seinem Ursprung nach erklärende, sondern wesentlich formale, den Schein als Schein behandelnde Wissenschaft. Da sich nun, wenn, wie gefordert, sowol von der Bedeutung, wie von dem Ursprung des Scheins abgesehen wird, an diesem nichts weiteres unterscheiden lässt, als wie derselbe und was an demselben scheint, so kann die dem Schein als Schein zugewandte Betrachtung wesentlich keine anderen als diese zwei Gesichtspunkte umfassen.

84. Ersterer, welcher das Wie d. i. die Lebendigkeit, Kraft, Energie, Reichthum, Fülle und Mannigfaltigkeit des Scheins oder deren Gegentheile ins Auge fasst, kann der Gesichtspunkt der Quantität, letzterer, welcher die Einheitlichkeit oder Gegensätzlichkeit, innere Uebereinstimmung oder Widerstreit des Scheins zum Objecte hat, der qualitative heissen. Jener umfasst das Verhältniss, in welchem das Quantum des vorschwebenden Scheins zu der aufnahmsfähigen Capacität des ästhetischen Subjects steht, letzterer begreift die Verhältnisse, in welchen entweder der vorschwebende Schein seinem Was nach zu einem ausserhalb desselben gelegenen Sein steht, oder, da nach dem Obigen von einem solchen hier abgesehen werden muss, diejenigen, in welchen die Theile des Scheins ihrem Was nach zu- und untereinander stehen. Nach dem ersteren wird der starke vom schwachen, der reiche vom dürftigen, der geordnete vom ordnungslosen Schein, nach diesem werden im Inhalt des Scheins gleiche und ungleiche, verträgliche und unverträgliche, harmonische und disharmonische Theile unterschieden.

85. In Bezug auf das Wie steht der starke d. i. mit einem hohen Grad von Lebhaftigkeit dem ästhetischen Subject vorschwebende Schein dem schwachen d. i. nur mit einem geringen Grad von Lebhaftigkeit im Bewusstsein vorhandenen; der reiche, einen grössern Raum im Bewusstsein mit mannigfaltigem Inhalt ausfüllende Schein dem dürftigen, mit einförmigem Inhalt erfüllten; der in sich zusammenhängende und geordnete dem zusammenhangslosem und in sich ordnungslosem Schein gegenüber: so dass je der erstere, wenn von dem Was des Vorschwebenden abgesehen und nur das Wie des Vorschwebens im Auge behalten wird, vor dem letzteren — was den die Vorstellung des Scheins im Gemüth begleitenden Zusatz des Wohlgefallens oder Missfallens betrifft — den Vorzug hat. Wird lebhafterer Vorstellungsinhalt mit minder lebhaftem nur in Bezug auf den Grad der Lebhaftigkeit beider verglichen, so gefällt der erstere neben dem letzteren, missfällt der letztere neben dem ersteren unbedingt, welches auch immer der Inhalt des Vorschwebenden selbst oder die sonstige, individuelle Gemüths- und Geistesbeschaffenheit des Subjectes sei, dem er vorschwebt. Aus diesem Grunde gefällt die sinnliche Vorstellung mehr als die unsinnliche, das Bild mehr als der Begriff, die anschauliche Vorstellung mehr als die abgezogene, die concrete mehr als die abstracte; aber auch dasjenige, was „in kürzester Zeit die grösste Menge von Vorstellungen anregt” (worin Hemsterhuis und Goethe das Wesen des Schönen fanden) mehr als dasjenige, das in verhältnissmässig langem Zeitraum verhältnissmässig wenig Vorstellungen erzeugt, dasjenige, welches das Vorstellen in gesetzlicher und geregelter Weise beschäftigt, mehr als dasjenige, durch welche dasselbe in sprunghafte und verworrene Thätigkeit geräth.

86. Der Grund des Gefallens in dem einen, des Missfallens in dem anderen Falle liegt in der naturgesetzlichen Beschaffenheit des Bewusstseins. Wird das Vorstellen in eine seiner Natur angemessene Bethätigung versetzt, so entsteht ein Lust-, findet das Gegentheil statt, ein Unlustgefühl. Da nun die lebhafte d. i. mit einem höheren Grade von Intensität vorgestellte Vorstellung das Vorstellen in einem höheren Grade beschäftigt als dies bei der minder lebhaften d. i. mit einem geringeren Grade von Intensität vorgestellten Vorstellung der Fall ist, so dass die Differenz der Intensitätsgrade beider auf der Bewusstseinsscala sich wie die Differenz der Wärme-Intensitäten auf der Thermometerscala ablesen lässt, so folgt, dass das Vorstellen der lebhafteren von einem höheren, jenes der minderen Intensität von einem geringeren Lustgefühl begleitet sein muss, welches letztere, nur mit dem ersteren verglichen, als relatives Unlustgefühl sich herausstellt. Dasselbe muss bei dem reicheren und mannigfaltigeren verglichen mit dem dürftigeren und einförmigeren Vorgestellten der Fall sein, indem das erstere das Vorstellen nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ mehr beschäftigt als das letztere; und eben dies bei dem in sich zusammenhängenden und gesetzmässigen Vorgestellten im Gegensatze zu dem in sich zerrissenen und lückenhaft Vorgestellten, indem das erstere das Vorstellen in einem naturgemässen und sich aus sich selbst entwickelnden Gange erhält, das letztere dasselbe durch seine Zusammenhanglosigkeit nöthigt, seinen Gang zu unterbrechen, sowie durch seine Sprunghaftigkeit, seine bisherige Richtung plötzlich und gewaltsam abzubrechen und eine neue durch nichts vorbereitete und vermittelte Richtung einzuschlagen. Von der Unlust, die das Bewusstsein durch den Mangel oder die Monotonie des Vorstellungsinhalts erleidet, gibt das Gefühl der Langenweile — von der Unlust, welche die gezwungene Unterbrechung oder das gewaltsame Abbrechen der bisherigen Vorstellungsreihe mit sich führt, gibt der Widerwille Zeugniss, den das Anhören eines zusammengewürfelten Vortrags oder das Auffassen einer regellosen Körpergestalt dem Vorstellenden einflösst.