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VORREDE.

Titel und Vorrede stehen vor dem Buche. Soll diese nicht eine Rede aus dem Buche, sondern vor dem Buche sein d. h. nichts enthalten, was in das letztere selbst gehört, so bleibt ihr nur übrig, sich mit dem ersteren und mit dem Vorredner selbst zu beschäftigen. Ueber beide werden wenige Worte genügen.

Anthroposophie ist der Name des Buches. Die Philosophie, welche denselben wählt, will damit angedeutet haben, dass es weder ihr Ziel sei, wie das der speculativen Schule, Theosophie, noch ihr genüge, wie empirischer Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu sein. Wenn derselben — nicht zu ihrem Leidwesen — die speculativen Schwingen fehlen, um mit ikarischem Aufflug das gottgleiche Wissen des theocentrischen Standpunktes der ersteren zu erreichen, so mangelt ihr nicht weniger die in mancher Hinsicht beneidenswerthe Gabe, über die Schranken und Widersprüche, die der gemeine Erfahrungsstandpunkt in sich trägt, das kritische Auge zuzudrücken. Ihr Wunsch geht dahin, anthropocentrisch d. i. „Menschenwissen” und doch Philosophie d. h. von der Erfahrung aus-, aber, wenn es das logische Denken erfordert, über dieselbe hinausgehende Wissenschaft zu sein.

Dasselbe bezeichnet sich als „Entwurf eines Systems” und zwar „einer idealen Weltansicht auf realistischer Grundlage”. Ersterer Charakter wird dessen knappe Fassung und die Abwesenheit erweiterter Polemik rechtfertigen. Als Versuch eines Systems muss es gewärtig sein, so wenig nach dem Geschmack des ungebundenen „Philosophirens auf eigene Hand”, welches in unseren Tagen gerade wie vor hundert Jahren herrschende Mode ist, gefunden zu werden, wie sie dieses selbst nach dem ihrigen findet.

Dagegen möchte die ideale Weltansicht, die es vertritt, weder mit dem schulmässigen Idealismus aller Farben, noch deren realistische Grundlage mit dem platten Realismus ideenloser Erfahrung verwechselt sein. Der Idealismus derselben besteht nicht darin, wie der Platonische, an die Wirklichkeit, sondern wie jener Kant’s und der Sittenlehre Fichte’s, an die Verwirklichung der Ideen durch Menschenhand zu glauben. Die realistische Grundlage desselben aber ist nicht der gemeine (Baconische), sondern der philosophische Realismus, wie er auf Kant’s kritischer Basis von dessen realistischen Nachfolgern dem metaphysischen Idealismus der Gegenseite entgegengesetzt worden ist.

Dessen in vorliegender Darstellung gewonnene Gestalt wird von den Gegnern desselben eben so mit jenem Herbart’s als geistesverwandt erkannt, wie von Freunden des letzteren in nicht wenigen und nicht unerheblichen Punkten über denselben hinausgehend genannt werden. Dass deren Abweichungen von der ursprünglich Herbart’schen Fassung nicht neu, sondern, wie z. B. das kritische Verhältniss zur Theorie der Selbsterhaltungen als des wirklichen Geschehens, so wie jenes zu der Annahme der sogenannten „einfachen Empfindungen”, in der Denkweise des Vorredners vom Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn an vorhanden gewesen seien, haben frühere Schriften desselben, wie dessen 1847 und 1849 erschienene Monographieen: „Leibnitz’s Monadologie” und „Leibnitz und Herbart, eine gekrönte Preisschrift” bezüglich der Selbsterhaltungen, dessen 1865 veröffentlichte: „Aesthetik als Formwissenschaft” bezüglich der einfachen Empfindungen hinlänglich an den Tag gelegt.

Herbart hat sich bekanntlich am Schlusse der Vorrede zu seiner im Jahre 1828 erschienenen „allgemeinen Metaphysik” einen „Kantianer vom Jahre 1828” genannt. Wenn Schreiber dieses, der seine erste Anregung zum philosophischen Studium einem Gegner Kant’s (dem gerade vor hundert Jahren, am 5. October 1781 geborenen edlen Denker und Dulder Bolzano) und einem Freunde Herbart’s (dem scharfsinnigen Kritiker der Hegel’schen Psychologie, Exner) verdankt, heute, wo seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft gerade ein volles, seit jenem der allgemeinen Metaphysik mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen ist, sich „einen Herbartianer vom Jahre 1881” zu nennen unternimmt, so glaubt er damit sein Verhältniss zu Kant wie zu Herbart zutreffend bezeichnet zu haben. Die Uebereinstimmung mit Beiden verbirgt sich nicht; über die Abweichungen, zustimmend oder ablehnend, mögen Kundige urtheilen.

Geschrieben im Säcularjahr der „Kritik der reinen Vernunft”.