318. Wie dem denknothwendigen das durch die Erfahrung gegebene Wirkliche, so steht dem denknothwendigen das empirisch gegebene Wirken gegenüber. Die Vorstellung des letzteren unterliegt um so mehr logischen Schwierigkeiten, als weder der Begriff eines Wirkens durch den leeren Raum, wie er durch die discrete Vertheilung der Atome im Raume gefordert ist, noch der Begriff eines Dinges, welches eins und zugleich der Träger vielfach sich ändernden Wirkens, noch endlich jener der Veränderung d. h. eines Dinges, welches anders geworden und doch dasselbe geblieben sein soll, und jener der unter den letztgenannten fallenden Bewegung als Ortsveränderung ohne schwerwiegende kritische Bedenken bleibt. Erstgenannter ficht durch die Einsicht in die Unmöglichkeit, dass von dem angeblich Einfachen Theile sich loslösen und durch einen Sprung über das Leere hinüber einem andern eben so Einfachen einverleibt werden könnten, streng genommen die Möglichkeit so wol der Anziehung wie der Abstossung und damit die Basis des physischen Zusammenhangs unter den Elementen der Körperwelt an. Die Einheit des Dinges, während dessen Wirken ein vielartiges sein soll, ruft den Widerspruch, wie Eins = Vielem gedacht werden könne, die Identität des Dinges, nachdem es ein anderes geworden, ruft den Widerspruch, wie Eines und dasselbe zugleich nicht dasselbe sein könne, wider sich hervor und nöthigt, dem ersteren durch die Annahme, dass das Wirken eines Dinges das Product nicht eines einzigen Atoms, sondern des Zusammenseins einer Gruppe mehrerer Atome sei und demnach, wenn die Bestandtheile dieser Gruppe verschiedene seien, sehr wol ein Verschiedenes nicht nur sein könne, sondern sein müsse, dem zweiten dagegen durch die Bemerkung zu begegnen, dass, weil jedes sogenannte „Ding” nur eine Gruppe von Atomen, also ein Ganzes sei, dasselbe durch das Ausscheiden einzelner und Eintreten anderer, während der Rest derselbe geblieben ist, sehr wol eine Veränderung erlitten und doch (in Bezug auf obigen Rest) seine Identität aufrecht erhalten haben könne. Bezüglich der Bewegung als Ortsveränderung aber gilt, dass dieselbe nur dann einen Widerspruch einschliesse, wenn dieselbe in dem Sinn verstanden wird, dass das Bewegliche im selben Zeitpunkt an einem und demselben Orte befindlich und nicht befindlich, keineswegs aber, wenn dieselbe so aufgefasst wird, dass das Bewegliche in jedem stetig auf einander folgenden Zeitpunkt in einem anderen Orte befindlich sei. Dieselbe setzt daher eben so nothwendig die Zeit als den Raum voraus und wird durch das Verhältniss des in einem gewissen Zeitabschnitt zurückgelegten Raumes d. i. durch die Geschwindigkeit gemessen.

319. Das in der Zeit vor sich gehende erfahrungsmässig gegebene Geschehen, die Veränderung des Zustandes der Körperwelt, ist eine dreifache, und zwar tritt dasselbe, je nachdem entweder nur der Ort des Körpers, wobei dessen Form sowol als Stoff dieselben bleiben, oder nur die Form des Körpers, während der Stoff unberührt bleibt, oder schliesslich auch dieser eine Veränderung erleidet, als Orts-, Form- oder Stoffwechsel auf. In ersterer Hinsicht kann die Bewegung der Richtung nach entweder eine fortschreitende, wie bei dem Stoss und Wurf, oder eine in sich zurückkehrende, wie bei den rotirenden Weltkörpern und den Blutkörperchen im Blutkreislauf, oder eine zugleich fortschreitende und in sich zurückkehrende Bewegung, wie bei dem um die Erde sich drehenden und zugleich mit dieser um die Sonne bewegten Monde sein. Der Qualität nach kann dieselbe entweder eine in gleichen Zeitabschnitten auf gleiche Weise sich wiederholende (gleichförmige) oder in gleichen Zeiträumen abnehmende (retardirende) oder zunehmende (accelerirende) Bewegung, in ersterer Hinsicht überdies entweder eine am selben Ort sich gleichförmig wiederholende (schwingende), oder dabei zugleich im Raume fortschreitende, entweder nach der nämlichen, oder abwechselnd nach entgegengesetzten Richtungen von der Fortschrittslinie gleichförmig ausschlagende Bewegung sein: jene ergibt die periodische Bogen-, diese die Wellenbewegung. Hinsichtlich des Formenwechsels findet beim mechanischen und chemischen Körper ein Uebergang des festen in den flüssigen und luftartigen Zustand, oder des flüssigen in den festen und luftförmigen, oder des letztgenannten in den festen und flüssigen statt, während beim organischen die sogenannte Transformationslehre (Darwinismus) im Gegensatz gegen die Theorie von der Constanz der Arten und Gattungen es mehr als wahrscheinlich gemacht hat, dass nicht nur in der vegetabilischen Natur die Arten und Gattungen der Organismen durch allmälige Umbildung einer oder weniger ursprünglichen Pflanzentypen („Urpflanze”, „Metamorphose der Pflanze”: Goethe), sondern auch in der animalischen Welt die Arten und Gattungen des Thierreichs durch allmälige Umbildung eines oder einiger ursprünglicher Thiertypen („Bathybios”, „Gastraea”: Haeckel), sei es auf dem Wege immanenter Teleologie (Goethe), sei es auf dem natürlicher Zuchtwahl (Darwin), oder unwillkürlicher, reflexartiger Nachahmung („Mimicry”: Wallace) in einander übergehen. Was den Stoffwechsel betrifft, so hat die Erfahrung bis heute zwar die Vermuthung, dass der unorganische chemische Stoff nur eine Umbildung des primitiven mechanischen Stoffs sei, durch die chemische Typentheorie wahrscheinlich zu machen, für die Behauptung aber, dass der organische Stoff nur eine Umbildung des unorganischen, der belebte Naturkörper aus leblosen, etwa durch Urzeugung (generatio æquivoca), entstanden sei, eben so wenig einen jeden Zweifel ausschliessenden Beweis durch Thatsachen zu führen vermocht, wie für die weitere, dass das „Phänomen der Empfindung”, durch welches der (anderes und sich selbst) vorstellende Organismus sich von dem nicht vorstellenden, obgleich ebenfalls organischen Körper unterscheidet, nichts anderes als eine Umbildung des derselben entsprechenden „Nervenreizes” und demnach als psychischer oder Bewusstseinsvorgang von diesem als physiologischem d. i. Nervenzustand, eben so wenig wie dieser als organischer Vorgang von den unorganischen Vorgängen der mechanisch-chemischen Körper dem Wesen nach verschieden sei. Insbesondere was die letztgenannte von den positivistischen und materialistischen Gegnern einer weder mit Biologie noch mit Phrenologie und Physiologie identischen Psychologie immer von neuem wiederholte, aber niemals bewiesene Versicherung betrifft, haben ausgezeichnete Physiologen (Ludwig, Fick) ein offenes: ignoramus, einer der ausgezeichnetsten (Dubois-Reymond) sogar ein eben solches: ignorabimus ausgesprochen.

320. Wie die Gesammtheit der im Weltraum vertheilten (unorganischen und der auf einem oder dem andern derselben anzutreffenden organischen) Körper in ihrer gegenseitigen physischen Zusammengehörigkeit mit und in ihrer Abhängigkeit von einander, so weit dieselben unserer Erfahrung zugänglich sind, das physische Weltall, den Kosmos, so macht die Gesammtheit des in und zwischen denselben in der Zeit vor sich gehenden Geschehens, deren periodischer und nichtperiodischer Orts-, Formen- und Stoffwechsel von der unmessbaren, primitiven Oscillation des Aethers bis zu den Umläufen der Weltkörper und dem schwankenden Gleichgewicht einander äquilibrirender Weltsysteme, von der Zerlegung des Wassertropfens durch den elektrischen Funken in seine Elemente bis zu den ein System von Weltkörpern erleuchtenden und erwärmenden Verbrennungsprocessen gasförmiger Centralsonnen, von der molecularen Anziehung und Abstossung primitiver Stofftheile bis zu den verwickelten mechanisch-chemischen Processen, welche die Erscheinung des Lebens und das Erwachen des Bewusstseins bedingen, herauf, so weit dasselbe unserer Erfahrung zugänglich ist, die Naturgeschichte der physischen Welt, die Geschichte des Weltalls aus.

ZWEITES CAPITEL.

Das Ich.

321. Wie die Erfahrung lehrt, dass es physische d. h. mechanische, chemische und organische, so lehrt sie auch, dass es psychische d. h. dass es Phänomene des Empfindens und Vorstellens, des Fühlens, Begehrens und Wollens gibt, aber sie lehrt keineswegs, weder dass physische und psychische Vorgänge identisch, noch dass sie nicht identisch seien. Was die Erfahrung als äussere an der Hand der sinnlichen Beobachtung und des durch künstliche Werkzeuge verschärften Experiments über die Phänomene des als vorstellend bezeichneten belebten Organismus zu erreichen vermag, ist (wenigstens bis zur Stunde) noch niemals Empfindung (psychischer Zustand) gewesen, sondern jedesmal, wenn auch noch so sehr verfeinerter physischer Zustand (eine Bewegung, ein Nervenreiz, ein Zersetzungsvorgang) geblieben. Was die Erfahrung als innere an der Hand der Beobachtung seiner selbst und Anderer und des, so weit die Natur der Sache es erlaubt, künstlich angestellten Versuchs blosszulegen vermochte, war noch nicht physischer (Bewegung, Reiz, chemischer Process), sondern ausschliesslich immer wieder psychischer Vorgang (elementare Sinnes- oder Muskelempfindung, elementares Lust- oder Schmerzgefühl, elementares Streben oder Verabscheuen). Sowol die Behauptung, dass Bewegung (ein extensiver Zustand) Empfindung, wie jene, dass Empfindung (ein intensiver Zustand) Bewegung sei, ist jede für sich ein unerlaubter Schritt auf Grund angeblicher über die Grenze gegebener Erfahrung hinaus auf ein Gebiet, wo nicht die (nicht vorhandene) Thatsache, sondern allein die aus Thatsachen gezogene denknothwendige Folgerung zu entscheiden vermag.

322. Es ist nicht die Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen dem äusseren Anschein nach, welche bestritten wird, eben so wenig als die Gegner der Verschiedenheit organischer und unorganischer Körper den anscheinenden Unterschied beider zu leugnen gewillt sind. Aber in dem einen wie in dem andern Fall geht die Tendenz dahin, die allerdings anscheinende Verschiedenheit als eine blos scheinbare darzulegen und so wie die organischen und unorganischen Körper, auch physische und psychische Phänomene dem Wesen nach als identisch hinzustellen. Insoweit dieses Bemühen sich auf das angebliche wissenschaftliche Bedürfniss stützt, in der Gesammtheit der erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen Einheitlichkeit nachzuweisen, würde dasselbe, wenn die letztere Einheit in der Mannigfaltigkeit d. i. Harmonie wäre, mehr ein ästhetisches, also der strengen Naturwissenschaft fremdes, als ein direct wissenschaftliches Bedürfniss, wenn dieselbe aber vielmehr Einerleiheit (langweilige Monotonie, abwechselungslose Einförmigkeit), wie es wahrscheinlicher ist, bedeuten sollte, im Grunde gar kein Bedürfniss befriedigen. Insofern dasselbe einerseits die Verschiedenheit der Phänomene d. i. des scheinbar Wirklichen, andererseits die Identität des Substrats d. i. des wahrhaft Wirklichen zur Voraussetzung hat, widerspricht dasselbe dem denknothwendigen Axiom, dass, wie der Vielheit des Scheins eine Vielheit des Seins, so der qualitativen Mannigfaltigkeit des ersteren eine eben solche des letztern entsprechen müsse. Das Gleichniss Fechner’s, dass Physisches und Psychisches wie die beiden Ansichten eines Kreisbogens sich verhalten, der von der Seite des Mittelpunktes aus betrachtet concav, von jener der Peripherie aus gesehen convex erscheint, ohne dadurch aufzuhören, ein und dasselbe zu sein, kann wol blenden, aber nicht beweisen. Denn eben dieses Herausgehen nach der entgegengesetzten Seite, um das Object von dieser aus ins Auge zu fassen, ist bei dem Verhältniss zwischen Physischem und Psychischem aus dem Grunde unmöglich, weil der Umkreis des Psychischen d. i. der Bewusstseinsphänomene, zu welchen auch die Sinnesempfindung und sinnliche Wahrnehmung gehört, auch von demjenigen Beobachter, der sich wie der Naturforscher auf die Seite des Physischen stellt, in keiner Weise überschritten werden kann. Von dem, worin der Physiker das Wesen des optischen oder des akustischen Phänomens erblickt, von der Oscillation der Aethertheilchen oder den Luftwellen ist in demjenigen, was der Psychologe als das Wesen der Gesichts- oder Gehörsempfindung ansieht, in der qualitativen Farbe oder dem eben solchen Ton, nichts Gleichartiges anzutreffen, noch lässt sich die Anzahl von mehr als vierhundert Billionen Schwingungen mit der Empfindung des Blauen oder jene von 32 Schallwellen in der Secunde mit jener des tiefsten hörbaren C-Tones der Orgel vergleichen. Physische und psychische Erscheinungen, als Phänomene betrachtet, sind nicht blos scheinbar, sondern wahrhaft verschieden und, was ihre qualitative Natur, allerdings nicht, was deren quantitatives Mass betrifft, schlechterdings unvergleichbar.

323. Dennoch wäre es voreilig, wie der qualitative Dualismus thut, aus der Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen auf eine qualitative Verschiedenheit ihrer beziehungsweisen Substrate d. i. da das scheinbar Wirkliche auf wahrhaft Wirkliches deutet, auf eine zwiespältige qualitative Beschaffenheit des Wirklichen zu schliessen. Die Folgerung, dass, wenn die Erscheinung verschiedenartig sei, auch das Wesen des derselben zu Grunde liegenden Wirklichen ein verschiedenartiges sein müsse, hat nur dann Gewalt, wenn sie dazu gebraucht wird, um darzuthun, dass das in diesem Falle zu Grunde liegende Wirkliche nicht ein einziges, sondern ein multiplum von Wirklichen sein, den verschiedenen Erscheinungen demnach nicht ein und dasselbe, sondern bald diese, bald eine andere Gruppe von mehreren Wirklichen zu Grunde liegen müsse. Keineswegs aber folgt daraus, dass jene Wirklichen selbst nicht blos numerisch, sondern ihrer inneren Beschaffenheit nach unter einander verschieden sein d. h. dass sie etwa verschiedenen Classen von Wirklichen angehören müssten, so lange nicht erwiesen ist, dass die blosse Verschiedenheit äusserer Beschaffenheiten, wie Zahl, Lage, Gruppirung der Atome, nicht hinreiche, verschiedenartigen Schein in der Erscheinungswelt hervorzubringen. Da letzterer Erweis, wie das Beispiel der quantitativen Atomistik lehrt, keineswegs erbracht, im Gegentheil durch diese einleuchtend gemacht worden ist, wie unter Voraussetzung durchgängig gleicher Beschaffenheit der Atome lediglich durch verschiedene Zahl und räumliche Anordnung derselben verschiedene, ja anscheinend ganz entgegengesetzte Phänomene (wie z. B. das nach rechts und das nach links Drehen der Polarisationsebene) sich erklären lassen, so steht von dieser Seite, wie es scheint, nichts im Wege, auch physische und psychische Phänomene auf qualitativ gleichartiges Wirkliches zurückzuführen.

324. Letzteres würde nur dann undenkbar sein, wenn die Qualität eines, mehrerer, oder aller zum erklärenden Phänomen einer-, und jene des denselben zu Grunde zu legenden Wirklichen andererseits einander in der Weise widersprächen, dass die durch die Erfahrung gewährleistete Thatsächlichkeit des oder der einen durch die (aus was immer für einem Grunde) behauptete Beschaffenheit des andern geradezu ausgeschlossen wird. Dieser Fall würde eintreten, wenn zum Beispiel unter den thatsächlichen psychischen Erscheinungen eine solche sich vorfände, die ihrer Natur nach nur innerhalb eines einzigen und zwar eines seiner Qualität nach streng einfachen Wirklichen vor sich gehen kann, während dagegen von anderer Seite behauptet würde, nicht nur, dass alles, was überhaupt als Substrat einer Erscheinung solle angesehen werden können, eine Verbindung mehrerer Wirklicher, eine Gruppe von solchen sein müsse, sondern auch, insofern dasselbe als Träger einer Erscheinung gelten soll, seiner Qualität nach zusammengesetzt sein müsse. In diesem Fall würde entweder die Thatsächlichkeit jenes Phänomens verleugnet, oder, wenn dies dem Zeugniss der Erfahrung gegenüber als unausführbar sich herausstellt, angenommen werden müssen, dass dasselbe, obgleich wirklich, doch ohne wirkliches Substrat, gleichsam in der Luft schwebe.